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00:19 06.09.2014
Von Michael Zgoll
Seit dem Brand der Willehadikirche in Garbsen hat die Stadt ein Imageproblem. Quelle: Surrey
Garbsen

Natürlich hätte das überall passieren können. Ein unbekannter Mann liest in einem Wohngebiet einen fünfjährigen Jungen auf, lockt oder zerrt ihn in sein Auto, verschleppt und missbraucht ihn und setzt ihn anderswo wieder ab. Es ist ein Horrorszenario, ein paar Tage lang bestimmt es die Schlagzeilen, immer garniert mit dem Namen der Stadt, in der es passiert ist. Und das könnte, wie gesagt, jeder Name sein.
Aber es ist eben wieder Garbsen.

Wieder haben Gewalttaten Garbsen in die Schlagzeilen gebracht. Die Stadt kämpft um ihr Image, aber kaum jemand hört recht zu.

Die Stadt hat ein Imageproblem. Es existiert schon lange, aber seit einiger Zeit scheint es wieder stärker auf. Da war der Hilferuf des Rektors, der 2011 wegen gewalttätiger Jugendlicher Polizeischutz für seine Hauptschule Auf der Horst forderte. Im Juli 2013 brannte die Willehadikirche, auch im Problemstadtteil Auf der Horst, es war der Höhepunkt einer Serie von mehr als 30 Brandstiftungen. Und nun eben die Entführung des Fünfjährigen aus Berenbostel und, beinahe zeitgleich, die Vergewaltigung einer Joggerin im Stadtpark. „Es braucht derzeit viel Überzeugungsarbeit, für unsere Stadt zu werben“, sagt Bürgermeister Alexander Heuer.

Wieder haben Gewalttaten Garbsen in die Schlagzeilen gebracht. Doch was wissen Hannoveraner von Garbsen? Und wie finden die Garbsener ihrer eigene Stadt? Die HAZ hat sich umgehört.

Dagmar Rüttermnann wohnt in Meyenfeld. Meyenfeld ist klein, ländlich, idyllisch, wie viele der 13 Stadtteile der Kommune. Sie sagt: „Viele setzen Garbsen immer noch mit dem Quartier Auf der Horst gleich, das ärgert mich.“ Die Kehrseite: „Wenn bei uns im Dorf ein Einbrecher zugeschlagen hat, beschäftigt das die Anwohner viel mehr als irgendwelche Randale Auf der Horst.“ Aber ganz so leicht schüttelt man auch als Garbsener die schlimmen Vorfälle der letzten Zeit nicht aus den Kleidern. „Nach dem Überfall auf die junge Frau gehe ich im Stadtpark oder im Marienwerder Klosterforst nicht mehr allein spazieren“, erzählt die 77-jährige Gisela Voelkel. Aber Wegziehen aus Havelse? Kommt überhaupt nicht infrage.

Also ist das Image, wie es ist, und damit ist es ein Problem von Marc Müller-de Buhr vom Quartiersmanagement. „Generell ist die Stimmung in der Stadt  wieder besser geworden“, sagt er. „Und sie ist allemal besser als die Außenwahrnehmung.“ Mit Förderprogrammen wie der Sozialen Stadt versucht die Kommune schon lange, die Konflikte zu entschärfen. Ob die Brandstifter der Kirche tatsächlich aus dem Milieu gewaltbereiter Jugendbanden stammen, ist nicht bewiesen, doch aufgeschreckt hat das Feuer die Verantwortlichen allemal.

Seit Anfang 2014 versucht der Jugendhilfeverein „Die Gruppe“ mit dem „Projekt X“ Zugang zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu finden, die mit Integration und Sozialarbeit nichts am Hut haben. Ein ehemaliger Schlecker-Laden ist zur Anlaufstelle geworden, auch tuckern die Mitarbeiter mit einem dreirädrigen Piaggio-Kleintransporter durch die Gegend und signalisieren Gesprächsbereitschaft. „Wir haben derzeit zu 20 bis 30 jungen Leuten Kontakt und freuen uns natürlich, dass einige von ihnen gerade eine Ausbildung angefangen oder einen Job gefunden haben“, erzählt Projektkoordinator Christian Hornig.  

Auf der Horst ist optisch zweigeteilt. Zwischen Hauptstraße und Planetenring hat das Wohnungsunternehmen Semmelhaack viel Geld in die Modernisierung gesteckt. Die Fassaden zeigen freundliches Pastell, Balkone hängen voller Blumen. Das neue Gemeindehaus der Willehadikirche ist fast fertig, der Wiederaufbau des Gotteshauses in vollem Gange. Es passiert was. Das nahe Wohnareal am Rand der Autobahn dagegen bietet immer noch Tristesse pur: Waschbetonplatten-Optik in Graubraun. Im vergangenen Jahr hat der hannoversche Immobilienunternehmer Gregor Baum 786 Wohnungen vom Investmentfonds Candlepower aufgekauft – inklusive Sanierungsstau. Auch das Kronsbergviertel in Berenbostel zählt zu den sozialen Brennpunkten in Garbsen, und auch hier ist das nicht zu übersehen, allen Förderprogrammen zum Trotz. Ein Gesprengsel von Satellitenschüsseln ziert viergeschossige Flachdachquader, Farbe platzt von fahlen Fassaden, verblichene Sonnenschirme, und 96-Fahnen bebildern die Balkone.

Viele Flüchtlingsfamilien aus aller Welt leben in den Problemvierteln, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose. Der Anteil der Migranten an der Garbsener Gesamtbevölkerung liegt bei 24,5 Prozent, in Vierteln wie Auf der Horst oder Kronsberg ist der Anteil von Migranten noch deutlich höher. Natürlich, es gibt sie, die Alteingesessenen, die mit ihren Nachbarn gut auskommen und sich im Kiez zu Hause fühlen. Doch die Rivalitäten zwischen Türken und Kurden, zwischen Russlanddeutschen, Serben oder Arabern bilden unverändert einen Nährboden für Konflikte – und die fallen oft heftig aus.

Das ist das eine Garbsen. Am Blauen See zieht ein Lift Wasserskiakrobaten stetig im Oval. Die Camper und Golfer lassen sich vom steten Rauschen der A 2 nicht aus der Ruhe bringen. Im Stadtpark von Garbsen-Mitte vertreten sich Senioren die Beine im Wassertretbecken. „Die Gegend um den Schwarzen See ist wirklich wunderschön“, schwärmt Dachdeckermeister Rouven Strecker. Erholung kann der 27-Jährige ebenso in der Garbsener Schweiz finden. Im Moor. Am Berenbosteler See. Oder auf dem weiten Radwegenetz.

Garbsen ist, auch, ein Dorf. Mit zwei Barockkirchen, ein paar verbliebenen Bauernhöfen und ganz vielen Einfamilienhäusern. In Horst zum Beispiel, zweieinhalbtausend Seelen klein, läuten die Glocken. Pünktlich um 12. Ein Fachwerkhaus von 1767 verkündet „An Gottes Segen ist alles gelegen“. Zehn Meter weiter gibt’s täglich frische Eier. Zwar kämpfen die Verkäuferinnen im Supermarkt gelegentlich mit dem Alleinsein, aber beim Zeitvertreib hilft die Zettelwirtschaft an der Pinnwand: „Die Freiwillige Feuerwehr Frielingen lädt zur Fahrradtour.“

Aber eine richtige Stadt braucht halt ein Zentrum, erst recht ein Kunstprodukt wie Garbsen. Das Ergebnis: die Neue Mitte. Mit einem Rathaus, 1997 erbaut, das großzügig, einladend, selbstbewusst daherkommt. Mit dem Multiplexkino Cinestar, einer schicken Stadtbibliothek, der Arbeitsagentur. Doch der Platz funktioniert nicht. „Der Wochenmarkt ist hier schon wieder verschwunden, der findet jetzt in Altgarbsen statt“, erzählt Barthel. „Wir haben in Garbsen ein tolles kulturelles Angebot, vom Heitlinger Herbstmarkt bis zum Horster Harlekin“, sagt Heuer. Auch der Breitensport laufe gut. Das Vereinsleben sei intakt, die Schullandschaft mit drei Zentren vielfältig und der Bauboulevard an der B 6 ein Erfolg. Nicht zu vergessen, dass die Maschinenbauer Garbsen zur Unistadt machen, die Finanzen der Stadt in Ordnung seien und die Wirtschaftsdaten positiv.
Heuer könnte noch viel erzählen. Aber wer spricht schon über so etwas?

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