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Nachrichten Krawall-Lage am Sperberhorst - Kinder erhalten falsche Vorbilder
Umland Garbsen Nachrichten Krawall-Lage am Sperberhorst - Kinder erhalten falsche Vorbilder
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00:15 19.05.2013
Von Markus Holz
Eskalation am Sperberhorst: Die Stadt reagiert und packt ein neues Paket. Quelle: Archiv
Garbsen

Wie viele Stunden verbringen Sozialarbeiter der Stadt auf der Straße?

Barbara Willhauck-Wilken: In der Regel verbringt jeder Mitarbeiter aus den beiden Jugendzentren zwei bis drei Stunden pro Woche auf der Straße.

Zu welchen Zeiten?

Barbara Willhauck-Wilken: Montags 20 bis 21.30 Uhr. Und dann noch einmal drei- bis fünfmal wöchentlich bis in die frühen Abendstunden.

An welche Plätze gehen Sie?

Guido Büttner: Vom Freizeitheim Auf der Horst aus sind wir vermehrt natürlich am Sperberhorst, und das seit jetzt eineinhalb Jahren. Wir sind auch am Atlashof, an den Röhren beim Kastorhof, am Bärenhof und an der Endhaltestelle. Alexander von der Heydt: Vom Haus der Jugend aus machen wir den Bogen vom Bolzplatz am Schützenhaus über den Corinthspielplatz durchs Wohngebiet bis zum neuralgischen Punkt am Bolzplatz bei Silvanus an der Wendeschleife und weiter Rote Reihe, Bürgerpark bis Schulzentrum.

Wie gehen Sie auf die Jugendlichen am Sperberhorst zu? Was passiert Ihnen da?

Guido Büttner: Wir kennen dort alle Jugendlichen. Sie sind im Freizeitheim groß geworden und kommen zum Mitternachtssport. Aber dadurch, dass wir 2012 so oft dort aufgelaufen sind, als die Situation eskalierte, sind wir in eine Kontrollfunktion gekommen. Sie sehen uns nicht mehr als Anwälte, sondern als Ordnungshüter – in einem Topf mit der Polizei. Das ist das schlechteste, was einem Sozialarbeiter passieren kann. Im Moment ist Funkstille. Bei diesen Jugendlichen sind wir mit unseren Bordmittel am Ende.

Barbara Willhauck-Wilken: Zum Vergleich: Die Jugendlichen vom Habichthorst (2011) waren alkoholisiert, haben Lärm gemacht, ihren Müll hinterlassen und die Anlieger verärgert. Die haben die Sozialarbeiter aber noch als Vertreter ihrer Interessen gesehen. Das war gut zu meistern für uns. Am Sperberhorst haben wir eine ganz andere Qualität: Das sind kriminelle Handlungen, da ist Lust am Krawall, und da kommen wir an unsere Grenzen.

Guido Büttner: Was dort passiert, ist total zielgerichtet. Das ist eine offene Feindschaft mit dem Umfeld, die sie ausleben können und die beobachtet wird von der Polizei, von Anwohnern, von uns, von Medien. Das ist ein Katz- und Maus-Spiel. Das bringt den Kick.

Iris Metge: Wir müssen nach neuen Antworten suchen. Die Jugendhilfestation hatte für ein Vierteljahr einen Mitarbeiter zusätzlich im Einsatz. Er konnte als Streetworker mit Migrationshintergrund direkt auf die Jugendlichen zugehen und hat in dieser Zeit sehr viel Einzelfallhilfe entwickelt – das scheint ein schlüssiger Weg zu sein. Wir haben darüber nie berichtet, um die Arbeit nicht zu gefährden. Aber die Region war im Hintergrund aktiv. Wir denken darüber nach, ob wir diesen Weg mit zusätzlichem Personal gehen und wollen jemanden suchen. Wir sehen ja die Lücke.

Muss es jemand neues sein? Kann das keiner aus den Reihen der Sozialarbeiter?

Barbara Willhauck-Wilken: Nein, weil die Sozialarbeiter eben nicht mehr die Rolle spielen können, die sie spielen sollten. Sie sind sozusagen verbrannt.

Worum geht es bei den Jugendlichen am Sperberhorst?

Barbara Willhauck-Wilken: Es geht hier überhaupt nicht um Freizeitbeschäftigung wie am Habichthorst; diese Jugendlichen wollten einen Treffpunkt. Am Sperberhorst geht es um individuelle Lebensperspektiven. Hat jemand eine Chance auf dem Ausbildungs- und Berufsmarkt oder nicht? Darum geht es.

Ist das eine Daueraufgabe? Der Einsatz eines Streetworkers über ein Vierteljahr scheint ja nicht nachhaltig gewesen zu sein.

Iris Metge: Das ist es, aber nicht allein für einen Streetworker, sondern im Verbund mit dem Pro Aktiv Center PACE und den Schulsozialarbeitern, damit wir permanent Kontakt halten zu den Jugendlichen. Wir nehmen all die Aspekte aus der Umfrage, aus der Berichterstattung zum Anlass, uns intensiv im Präventionsrat damit auseinander zu setzen. Wir stellen uns der Herausforderung und wir wollen sehen, ob wir ein zusätzliches Maßnahmepaket schnüren können.

Wollen Sie die Nachtwanderer dort hinschicken?

Barbara Willhauck-Wilken: Nein, die haben einen ganz anderen Ansatz. Wir machen mit den Nachtwanderern erste sehr gute Erfahrungen in Berenbostel. Die Jugendlichen erleben: Da wendet sich ihnen jemand zu. Es bewährt sich, wenn Nachtwanderer nicht als Aufpasser auftreten – diese Rolle hätten sie aber am Sperberhorst. Wir wollen auf der Horst Präsenz zeigen, aber nicht in eskalierenden Situationen.

Iris Metge: Wir haben in Garbsen ein sehr durchgehendes Netz sozialer Hilfestellungen von der Krippe bis zum Übergang in den Beruf. Uns fehlt aber der Anschluss, da ist die Lücke. Was ist mit den Jugendlichen, die die Lehre abbrechen, die der Maßnahmen müde sind oder nach der Lehre keinen Job finden? Die müssen wir stärker in den Blick nehmen. Solche Karrieren finden wir am Sperberhorst. Wir haben eine Organisation gefunden, die diese Unterstützung leisten will.

Lassen sich solche Auswüchse wie am Sperberhorst ausschließen?

Guido Büttner: Ich bin jetzt 14 Jahre dabei und habe hier einiges erlebt. Vieles war nach fünf Monaten wieder vorbei. Am Sperberhorst hatten wir schon viel erreicht, auch weil der Anführer in Haft war. Das hat Wirkung gehabt, da war der Wortführer plötzlich weg. Und dann kommt er zurück. Das ermutigt die Jungs weiterzumachen, weil sie das Gefühl haben: Wir haben hier die Macht. Es wird schwer, das zu befrieden. Einiges wird sich verwachsen. Aber die Generation, die nachwächst, bekommt gerade jetzt falsche Signale und Vorbilder. Die Kinder erzählen Geschichten über den Anführer. Der ist Vorbild, nicht wir Sozialarbeiter.

Alexander von der Heydt: Aber manchmal kommen auch Jugendliche viele Jahre später als Erwachsene wieder zu uns, besuchen uns und beichten, dass sie damals wohl ziemlich viel falsch gemacht haben – das gibt es auch.

Unsere Gesprächspartner über Streetworking in Garbsen sind: Barbara Willhauck-Wilken, Leiterin der Abteilung Jugend und Integration, verantwortlich für die Einsätze der Sozialarbeiter und für die Jugendzentren. Sie ist Geschäftsführerin des Präventionsrates. Iris Metge, die Chefin von Barbara Willhauck-Wilken. Iris Metge ist seit März 2010 Sozialdezernentin der Stadt. Ihr untersteht unter anderem der gesamte Bereich Kindergärten und Schulen. Guido Büttner ist einer von drei Sozialarbeitern im Freizeitheim Auf der Horst. Alexander von der Heydt ist zuständig für die Sozialarbeit im Haus der Jugend an der Dorfstraße in Berenbostel.

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