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Umland Garbsen Nachrichten Stadt erhöht Belohnung nach Kirchenbrand
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12:20 05.08.2013
Von Tobias Morchner
Bunte Bänder symbolisieren die Anteilnahme der Menschen nach dem Brand in der Kirche. Quelle: von Ditfurth
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Garbsen

Der Bauzaun rund um die abgebrannte Willehadi-Kirche im Garbsener Stadtteil Auf der Horst ist mit bunten Bändern geschmückt. Menschen aus dem Viertel haben sie an die Gitter gebunden als Zeichen ihrer Anteilnahme. Von überall her kommen sie am Mittwoch auf den Platz vor dem zerstörten Gotteshaus – sie wollen mit eigenen Augen sehen, was dort geschehen ist.

Jeder von ihnen verbindet eine andere Geschichte mit der Kirche. Einer ist dort konfirmiert worden, ein anderer hat lange Jahre im Flötenensemble mitgepielt, wieder ein anderer war begeistert von den Klängen der Orgel des berühmten Instrumentenbauers Ebner, die ebenfalls ein Raub der Flammen geworden ist. Kaum einer der Zaungäste möchte allerdings seinen Namen nennen oder sich vor der Ruine fotografieren lassen. Aus Angst. „Wenn das wirklich die waren, die hier sonst immer Unsinn machen, ist mir ein Foto in der Zeitung zu riskant“, sagt eine Anwohnerin.

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Viele Garbsener können den Brand der Willehadi-Kirche im Stadtteil Auf der Horst immer noch nicht fassen. Brandstifter hatten das Gotteshaus in der Nacht zu Dienstag angezündet.

Die junge Frau spielt auf eine Gruppe von Jugendlichen an, die das Viertel Auf der Horst zu ihrem Revier erklärt hat. Ihr Treffpunkt liegt nur einen Steinwurf von der Willehadi-Kirche entfernt, am Eingang zur Straße Sperberhorst. Sie haben ihrer Gruppe einen Namen gegeben. AIG nennt sich die Gang, was für  „Ausländer in Garbsen“ steht. Die drei Buchstaben sind an viele Wände und Garagentore des Stadtteils gesprüht oder gemalt – oft in Kombination mit einem anderen Akronym: ACAB. Die Abkürzung steht für den englischen Ausspruch „All cops are bastards“ (Alle Polizisten sind Bastarde).

15.000 Euro Belohnung

Die Stadt Garbsen hat eine Belohnung für Hinweise ausgelobt, die zur Ergreifung der Täter führen. Sie beträgt nun 15.000 Euro, nachdem sich auch die Versicherung der Kirchengemeinde beteiligt.

Im Internet stellen sie ihre selbst gedrehten Hip-Hop-Videos zur Schau, in denen sie sich als böse Gangster-Rapper präsentieren. Nach Angaben der Stadt besteht die Gruppe aus etwa 20 Personen. Anwohner berichten aber, dass sich auch Jugendliche aus anderen Garbsener Stadtteilen und sogar aus Hannover und Braunschweig im Sperberhorst treffen. „Manchmal sind hier 40 oder 50 Leute auf der Straße“, sagt ein Hausbesitzer.

Ob diese Gruppe tatsächlich etwas mit dem Kirchenbrand zu tun hat, ist nicht erwiesen. Anwohner berichten, dass die Jugendlichen auch in der Nacht des Kirchenbrands an ihrem üblichen Treffpunkt waren. „Sie haben hier bis gegen halb eins Silversterböller gezündet – eine halbe Stunde später stand die Kirche in Flammen“, sagt ein Anwohner. Seit drei Jahren haben der 79-Jährige und seine Frau unter den Jugendlichen zu leiden. Immer wieder wird das Ehepaar von Mitgliedern der Gang beleidigt, mit unflätigen Schimpfworten. Vor 14 Tagen ist bei dem Ehepaar eingebrochen worden. „Die Jugendlichen haben uns wegfahren sehen. Als wir wiederkamen, war unsere Terrassentür aufgebrochen und das Schlafzimmer durchwühlt“, berichtet der 79-jährige ehemalige Oberstudienrat.

Beim Brand einer Kirche und eines Gemeindehauses in Garbsen ist ein Schaden von rund einer Million Euro entstanden. Es war mutmaßlich Brandstiftung.

Immer wieder habe er Briefe an die Stadtverwaltung und den Bürgermeister geschrieben und die Zustände im Viertel angeprangert. Passiert sei nichts. „In seiner letzten Antwort hat uns der Bürgermeister zu verstehen gegeben, dass wir ihn doch nicht länger mit unseren Schreiben belästigen sollen“, sagt das Ehepaar. Die beiden hatten sich ihren Lebensabend anders vorgestellt. „Als unsere Kinder aus dem Haus waren, sind wir von Hannover nach Garbsen gekommen, weil die Gegend attraktiv schien“, sagt der ehemalige Lehrer. Heute wollen die beiden nur noch weg aus der Siedlung. „Unser Sohn hat nach dem Kirchenbrand sofort wieder angerufen und gesagt, wir sollen umziehen“, sagt der 79-Jährige. Doch das Ehepaar findet einfach keinen Käufer für den Bungalow, in dem es lebt. „Niemand möchte mehr in dieses Viertel ziehen“, sagt er.

Das Feuer in der Willehadi-Kirche ist nur der traurige Höhepunkt einer langen Serie von Brandstiftungen allein in diesem Jahr. 31-mal ist bislang im Stadtteil Auf der Horst Feuer gelegt worden. Die Tatsache, dass die Verwaltung nicht über alle Brände auf ihrer Internetseite berichtet hatte, gibt Anlass zu Spekulationen. Einige Mehrfamilienhäuser rund um den Sperberhorst sind vor Kurzem verkauft worden. Es geht das Gerücht, dass in dem Viertel auch Wohnungen für die rund 5000 Professoren und Studenten des neuen Maschinenbau-Campus’ im benachbarten Stadtteil Marienwerder entstehen sollen. „Da macht es sich bestimmt nicht gut, wenn es ständig neue Nachrichten über Brandstiftungen im Viertel gibt“, mutmaßt ein Anwohner.

Ermittlungsgruppe soll Brand aufklären

Die Polizeidirektion Hannover hat eine Ermittlungsgruppe eingesetzt, die den Brand der Willehadikirche klären soll. Kann die Polizei nach Monaten der Kontrollen und Streifenfahrten noch zulegen?

„Wir verfallen nicht in Hektik und werden unser Brennpunktkonzept weiter fahren", sagt Ulrich Knappe, Leiter der Polizeiinspektion Garbsen. „Jeder Beamte, der verfügbar ist, wird dort eingesetzt." Die Polizei habe längst erkannt, dass ihre Taktik genauso ausgespäht wird, wie die der Kriminellen. „Zwei Besatzungen von Streifenwagen sind in der Stunde vor dem Brand ganz bewusst von den Heranwachsenden beschäftigt worden", sagte Knappe.

Der ganze Personaleinsatz habe eine Kehrseite. „Das wird als Provokation verstanden", sagte Knappe, „sind wir weg, brennt es; es ist eine Gratwanderung." Ohne entscheidende Hinweise verlässlicher Zeugen in der Bevölkerung sei den Tätern kaum beizukommen.

„Ich hoffe, dass die Belohnung etwas in Bewegung setzt und dass der Brand der Kirche zum Umdenken in der Nachbarschaft führt – wir als Polizei haben schon jede Klinke dort geputzt." Ein Effekt des Willehadi-Brandes: Die Polizei kann ihre Ermittlungsarbeit verstärken, weil sie eine vorsätzliche schwere Brandstiftung aufklären muss. „Sie haben den Bogen überspannt; ich weiß nicht, ob ihnen das bewusst ist", sagte Knappe.

Markus Holz

Große Solidarität mit Gemeinde

Die evangelische Kirchengemeinde Willehadi im Garbsener Stadtteil Auf der Horst hat nach dem Brand ihrer Kirche viel Unterstützung erhalten. Die katholische Nachbargemeinde stellte am Dienstagabend ihre Kirche für eine Andacht zur Verfügung, zu der rund 250 Menschen gekommen waren. Die evangelische Versöhnungskirchengemeinde aus Garbsen-Havelse hat ebenfalls ihre Hilfe angeboten.Am Sonntag um 12 Uhr findet in der katholischen St.-Raphael-Kirche (Antareshof 5, Garbsen) ein evangelischer Trauer- und Gedenkgottesdienst statt, der von Landessuperintendentin Ingrid Spiekermann und Renate Muckelberg, der Pastorin der Willehadi-Gemeinde, gehalten wird.

Noch am Dienstagabend erklärten sich die Fußballer des TSV Havelse bereit, ein Benefizspiel zugunsten der Kirchengemeinde ausrichten zu wollen. „Wenn so eine Katastrophe passiert, dann ist es wichtig, schnell ein Zeichen zu setzen“, sagt Klubgeschäftsführer Stefan Pralle. Einen genauen Termin für das Spiel gibt es noch nicht. Auch nach einem passenden Gegner halten die Havelser gerade Ausschau. „Vielleicht klappt es ja mit dem VfL Wolfsburg, wir müssen mal abwarten“, sagt Pralle. Fans des TSV haben bereits ihre Unterstützung beim Benefizspiel zugesagt. „Viele haben sich schon per Mail gemeldet und angeboten, dass sie Kuchen backen oder ähnliches – das finde ich ganz toll“, sagt Pralle. Sobald Termin und Gegner feststehen, wird der Verein dies über seine Internetseite kommunizieren. „Wir hoffen, dass wir ein schönes Sümmchen zusammen bekommen“, sagt der TSV-Geschäftsführer.

Interview: „Wir glauben an den Standort“

Nachgefragt bei Joachim Röstel, Immobilienchef bei der Baum-Gruppe.

Die Baum Unternehmensgruppe hat kürzlich 1120 Wohnungen im Bereich Auf der Horst gekauft. Was sagen Sie zur Entwicklung?
Die Vorgänge sind inakzeptabel und haben uns sehr erschreckt. Wir wissen, dass es dort schon länger Jugendgangs gibt. Nach unserer Kenntnis kommen sie aber nicht nur aus dem Stadtteil, sondern auch aus umliegenden Quartieren.

Bereuen Sie die Investition?
Keinesfalls. Wir halten den Standort wegen seiner aufgelockerten Bauweise mit vielen Grünflächen für sehr gut. Auch Garbsen insgesamt hat sich in der letzten Zeit sehr gut entwickelt.

Sie haben den Großteil der Wohnungen aus dem Candlepower-Paket gekauft, das zuvor weltweit von Investoren weitergereicht wurde und als abgewirtschaftet gilt. Was haben Sie damit vor?
Wir investieren. Bisher ist  bereits ein siebenstelliger Betrag investiert worden. Und wir machen weiter: neue Fenster, Dächer, Außenanlagen.

Stimmt es, dass Ihre Zielgruppe speziell Studierende sind?
Nein. Die Wohnungen sind familienfreundlich. Aber Studierende sind uns natürlich auch willkommen.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren?
Alle müssen an einem Strang ziehen, auch wir fühlen uns da in der Verantwortung. Wir sind zuversichtlich, dass wir gemeinsam mit der Stadt Garbsen uns dieser Aufgabe stellen und dem Viertel die Qualität zurückgeben können, die es verdient.

Interview: Conrad von Meding

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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