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Nachrichten Tränen der Freude in neuer Willehadi-Kirche
Umland Garbsen Nachrichten Tränen der Freude in neuer Willehadi-Kirche
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00:15 28.02.2017
Quelle: Kutter
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Garbsen

Es liegt etwas im Raum, für das es ein altmodisches Wort gibt: Frohsinn.

400 Menschen sind am Sonnabendmorgen zum ersten Gottesdienst in die neue Willehadi-Kirche in Garbsen gekommen, obwohl nur 175 reinpassen. Sie sitzen auf Papphockern, sie sitzen im Foyer, sie stehen. Macht nichts. Dies ist wichtig: Nachdem die alte Kirche vor dreieinhalb Jahren bei einem absichtlich gelegten Feuer zerstört worden war, nach der schwierigen Entscheidung für einen Neubau, nach Jahren voller Mühsal zwischen Ruine und Baustelle, wird die neue Kirche ihrer Bestimmung übergeben.

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Mehr als dreieinhalb Jahre nach dem verheerenden Großbrand hat die Willehadi-Gemeinde in Garbsen am Sonnabend ihre Kirche wieder eingeweiht.

Pastorin Renate Muckelberg führt durch den Gottesdienst, Landesbischof Ralf Meister weiht Altar, Kanzel und Taufstein, stellt das Gebäude in den Dienst an Gott. Meister, der zum ersten Mal eine Kirche weiht, sagt in seiner Predigt, dass der Glaube nicht an Steine gebunden sei. Doch der Mensch brauche einen schützenden Raum. Deswegen sei die Kirche das Zuhause der Gemeinde und das Haus Gottes.

Rituale, Blumen, Kerzen. Und natürlich ist alles würdevoll und feierlich. Aber es ist auch lustig und lebendig. Organist Christof Wenzel und Pedro Miguel Freire an der Trompete eröffnen die Feier mit einer strahlenden Sonate von Giovanni Viviani. Der Garbsener Gospelchor „Canto vivo“ pustet alles Pathetische fort. Die Gemeinde selbst findet nur zögerlich ins erste Lied „Lobe den Herren“, die Stimmen klingen anfangs ungelenk. Neuanfänge brauchen eben Zeit.

So sieht die neue Willehadi-Kirche aus.

Die letzten Reste Zaghaftigkeit verschwinden beim Auftritt der Hip-Hop-Formation „Nordic“ der Evangelischen Jugend. Die Choreographie wirkt wie ein Nachempfinden der vergangenen drei Jahre in drei Minuten: Ratlosigkeit, Trauer, Aufbruch, Gemeinsamkeit, Erfolg. Die Jugendlichen bekommen den ersten donnernden Applaus in der neuen Kirche.

Architekt Gerd Lauterbach hat das Zuhause der Gemeinde luftig, elegant und mit Blick auf die Geschichte geschaffen – wortwörtlich: Die Christus-Figur aus der alten Kirche, die erhalten blieb, hängt an einer Wand aus Steinen des abgebrannten Gotteshauses. Und Reste der Mauern sind durch die Fenster zu sehen. Eine Besucherin hat zu Lauterbach gesagt, die Kirche umarme sie. Es wird viel umarmt und ein bisschen geweint an diesem Tag. Und gelacht: Pfarrer Christoph Lindner von der katholischen St.-Raphael-Kirche nebenan bringt ein Erzengel-Bild als Geschenk mit – und einen Solar-Winke-Papst aus Plastik: „Und sie bewegt sich doch.“

Viele Garbsener können den Brand der Willehadi-Kirche im Stadtteil Auf der Horst immer noch nicht fassen. Brandstifter hatten das Gotteshaus in der Nacht zu Dienstag angezündet.

Feuerwehr, Polizei, Helfer und Spender werden ausgiebig beklatscht. Günter Seeber vom Bauausschuss der Kirchengemeinde bekommt stehende Ovationen. Und Renate Muckelberg muss ihren Applaus eigenhändig beenden, sonst hätte die Gemeinde einfach nicht aufgehört. Den Tag des Brandes, sagt die Pastorin, den müsse sie „nicht noch mal haben“. Aber: „Für alles, was danach kam, bin ich dankbar.“ Für den Zuspruch. Für das Beieinanderstehen.

Die Brandstifter werden nicht erwähnt. Sie bekommen nicht die Art Beachtung, die sie wollten. Nicht mal in Form von Verachtung. So was gibt’s nicht in Gottes Zuhause.

Von Bert Strebe

Projekt X: Die Lehren aus dem Feuer

Das Feuer in der Willehadi-Kirche im Juli 2013 war der traurige Höhepunkt, aber längst nicht der Schlusspunkt einer Serie von Brandstiftungen im Problemviertel Auf der Horst. Für die Stadt aber war der Kirchenbrand Anlass, mit Streetworkern in die Jugendprävention einzusteigen. Mit Erfolg: Die Kriminalität ist zurückgegangen, der soziale Friede gestärkt. Auch wenn die Brandstifter nie gefasst wurden. Im Kern der Arbeit steht das Projekt X, ein von Streetworkern betriebener Jugendtreff. „Das ist wirklich sehr erfolgreich“, sagt Garbsens Stadtsprecher Benjamin Irvin.

Mitten im Viertel in einem leerstehenden Supermarkt wurde der Anlaufpunkt für junge Leute eingerichtet. Gemeinsame Aktivitäten, Kochen, Spiele, Sport und Unternehmungen gibt es dort, die Streetworker helfen bei der Suche nach Ausbildung und Arbeit. „Das hat dazu beigetragen, dass die Problemjugendlichen keine großen Probleme mehr darstellen“, meint Irving. „Die Jugendkriminalität hat nachgelassen, wir sind auf einem guten Weg.“

Garbsen ist in Niedersachsen kein Einzelfall, der Landespräventionsrat (LPR) betreut quer durchs Land rund 200 lokale Präventionsräte. Deren Anstrengungen haben aus Sicht der LPR und des Niedersächsischen Justizministeriums zu einem deutlichen Rückgang der Kriminalität Minderjähriger beigetragen. Binnen zehn Jahren sank die Jugendkriminalität in Niedersachsen um fast 64 Prozent, wie aus der Kriminalitätsstatistik für 2016 hervorgeht. „An Garbsen kann man sehen, dass die Präventionsprogramme wirken“, sagt Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne). „Die Aktivitäten und das Engagement vor Ort zeigen deutliche Wirkung.“ Das Ministerium will die Präventionsbemühungen deshalb weiter ausbauen.

Für die Städte sei die Prävention allerdings auch eine Geldfrage, sagt der Beigeordnete des niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, Thorsten Bullerdiek. Auf eine langfristige Förderung hofft auch Sozialpädagoge Christian Hornig, der in Garbsen im Projekt X aktiv ist. Denn das bislang im Zwei-Jahres-Rhythmus verlängerte Projekt läuft derzeit bis Ende 2017. Gemeinsam mit Kollegen ist er auf der Straße unterwegs, die Streetworker drängen sich den jungen Leuten aber nicht auf. „Wir wollen den Finger am Puls der Zeit haben.“ Hilfe bieten sie bei der Arbeitssuche, aber auch wenn junge Leute Stress mit der Polizei haben. Und ganz wichtig, das betont er, ist das Sportangebot – allem voran der Fußball.