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Nachrichten Neustart nach dem Kirchenbrand
Umland Garbsen Nachrichten Neustart nach dem Kirchenbrand
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14:21 10.02.2014
Von Conrad von Meding
„So schrecklich der Anlass ist – vielleicht  hat er am Ende etwas Gutes bewirkt“:  Prof. Günter Seeber (oben) leitet  für den Kirchenvorstand den Wiederaufbau der Willehadikirche. Quelle: Surrey
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Garbsen

Einige Ziegelwände, die erhalten werden können, sind gereinigt und an der Oberkante gegen Regen abgedeckt. Auch der stolze weiße Kirchturm ist frisch gestrichen – Qualm und Ruß aus der Brandnacht hatten seiner Oberfläche stark zugesetzt. „Wir hoffen, nach Abschluss der Planungen im Sommer mit dem Wiederaufbau beginnen zu können“, sagt Prof. Günter Seeber, der das Millionenprojekt ehrenamtlich für den Kirchenvorstand koordiniert. Und der Stadtteil ringsherum? „Es ist ruhiger geworden“, sagt Seeber. Und: „So schrecklich der Anlass ist – vielleicht hat er am Ende etwas Gutes bewirkt.“

Zwei Jahre lang hatten zwei Jugendgruppen den Garbsener Stadtteil Auf der Horst regelrecht tyrannisiert. Es gab lautstarke nächtliche Treffen auf den Straßen, Bürger hatten Angst, abends auf die Straße zu gehen. Ob die Serien an Brandstiftungen auf das Konto der Gangs gehen, ist bis heute unbewiesen. Auch die Brandstiftung in der Kirche wird wohl nie aufgeklärt. Sie hat den Stadtteil aber bundesweit in die Schlagzeilen gebracht – zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit. Erst 2011 hatten der Schulleiter der Nikolaus-Kopernikus-Hauptschule einen öffentlichen Hilferuf initiiert, weil er der Gewalt an seiner Schule nicht mehr Herr wurde.

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Seit Jahresbeginn ist nun weitgehend Ruhe eingekehrt im Stadtteil. Die Stadtverwaltung hat außer eigenen Streetworkern jetzt auch die Neustädter Jugendhilfeorganisation Die Gruppe engagiert, die offenbar Zugang zu den problematischen Jugendlichen gefunden hat. Direkte Gespräche werden derzeit abgeblockt – zu groß ist die Sorge der Verantwortlichen, dass das zarte Pflänzchen der Integration gleich wieder zerstört wird. Wie man hört, toben sich die Jugendlichen jetzt aber in Jugendzentren aus. Auch eine Fußballmannschaft ist gegründet, „FC Sperberhorst“ ist ihr Name, benannt nach der Sackgasse gegenüber der Willehadikirche, von der aus so viel Angst und Unruhe im Stadtteil ausging.

Dass der Stadtteil sich nach dem Kirchenbrand verändert hat, steht außer Frage. Es habe eine Welle der Solidarität gegeben, sagt Kirchenmann Seeber und erinnert an die große Schülerdemo mit mehreren Tausend Teilnehmern und an die Bürger, die aufgestanden sind, als Rechtspopulisten den Kirchenbrand für ihre fragwürdigen Ziele ausschlachten wollten. Etliche Solidaritätsaktionen hat Garbsen erlebt, muslimische Vereine und Verbände spendeten Geld und zeigten sich solidarisch, die „Leine-Zeitung“, Lokalausgabe der HAZ, verkaufte mehr als 4000 symbolische Steine zu je drei Euro für den Wiederaufbau der Kirche.

Willehadi: Die Kirche ist leer, jetzt wird erkennbar, wie groß der Schaden ist - Blick auf die Westfassade. Dahinter stand die Orgel. Hier griff das Feuer vom Gemeindehaus auf die Kirche über. Die Wand muss ganz neu gemauert werden.

Auch Foad Kazemzadeh vom örtlichen Integrationbeirat sieht den Stadtteil „auf gutem Weg, seinen Ruf zu verändern“. Der Beirat hat für die Osterferien ein Sprachcamp in Zusammenarbeit mit der Hauptschule und der Volkshochschule initiiert. „Wir müssen die Sprachfähigkeit der jungen Leute verbessern, damit sie ihre Sprachlosigkeit nicht in Aggression verwandeln“, sagt Kazemzadeh. Auch wenn der Stadtteil jetzt sichtbar zusammenrücke und die Feuerwehr nach eigener Aussage kaum noch Brandstiftungen in dem Gebiet registriert: „Die Angst der Anwohner wird nicht so schnell verschwinden“, sagt Kazemzadeh: „Die Sache ist nicht so schnell vergessen, das Vertrauen muss erst wieder wachsen.“

Tatsächlich symbolisieren die nächtlichen Vorgänge bis zum traurigen Höhepunkt des Kirchenbrands für viele Bewohner auch die Geschichte eines Behördenversagens. Immer wieder hatten Anwohner in den anderthalb Jahren Polizei und Verwaltung über die Störenfriede informiert und davor gewarnt, die Situation drohe zu eskalieren. Stets sei man vertröstet worden oder als nörgelnder Bürger abgetan worden. Ein Anwohner des Sperberhorsts, der die Jugendlichen fast nächtlich vor seiner Tür ertragen musste, berichtet dies: „Nach vielen Briefen wurde ich ins Rathaus zum Gespräch eingeladen. Ich dachte, jetzt will man sich meine Sorgen anhören. Stattdessen wurde mir von Verwaltung, Polizei und Feuerwehr erzählt, dass ich die Dinge falsch beurteile.“ Kaum zu Wort sei er gekommen, „alles gipfelte in dem Satz: ,Waren Sie nicht auch einmal jung?’“ Auch er bestätigt: „Jetzt ist es ruhiger geworden.“ Doch noch immer hätten viele Angst, wenn sie nachts auf die Straße müssten.

Viele Garbsener können den Brand der Willehadi-Kirche im Stadtteil Auf der Horst immer noch nicht fassen. Brandstifter hatten das Gotteshaus in der Nacht zu Dienstag angezündet.

Das ist schade, denn eigentlich ist Auf der Horst ein lebenswerter Stadtteil, wie auch Kirchenmann Seeber betont. Eigentlich ist es eine hannoversche Siedlung: Als die Landeshauptstadt in den sechziger Jahren wuchs, ließ sie von einer Tochtergesellschaft eine Vorstadtsiedlung errichten, bunt gemischt aus dreigeschossigen Plattenbauten und Bungalows. Als Garbsen 1968 Stadtrechte erhielt, wurde Auf der Horst der jungen Stadt zugeschlagen – und hatte in den Folgejahren wegen unsensibler Wohnungsbelegung und mangelhafter Bauunterhaltung zunehmend Probleme. Es entwickelte sich ein sozialer Brennpunkt. „Dabei hat Auf der Horst eigentlich alles, was man zum Leben braucht“, schwärmt Seeber: „Hier gibt es ein Schwimmbad und Schulen und eine sehr gute Bibliothek, anstelle des abgerissenen Planetencenters entsteht ein moderner Einkaufspark.“ Die Mehrfamilienhäuser sind an Investoren verkauft, unter anderem kümmert sich der hannoversche Immobilienunternehmer Gregor Baum jetzt um die Modernisierung der Wohnungen. Und bald wird es wohl auch wieder eine evangelische Kirche im Stadtteil geben.

Das Gemeindehaus, das sowieso abbruchreif war, wächst bereits heran. Für die Kirche selbst mit ihrem ungewöhnlichen vieleckigen Grundriss, schätzt Seeber, wird die Bauzeit wohl zwei Jahre betragen.

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