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Hemmingen Polizei: Häusliche Gewalt in allen Stadtteilen
Umland Hemmingen Polizei: Häusliche Gewalt in allen Stadtteilen
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17:30 15.11.2018
Berichten über Hilfsangebote bei häuslicher Gewalt (von links): Diana Sandvoß, Silvia Eckstein, Susanne Giese, Andreas Kasten, Sabine Porth, Lydia Pfeiffer und Heike Grützner. Quelle: Tobias Lehmann
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Hemmingen/Pattensen

Bevor Opfer von häuslicher Gewalt ein neues Leben beginnen können, müssen sie ihr vorheriges häufig komplett aufgeben. Das erläuterte Lydia Pfeiffer, Mitarbeiterin des AWO-Frauenhauses der Region Hannover. Sie gehörte zu den sieben Gästen, die der Bürgerverein Hemmingen zur Diskussionsrunde über das Thema „Häusliche Gewalt“ am Mittwochabend in den Bürgersaal des Rathauses in Hemmingen-Westerfeld eingeladen hatte. „Da der Standort des Hauses geheim ist, dürfen die Frauen dort auch keinen Besuch empfangen“, sagte Pfeiffer.

Das bestätigte der Hemminger Polizeibeamte Andreas Kasten. „Nicht einmal die Polizei weiß, wo das Haus ist. Wenn wir Frauen dort in Obhut geben, wird zuvor ein Treffpunkt verabredet, an dem die Mitarbeiterinnen die betreffende Frau abholen“, sagte er. Kasten nannte konkrete Zahlen. „In Hemmingen hatte wir 2016 insgesamt 55 Fälle häuslicher Gewalt, also mehr als einen pro Woche. Im vergangenen Jahr waren es 39 Fälle“, sagte er. Die Polizei verzeichnete die Taten in allen Stadtteilen von Hemmingen. Sie ließen sich auch nicht auf ein bestimmtes Milieu beschränken. „Häusliche Gewalt gibt es in allen sozialen Schichten“, sagte Kasten. In rund zehn Prozent seien auch Männer betroffen.

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Die Polizei werde oft als Erstes mit solchen Fällen konfrontiert. „Häufig werden wir durch Nachbarn darüber informiert“, sagte Kasten. Sollten in dem betreffenden Haus auch Kinder sein, informiert die Polizei immer das Jugendamt, auch wenn die Kinder bis dahin noch nicht Opfer von Gewalt geworden sind. Ein weiterer Hinweis ergeht an die Frauenberatungsstelle Donna Clara in Laatzen, die auch für Hemmingen und Pattensen zuständig ist. Mitarbeiterin Silvia Eckstein erläuterte, dass in solchen Fällen anschließend immer Kontakt zu den betreffenden Frauen aufgenommen wird. „Wir rufen an und bieten unsere Hilfe an. Wenn wir niemanden erreichen, schicken wir einen Brief mit Informationsmaterialien“, sagte sie.

Es könne ein jahrelanger Prozess sein, bis Opfer häuslicher Gewalt von sich aus Hilfe suchen. Für die Opfer sei das Thema häufig mit Scham behaftet. „Nicht wenige geben sich auch selbst die Schuld dafür, dass sie geschlagen werden“, sagte Eckstein. Die Erfahrung zeige, dass viele Frauen froh darüber sind, wenn sie von Anderen mit der entsprechenden Sensibilität darauf angesprochen werden. Kasten ergänzte, dass auch bei der Polizei nur Mitarbeiter mit Fällen häuslicher Gewalt betreut werden, die speziell darauf geschult sind.

Sollten Kinder von häuslicher Gewalt betroffen sein, gehört in Hemmingen Susanne Giese häufig zu den Ersten, die davon erfahren. Sie arbeitet für den Sozialen Dienst der Stadt Hemmingen. „Dabei geht es nicht immer darum, dass Kinder geschlagen werden, sondern auch um körperliche und seelische Vernachlässigung“, sagte sie. Der Soziale Dienst benachrichtigt bei Verdachtsfällen auch das Jugendamt. Dort wird dann entschieden, ob weitere Schritte unternommen werden oder nicht.

Dass dies immer ein sehr sensibles Thema ist, weiß auch Sabine Porth. Sie hat gemeinsam mit ihrem Ehemann 20 Jahre lang die Außenstelle Hannover Land der Hilfsorganisation Weißer Rings geleitet. „Es gibt Fälle, in denen Väter ihre Kinder schlagen oder sexuell missbrauchen und die Kinder dennoch bei ihnen bleiben wollen. Sie sagen dann, dass sie ihren Vater lieben, nur diese Sachen solle er nicht mehr tun“, sagte Porth.

Die Gleichstellungsbeauftragten Diana Sandvoß aus Hemmingen und Heike Grützner aus Pattensen haben 2010 einen Runden Tisch gegen häusliche und sexuelle Gewalt gegründet. Ihr Ziel ist es unter anderem, ein Netzwerk aufzubauen, in denen sich Experten verschiedener Institutionen austauschen können. Zu den Mitgliedern gehören unter anderem die Polizeistationen und Sozialen Dienste in Hemmingen und Pattensen, das Jugendamt der Region Hannover und die Arbeitsgemeinschaft der Hemminger Sportvereine. Beide stehen auch für Fragen rund um das Thema zur Verfügung: Sandvoß unter der Telefonnummer (0511) 4 10 31 77 und Grützner unter (05101) 1 00 11 09.

Von Tobias Lehmann

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