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Hemmingen Petition soll Kiesabbau am Römerlager in Wilkenburg stoppen
Umland Hemmingen Petition soll Kiesabbau am Römerlager in Wilkenburg stoppen
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00:16 28.02.2019
„Wir dürfen das Erbe unserer Geschichte nicht opfern“: Kristina Osmers und Werner Dicke vor dem Gelände des früheren Römerlagers bei Wilkenburg. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Für Ahnungslose ist dieser Acker nur ein Acker. Doch für Werner Dicke birgt der Boden hier womöglich Antworten auf große Rätselfragen der Geschichte. „Bis zu 20 000 römische Soldaten haben hier einst gelegen“, sagt der 65-Jährige und lässt die Hand über das freie Feld am Ortsrand von Wilkenburg schweifen. Vor dem inneren Auge des früheren Berufsschullehrers ersteht ein römisches Lager wie aus dem Asterix-Heft, mit Wall, Graben und Palisaden.

Um 5 n. Chr. machten römische Legionen hier Station. Wie archäologische Funde vor vier Jahren bestätigten, zählte die heutige Region Hannover zum Aufmarschgebiet der Weltmacht Rom im feindlichen Germanien. Unter anderem entdeckten die Forscher auf dem 500 mal 600 Meter großen Areal rund 100 antike Münzen, darunter ein im heutigen Lyon geprägtes As, und kleine Metallobjekte wie eine Pinzette zum Bartzupfen.

Feldzug gegen den Kies

Gut 2000 Jahre später führen Werner Dicke und seine Frau Kristina Osmers einen eigenen römischen Feldzug – allerdings mit friedlichen Mitteln. Denn die Firma Holcim will just auf dem Areal des früheren Römerlagers im großen Stil Kies abbauen. „Es ist ein Skandal, dass diese Pläne nicht längst gestoppt sind“, sagt die 63-jährige Hildesheimerin. Sie fürchtet, dass Relikte der Vergangenheit dabei unwiederbringlich verloren gingen. „Wir dürfen das Erbe unserer Geschichte nicht opfern“, sagt sie. „Wollen wir Kultur oder Kies?“

Beim Kampf für den Erhalt des Geländes könnte das Ehepaar selbst ein Stück Geschichte schreiben. Seit 2017 gibt es die Möglichkeit, beim Landtag eine Online-Petition zu stellen – und die Petition der Hildesheimer gegen den Kiesabbau könnte die erste sein, der es gelingt, mehr als 5000 Stimmen zu bekommen. Dann müssten die Römerlager-Aktivisten im Petitionsausschuss angehört werden. „Das ist ein Stück direkte digitale Demokratie“, sagt Kristina Osmers.

Mittlerweile rühren Heimatbund und Geschichtsvereine die Werbetrommel für die Petition, die im Internet bereits mehr als 4000 Unterstützer gefunden hat. Bis zum 15. März müssen die noch fehlenden Stimmen im Internet zusammen kommen. Osmers ist optimistisch, dass dies gelingt: „Wir freuen uns, dass wir schon eine große Welle ausgelöst haben“, sagt sie. Die Petition fordert, dass das Kulturministerium das Areal als schützenswertes Kulturerbe erhält. Außerdem soll das Landwirtschaftsministerium das Gelände im Raumordnungsprogramm von der Rohstoffförderung ausklammern.

War Tiberius in Wilkenburg?

Allen Protesten zum Trotz hält Holcim an den Kies-Plänen fest. Allerdings habe die Region Hannover noch nicht entschieden, welche Auflagen mit dem Kiesabbau verbunden wären. Von diesen hänge es jedoch ab, ob die Förderung sich überhaupt lohne, sagt ein Firmensprecher. Bei der Regionsbehörde hingegen wartet man auf einen Bericht des Landes, der festlegt, wie das Bodendenkmal vor dem Kiesabbau zu sichern und zu dokumentieren wäre. Eine Entscheidung lässt seit Jahren auf sich warten.

„Bislang wurde erst ein Prozent des Lagergeländes untersucht“, sagt Werner Dicke. Er fordert eine großflächige archäologische Forschungsgrabung auf dem Areal. Der antike Historiker Velleius Paterculus berichtete, dass der spätere Kaiser Tiberius um 5 n. Chr. Feldzüge zu den Germanenstämmen unternahm. Machte Tiberius persönlich in diesem „bellum immensum“, dem „großen Krieg“, im Wilkenburger Marschlager Station?

Die rührige Römer AG Leine, die Geschichts-Enthusiasten nach den ersten Entdeckungen ins Leben gerufen haben, geht solchen Fragen immer wieder bei Vorträgen und Führungen nach. Der unscheinbare Acker sei längst zur Bildungsstätte geworden, sagt Osmers: „Hier wird Geschichte sinnlich erfahrbar.“

Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf im Interview

Herr Wulf, auf Laien wirkt das frühere Römerlager höchst unspektakulär. Hand aufs Herz: Welche wissenschaftliche Bedeutung hat der Acker bei Wilkenburg wirklich?

Für uns Archäologen ist er ein hochrangiges Denkmal. Es handelt sich um das am weitesten nordöstlich gelegene römische Marschlager, das wir überhaupt kennen, und um das bislang einzige in Niedersachsen. Wir haben bislang die Befestigungsanlagen nachweisen können, und wir haben Münzen und Teile von Pferdegeschirr und persönliche Ausrüstungsgegenstände von Legionären entdeckt. Alle Funde verraten uns viel über die Vergangenheit.

Sind denn noch weitere Funde zu erwarten?

Wir haben erst einen kleinen Teil der Fläche erforscht. Man muss sich so ein Marschlager wie einen großen, befestigten Campingplatz vorstellen, auf dem eben auch einiges verloren geht. Vermutlich gab es dort auch Kloaken und Backöfen, doch die habe wir noch nicht entdeckt.

Archäologische Grabungen kosten viel Geld. Wenn dem Kiesabbau eine Forschungsgrabung voran geht, die von der Firma Holcim finanziert wird – könnten Sie dann nicht zufrieden sein?

Das Lager auszugraben wäre nur die zweitbeste Möglichkeit. Sind Artefakte erst einmal ausgegraben, müssen sie auch restauriert werden, um an der Luft nicht binnen weniger Jahre zu zerfallen – und dafür fehlt das Geld. Außerdem stehen kommenden Generationen vielleicht bessere Forschungsmethoden zur Verfügung als uns heute. Der Erhalt des Geländes hat für uns daher Priorität.

Mehr zu Veranstaltungen ums Römerlager und zur Petition unter www.roemerlager-wilkenburg.org im Internet.

Von Simon Benne

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