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Isernhagen Prozess am Amtsgericht: Angestellte erwischen Dieb in Angelladen auf frischer Tat
Umland Isernhagen

Isernhagen: Amtsgericht verurteilt Angel-Dieb auch wegen Nötigung

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18:42 23.07.2020
Sein Angelequipment wollte sich ein Dieb in einem Altwarmbüchener Geschäft stehlen. Quelle: Torsten Lippelt (Symbolbild / Archiv)
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Altwarmbüchen

Gleich zweimal innerhalb weniger Minuten ist ein Dieb in einem Angelgeschäft in Altwarmbüchen sprichwörtlich auf Fischzug gegangen. Als er das zweite Mal aus dem Geschäft kam, verfolgten ihn dann Mitarbeiter. Der Dieb fuhr jedoch mit dem Auto weg – dabei trug ein Angestellter des Geschäfts Verletzungen an einer Hand davon.

Nun fand sich der Täter wegen des Vorwurfs des Diebstahls und der gefährlichen Körperverletzung statt am Angelteich als Angeklagter vor dem Amtsgericht wieder. Doch im Verfahren selbst entpuppte sich der vermeintlich dicke Fisch, den die Justiz da an der Angel hatte, eher als schmaler Hering.

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Braunschweiger lässt Angeln mitgehen

Den doppelten Diebstahl räumte der 51-Jährige im Prozess von Beginn an ein, da gab es nichts zu beschönigen. Der Braunschweiger hatte im Sommer 2019 das Angelgeschäft in Altwarmbüchen betreten, sich zwei Ruten im Wert von rund 100 Euro gegriffen und diese – ohne zu bezahlen – zu seinem Auto gebracht. Augenblicke später folgte der zweite Beutezug. Dieses Mal ließ er eine Rute und etwas Angelzubehör mitgehen.

Den beiden Mitarbeitern war der Diebstahl nicht verborgen geblieben. Sie sichteten schnell das Videomaterial und folgten dem Braunschweiger dann zu dessen Auto. Dieser übergab ihnen wortlos die Beute des zweiten Diebstahls und setzte sich dann in seinen Wagen. Soweit deckten sich die Aussagen des Angeklagten und der beiden Mitarbeiter vor Gericht.

Wie verletzt sich Mitarbeiter seine Hand?

Juristisch knifflig wurde es bei den Begleitumständen auf dem Parkplatz. Der Angeklagte sagte aus, dass er aus Scham und – um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen – davongefahren sei, ehe die Polizei eintraf. Der eine Mitarbeiter habe auf seinem Wagen herumgetrommelt und an den Scheibenwischern gerissen. „Er wollte den Wagen durchsuchen, das durfte er nicht“, sagte der Angeklagte. Dann hätten die beiden Mitarbeiter neben dem Auto gestanden. „Und ich habe im Zeitlupentempo rückwärts ausgeparkt.“

Doch hatte sich der jüngere der beiden Mitarbeiter seine leichte Handverletzung wirklich beim Trommeln aufs Autodach zugezogen? Oder war das nur Anglerlatein? Die Aussagen der beiden Mitarbeiter klangen etwas anders. Demnach habe der Jüngere hinter dem Wagen gestanden, um das Kennzeichen zu fotografieren, ehe der Dieb wegfahren konnte. „Er ist zügig rückwärts auf mich zugefahren.“ Gerade noch rechtzeitig habe er sich an der Heckscheibe des Kombis abgedrückt und sei zur Seite gesprungen. Sein älterer Kollege bestätigte im Kern diese Schilderung. Doch rührte die leichte Handprellung des Jüngeren daher? Immerhin hatte der Mitarbeiter im Eifer des Gefechts auch versucht, die Autotür aufzureißen.

Aus gefährlicher Körperverletzung wird Nötigung

Für das Schwurgericht und den Vertreter der Staatsanwaltschaft sprach zu wenig für die angeklagte gefährliche Körperverletzung mit dem Auto als Tatwerkzeug. Der Verbrechensvorwurf war somit vom Tisch. Stattdessen verurteilte das Gericht den Braunschweiger, der von Arbeitslosengeld II lebt, „nur“ wegen zweifachen Diebstahls und Nötigung zu 90 Tagessätzen á 10 Euro. Nötigung deshalb, weil er den Mitarbeiter gezwungen hatte, an die Seite zu treten, obwohl dieser ihn nach dem sogenannten Jedermannsrecht sogar hätte festnehmen und dann der Polizei übergeben dürfen. „Sie wollten weg, ohne Rücksicht auf Verluste“, sagte Richter Michael Siebrecht zum Angeklagten.

Noch günstiger weggekommen wäre der Mann vermutlich, wenn er das vergangene Jahr genutzt hätte, um die gestohlenen Angelruten zu ersetzen, die er angeblich kurz nach der Tat in den Müll geworfen hatte. Es sei zwar gut, dass ihm die Tat leid tut, sagte Siebrecht in Richtung des 51-Jährigen. „Aber ich messe die Leute lieber an Taten als an Worten.“ Augenscheinlich hat der Richter schon zuviel Anglerlatein in seinen Prozessen gehört.

Von Frank Walter