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Umland Garbsen Nachrichten Günter Tegtmeyer kennt Heitlingen wie kein anderer
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00:21 14.05.2018
Die Hinkelsteine auf dem Feld sind für den Heitlinger ein Mahnmal für die Anliegen der Bürgerinitiative. Quelle: Linda Tonn
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Heitlingen

 Es stürmt. So sehr, dass die langen Gräser auf den Feldern am Heitlinger Ortsrand hin- und herschwenken und die Baskenmütze auf Günter Tegtmeyers Kopf gefährlich angehoben wird. Doch der 79-Jährige liebt dieses Wetter. Vielleicht auch, weil der starke Wind die Flugzeuge übertönt, die in regelmäßigen Abständen tief über den Ort brettern und das eigene Wort beinahe verschlucken. Immer wieder wandert Tegmeyers Blick zu den großen Maschinen am Himmel – die Flugzeuge und der Heitlinger, das ist eine Geschichte, die eng verwoben ist. 

Günter Tegtmeyer, Mitgründer des Heitlinger Herbstes, Flughafenkritiker und Gedächtnis des Ortsteils, zeigt uns Heitlingen.

Spaziergang voller Erinnerungen

Für den Ortsspaziergang durch Heitlingen hat der Rentner einen Schirm eingepackt, der immer wieder zum Zeigestock wird, während er durch den mit knapp 650 Einwohnern kleinsten Ortsteil von Garbsen führt. Tegtmeyer kennt sich aus und hat viel zu erzählen – ihn bringt auch das Aprilwetter nicht von seiner Route ab: Sie führt von seinem Wohnhaus an der Stelinger Straße vorbei am Friedhof, dem neugestalteten Ortseingang, dem Kindergarten, seinem Elternhaus, der alten Schule, dem Rittergut und bis aufs freie Feld. Knapp drei Stunden dauert der Spaziergang voller Erinnerungen, Anekdoten und Hinweise. 

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Viele Wirkungsstätten

Der 79-Jährige ist eine kleine Institution in Heitlingen, obwohl er das gar nicht gerne hört. Man kennt ihn nicht nur, weil er sich in den Achtziger- und Neunzigerjahren als Flughafenkritiker gegen eine Verlängerung der Startbahn Nord stemmte und mit seiner Bürgerinitiative für das Überleben der Natur kämpfte. Der resolute Heitlinger hat den Kindergarten mitgegründet und mit Dieter Albrecht das Kulturprogramm Heitlinger Herbst entwickelt. Vieles im Ort ist unmittelbar mit ihm verknüpft – so wie die Mauer vor der alten Schule in der Straße Vor den Höfen. Ein paar der roten Backsteine sind etwas heller. Sie waren bereits dem Bagger zum Opfer gefallen, bevor sich Tegtmeyer in letzter Sekunde für den Erhalt einsetzte. Und in dem Gebäude spielen die Kindergartenkinder in einem Betreuungskonzept, das Tegtmeyer und seine Frau Uta ins Leben gerufen haben, als es Mitte der Siebzigerjahre in Heitlingen keinen Kindergarten gab. Ein kurzer Blick in die Räume; die Kinder essen gerade Spaghetti und winken fröhlich: „Hallo Günter.“ Man kennt ihn.

Den Kindergarten hat Tegtmeyer mit aufgebaut. Quelle: Linda Tonn

Paketlösung wird überall sichtbar

Immer wieder wird der Blick auf Details gelenkt, vor allem auf Bäume und Büsche. „Was man hier sieht, gab es vor 30 Jahren nicht“, sagt Tegtmeyer, als er am Friedhof stoppt, und auf die Heckenstücke und Linden zeigt, die sich abwechselnd entlang des Weges aneinanderreihen. Wie viele der Bäume und Streuobstwiesen im Ort und auf den Feldern sind sie Teil der sogenannten Paketlösung. Die Bürgerinitiative hatte gegen den Ausbau der Startbahn geklagt und vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg einen Vergleich erzielt: Der Flughafen verlängert die Bahn statt um 800 Meter Richtung Heitlingen nur um 400 Meter Richtung Westen und um weitere 400 Meter gen Osten. Er zahlt 1,4 Million Mark an die Initiative. Das letzte Geld floss 2006 in die Umgestaltung der bäuerlichen Kulturlandschaft. Die bundesweit einmalige Paketlösung ist ein ständiger Begleiter auf dem Weg durch den Ort. Ob der neugestaltete Ortseingang,  die Eichenalleen oder der restaurierte Rosengarten am Rittergut – „durch das Geld hat sich hier Vieles zum Besseren verändert“, sagt Tegtmeyer

Hinkelsteine sind Mahnmale

An der Straße Vor den Höfen führt der Weg vorbei an seinem Elternhaus, dem 1629 gegründeten Tegtmeyer Hof, und weiter zum Rittergut, der Geburtsstätte des Heitlinger Herbstes. Als anfängliche „Gedankenspinnerei“ bezeichnet Tegtmeyer den Versuch der Initiative, Kultur aufs Land zu bringen. Sie hat Früchte getragen, den Kulturpreis der Stadt erhalten und zieht Jahr für Jahr Hunderte Besucher auf das idyllische Gut. „Es könnte noch idyllischer sein, wenn der Fluglärm nicht wäre“, sagt Tegtmeyer, während er auf das freie Feld abbiegt. Würde er Heitlingen deshalb verlassen? „Nein, ich bin einer, der gegenhält“, sagt der 79-Jährige. „Wegziehen entspräche nicht meinem Temperament.“ Umso symbolhafter sind auch die beiden Hinkelsteine, zu denen der Rentner gegen Ende des Rundgangs führt. „Sie sind ein Mahnmal der Bürgerinitiative“, erklärt er und nimmt auf der Bank Platz. Hier hat man einen schönen Blick auf die Häuser des Dorfes, die Felder, den Schlauchwald. Der Flughafen dagegen scheint sehr weit weg.  

Acht Jahrhunderte Dorfgeschichte

Heitlingen wurde im Jahr 1186 erstmalig urkundlich erwähnt – als Ortsname Hetleghe, was so viel bedeutet, wie „Siedlung auf freier Heide.“ Die Geschichte des Dorfes ist eng mit dem Rittergut verbunden. Allerdings ist nicht genau festzustellen, ob bäuerliche Siedlungen aus germanisch-sächsischer Zeit den Ursprung bildeten, oder ob der Gutshof der Anfang einer ersten Siedlung war. Bis 1867 waren in der Nähe des Gutes 18 größere und kleinere Höfe entstanden, die das Dorf bildeten. Bis zum 2. Weltkrieg wuchs Heitlingen um weitere 30 Ansiedlungen an, heute zählt der Ort mehr als 100 Häuser an. Seit den Fünfzigerjahren hat Heitlingen allerdings seinen rein bäuerlichen Charakter verloren. Was viele nicht wissen: In den Sechzigerjahren sollte am Rand von Heitlingen eine Trabantenstadt mit bis zu 25.000 Einwohnern entstehen, die Neue Stadt Heitlingen. Stattdessen entstand der Stadtteil Auf der Horst. ton

Von Linda Tonn