Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sicherheit Nach Überfall haben Garbsener Angst vor dunklen Fußwegen
Umland Garbsen Themen Sicherheit Nach Überfall haben Garbsener Angst vor dunklen Fußwegen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 10.05.2013
Von Markus Holz
Quelle: Sabine Erdbrink
Garbsen

In unserer Sicherheitsumfrage liegt der Pfad auf Platz fünf der als besonders unsicher empfundenen Orte in Garbsen. Ermutigt von unserer Umfrage haben rund 100 Anlieger eine Forderung nach mehr Licht unterzeichnet. Die Liste geht an die Städte Hannover und Garbsen.

Der Pfad wirkt wie Niemandsland. Keine Häuser. Rechts ein hoher Zaun, dahinter Baustoffe. Links Gebüsch und Wald - in zwei Wochen dicht wie eine Wand. Sträucher ragen bis in den 200 Meter langen und knapp einen Meter breiten Weg. Tagsüber wirkt er fast idyllisch. Nachts ist es so finster, „dass man die Hand vor Augen nicht sieht“, sagt die dreifache Mutter Anna Busch (Name geändert). „Man sieht ja nicht einmal den Weg.“

Die nächsten Laternen stehen am Beginn und am Ende des Weges. Wer von dort aus dem Licht kommt, steht für 200 Meter im Dunkeln. Der Weg gehört zu Hannover. Er ist die kürzeste Verbindung zwischen Havelse und der Stadtbahnhaltestelle Pascalstraße (siehe Grafik). Sicherere Verbindungen zu gehen, bedeutet Umwege von 600 Metern und mehr, wenn Havelser an der Stadtbahnhaltestelle Skorpiongasse aussteigen. Anna Busch hat die Stadt Hannover Ende 2011 schon einmal gebeten, für Laternen zu sorgen. „Es waren Leute hier, haben sich das tagsüber angesehen und meinten, das ist hell genug“, sagt Busch, „mag sein - bei Vollmond und Schnee.“ Ihre Kinder müssen regelmäßig durchs Niemandsland gehen.

„Man kann hier nicht mehr ohne Angst langgehen“, sagt die Studentin Sarah Bottmer (Name geändert). Nach dem Überfall auf Silke Pankow hat sie sich zur Selbstverteidigung angemeldet und wieder Pfefferspray zugelegt, wie Anna Busch und ihre Töchter. „Ich weiß nicht, wie und ob ich es anwenden kann, wenn ich überfallen werde, aber es gibt wenigstens ein Gefühl der Sicherheit“, sagt Bottmer. „Hier kann man schreien noch und nöcher, hier hört niemand etwas“, sagt Busch. Im Sommer wären Rufe nicht ungewöhnlich: Der Forst ist abends beliebt bei Jugendlichen. „Ich höre die Schreie zwar und sehe auf die Uhr, damit ich später etwas aussagen könnte. Aber jedes Mal, wenn jemand schreit, die Polizei zu rufen? Die erklärt uns für verrückt“, sagt Busch.

Im Fall Pankow gibt es keine Ermittlungsergebnisse. „Wenn hier Licht wäre, wäre das wahrscheinlich nicht passiert“, sagt die junge Frau, „die Strecke ist prädestiniert für solche Überfälle.“ Im Dunklen ist sie den Weg seitdem nicht wieder gegangen.

Der Fall

Silke Pankow (Name geändert) geht den Weg, den sie immer geht, wenn sie von der Spätschicht kommt. Stadtbahnhaltestelle Pascalstraße, Am Hohen Holze entlang bis zum kleinen Fußweg, der rechts Richtung Ricklinger Stadtweg nach Havelse abzweigt. Noch 500 Meter bis nach Hause.

Gründonnerstag, 28. März 2013, 20.30 Uhr. Hinter sich hat die 26-Jährige jemanden wahrgenommen – schon auf der Pascalstraße. Ein Mann, etwa 1,75 Meter groß, schlank, helle Weste, eine Mütze und Handschuhe, ansonsten war er dunkel gekleidet. Sie vergisst den Mann wieder, als er an der Brücke zur Straße Auf der Horst hinaufsteigt.

Silke Pankow biegt ein in den Fußweg, verlässt den Schein der letzten Laterne am Hohen Holz und steht im Dunkeln. Noch 300 Meter. Hinter sich hört sie jemanden auf dem geschotterten Weg joggen, nicht ungewöhnlich am Rande des Marienwerder Forstes. Sie schaltet die Taschenlampe in ihrem Handy an, weil der Fußweg so schmal ist und sie dem Läufer Platz machen will. Als sie im Grünen steht, schaltet sie das Licht wieder aus.

Aber der Läufer läuft nicht vorbei. Er umklammert sie mit kräftigem Griff von hinten und versucht, sie ins Unterholz zu ziehen. Silke Pankow sieht ihn nicht, der Mann bleibt in ihrem Rücken. Sie wehrt sich heftig. Sie schreit. Sie schreit so lange und laut, bis der Mann begreift: Er hat keine Chance, wenn er nicht zu härteren Methoden greifen will. Das will er offenbar nicht. Er lässt los, dreht sich um und rennt zurück Richtung Marienwerder Wald. Die helle Weste kann Silke Pankow noch erkennen – es war der Mann an der Pascalstraße hinter ihr.

Zehn Minuten später alarmiert Silke Pankow von zu Hause die Polizei. Sie hätte sich eher melden müssen, hört sie vom Wachhabenden. Die Streifenwagenbesatzungen finden nichts. Der Mann ist bis heute unbestraft. Darum bleibt die Angst – jeden Tag, wenn sie von der Spätschicht nach Hause geht.

„Meine Mutter kann nicht mehr schlafen, so lange ich nicht zu Hause bin“, sagt die 26-Jährige. Eine Zeit lang war ihr Cousin ihr Bodyguard. Jetzt ruft sie ihre Mutter an, sobald sie in der Bahn sitzt. Die Mutter zählt die Minuten. Ihr Schlafzimmerfenster ist geöffnet, damit sie das nächste Mal die Schreie hört. An jenem Abend an Gründonnerstag hat sie ihre Tochter nicht gehört. Niemand hat sie gehört.

Reaktionen: Im Bezirksrat wird Licht das Thema

Stöcken. Der Verbindungsweg liegt auf hannoverschem Stadtgebiet. Politisch zuständig ist Marion Diener, Bürgermeisterin des Bezirkes Herrenhausen-Stöcken. Sie hat erst durch unsere Anfrage von dem Überfall erfahren: „Ich habe mit großem Schrecken von dem Fall Kenntnis genommen. Das hat mich zutiefst getroffen. Dem Bezirksrat Herrenhausen-Stöcken und mir ganz besonders geht es um die Sicherheit der Bürger in unserem Stadtbezirk. Selbstverständlich werden wir uns als Politik dieses Themas annehmen und noch in der Bezirksratssitzung am 29. Mai Anträge an die Stadt stellen, die hoffentlich ganz schnell eine Verbesserung ergeben. Ich bedaure sehr, dass erst so etwas Furchtbares passieren muss, bevor sich etwas ändert. Wir sind dankbar für jeden Hinweis.“

Die Stadt Hannover will nach Anfrage unserer Zeitung prüfen, „ob Maßnahmen erforderlich sind“, sagt Sprecher Dennis Dix. Sie will sich mit anderen Instanzen kurzschließen. „Wenn Garbsen und die Polizei es für nötig halten, mehr Sicherheit zu schaffen, werden wir sehen, was wir tun können.“ Den Überfall nannte Dix „sehr bedauerlich, aber wir können jetzt nichts auf die Schnelle aus dem Ärmel zaubern“.

Sie haben Angst vor Einbrechern? Damit sind Sie nicht alleine: 83 Prozent der Menschen, die an unserer Sicherheitsumfrage teilgenommen haben, fühlen ähnlich. 38 Prozent befürchten, an der Haustür übers Ohr gehauen zu werden. Wie sich jeder schützen kann, erklärt Melanie Haßlöcher vom Präventionsteam der Polizei.

05.05.2013

Bei unserer Umfrage zum Themenschwerpunkt Sicherheit kam heraus: Viele Bürger fühlen sich in Seelze wohl. Ein Eindruck, den der Oberkommissar und Kontaktbeamte Jens Günther bestätigt: „Wir haben es gut hier in Seelze, hier ist es sicher.“

Thomas Tschörner 05.05.2013
Sicherheit Sicherheit in Garbsen und Seelze - Ergebnisse zur Nachbarschafts-Umfrage

Wir haben Sie gefragt, Sie haben geantwortet: 504-mal. Vielen Dank für die große Resonanz. Die Antworten sind ausgewertet, und wir werden uns in den nächsten zwei Wochen im Themenschwerpunkt Sicherheit dem widmen, was den Bürgern in Garbsen und Seelze besonders am Herzen liegt. An dieser Stelle geben wir einen Überblick zu den wichtigsten Umfrageergebnissen.

05.05.2013