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Isernhagen Für Giora Feidman stehen alle auf
Umland Isernhagen Für Giora Feidman stehen alle auf
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00:20 24.09.2018
Stehende Ovationen für Feidman und das Quartett Quelle: Jürgen Zimmer
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Isernhagen K.B.

Es war eine Liebeserklärung an einen kleinen großen Mann, an eine Musikerlegende. Ausnahmslos alle Besucher in der vollbesetzten Musikscheune in Isernhagen K.B. standen, um Giora Feidman und dem Gershwin String-Quartett zu huldigen. Sie hatten am Donnerstagabend ein Konzert höchster Intensität erlebt. Wenn Klezmer die Sprache der Seele ist, dann ist Giora Feidmans intensives, anspruchsvolles Spiel der Spiegel. „Ich komme nicht, um zu zeigen, dass ich ein Instrument spielen kann. Über meine Klarinette lasse ich die Menschen an meinem Innern teilhaben“, sagt er.

Der Saal ist tiefdunkel. Nur die kleinen Leuchten an den Notenständern des Quartetts stehen wie Lichtpunkte am Firmament. Aus der Tiefe des Raums erklingt zart eine Klarinette, sie lacht und weint. Feidman geht langsam an den Reihen der aufmerksam lauschenden Menschen entlang, bleibt hier und da stehen, lässt sein leises Spiel über die Köpfe hinweg in den Raum hinein schweben. Auf der Bühne angekommen, hält er einen schier endlos langen Ton. Die erste von zahlreichen stürmischen Beifallsbekundungen.

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Schon ertönt der nächste „Hinhörer“ – Hava Nagila Hava. Das exzellent aufspielende Quartett hält sich virtuos zurück – kaum wahrnehmbares und doch bis in den hintersten Winkel der großen Scheune hörbares Zupfen, kurze, hauchzarte Bogenstriche begleiten Feidmans Klarinette. Auf der Bühne ist kein Kabel zu sehen, keinerlei Technik. Musik pur, extravagant und mit voller Inbrunst gespielt. Seine innovativen Interpretationen von Klezmer, Tango, Filmmusik, Jazz und Klassik fügt er zu einem erlesenen Gesamtkunstwerk zusammen.

Und dann kommt „Donna Donna“. Joan Baez, Donovan und Esther Ofarim haben das weltberühmte Lied von dem Kälbchen, das zur Schlachtbank geführt wird und sich nicht wehren kann, gesungen. Ein Synonym für die Lage der Juden während der NS-Zeit. Nun hat es auch das Publikum in Isernhagen mit Hingabe gesungen. Genauso wie Shalom Chaverim, mit dem die Musiker leise von der Bühne in die Pause gehen.

Elke Witthaus aus Isernhagen H.B. kennt seine Musik seit 20 Jahren. „Im Auto höre ich ausschließlich ihn“, bekannte sie. Auch junge Leute wie Mareike Horn und Tobias Franz aus Hannover sind von Feidmans Musik angetan. Sie finden, dass sie unter die Haut geht, ihn selbst bezeichnen sie als „humanistisch“ und „authentisch“. Wie wahr.

Seit mehr als 50 Jahren steht der 82-jährige Argentinier mit bessarabischen Wurzeln auf den Bühnen der Welt. Im Film „Schindlers Liste“ spielte er die mit einem Oscar prämierte Filmmusik. Im Isernhagenhof ließ er die Zuhörer mit leisen Worten in einem für ihn typischen Mix aus Deutsch und Englisch an seinem Innenleben teilhaben. „Nach einem Konzertbesuch sind die Menschen verändert. Sie haben eine intensivere Verbindung zu ihrem Selbst, zu ihrer Seele“, sagte Feidman in einem Interview mit dieser Zeitung im Mai.

Von Jürgen Zimmer