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Umland Isernhagen Nachrichten Den „wahren Kohl“ wollen sie zeigen
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06:00 12.02.2015
Von Martin Lauber
Heribert Schwan (links) und Tilmann Jens signieren ihr Buch „Vermächtnis – die Kohl-Protokolle“, das es nur noch in Restbeständen gibt. Quelle: Martin Lauber
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Isernhagen F.B.

Um es vorweg zu nehmen: Um die Tischmanieren von Kanzlerin Merkel und anderen schlagzeilenträchtigen Kohl-Klatsch aus dem seit Oktober 2014 fast 200 000-fach verkauften Buch „Vermächtnis - die Kohl-Protokolle“ ging es bei der Lesung im Kulturkaffee nur am Rande. 115 Kohl-Zitate aus dem Band dürfen die Autoren zurzeit auch gar nicht verwenden. „115 von insgesamt 600, mit dem Rest ist er einverstanden, das ist doch sehr schön“, hielt Tillmann Jens ironisch fest.

Wer erhält oder behält die Deutungshoheit über die Kohl’sche Politik - oder doch zumindest über den Inhalt jener 200 Tonbandkassetten, die Schwan am 12. März 2014 dem Gerichtsvollzieher aushändigen musste? Um diese Frage kreiste der Vortragsabend. Schon 2009 - den bis heute unfertigen vierten Band der Kohl-Biografie hatte Schwan in Arbeit - war die Zusammenarbeit zwischen Ghostwriter und Ex-Kanzler per Anwaltsbrief beendet worden. Dass dessen Gattin Maike Kohl-Richter dahinter steckte, steht für Schwan außer Frage. Von dieser „intellektuellen Tieffliegerin“ werde Kohl „fremdbestimmt“.

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Kohl-Richter gehe es um Geschichtsklitterung, glaubt auch Jens. Nach der Beschlagnahme der Bänder hätten Schwan und er das „Vermächtnis“ unter Hochdruck geschrieben, um sich publizistisch dagegen zu wehren, aus den Originalquellen möglicherweise bald schon nicht mehr zitieren zu dürfen - was sich als berechtigter Verdacht bestätigte. Galt es doch, den wahren, lebendigen Kohl aus den Protokollen zu bewahren.

Wer erwartet hatte, dass das Denkmal Kohl vom Sockel gekippt würde, wurde in der Lesung eines Besseren belehrt. Lebenslustig, sympathisch, unangenehm, aggressiv, stänkernd, freundlich - all diese menschlichen Attribute fielen den beiden Journalisten ein. Jens, der sich für seine zehn Kapitel der Kohl-Protokolle in die Tonbandabschriften hinein gekniet hat, gestand sogar seine Überraschung über die „große Sprachkraft“ des Pfälzers ein - ob in der Beleidigung oder beim Benennen von politischen Prozessen. Allerdings leide dieser Eindruck etwas beim Nachhören: „Dann bleibt es doch eher ein bisschen dumpf.“

Schwan sitzt auf einem Berg von Material. Unter anderem hat er Kohls Stasi-Akten durchgesehen und Wichtiges exzerpiert. 66 informelle Mitarbeiter berichteten dem DDR-Geheimdienst. Telefonate im Kanzleramt, aus dem Privatbungalow, sogar aus dem Auto wurden abgehört - das ist wie die Bänder „hochinteressanter“ Stoff für Band vier der Kohl-Biografie, die Schwan noch nicht aufgegeben hat.

Im E-Book sind die Passagen geschwärzt

Die Tonbandmitschnitte seiner Gespräche mit Helmut Kohl hat Heribert Schwan nach zwei Gerichtsinstanzen im März 2014 herausrücken müssen. Die Unterlassung von 115 Zitaten aus den „Kohl-Protokollen“ hat der ehemalige Bundeskanzler im November 2014 vor der 14. Zivilkammer des Landgerichts Köln durchgesetzt. Ausgelieferte Bücher sind nicht betroffen, Restbestände im (Online-)Handel noch verfügbar. Für eine Neuauflage sind die Zitate tabu. „Wir sind guter Hoffnung, dass die Pressekammer des Kölner Oberlandesgerichts das anders sieht“, sagt Schwan. Von der Revision am 10. März verspricht er sich, das Gros der Zitate wieder verwenden zu dürfen. In der E-Book-Version des „Vermächtnis“ sind die betreffenden Passagen geschwärzt. Auch im Urteil – hier nachzulesen (Aktenzeichen 14O 315/14) – fehlen sie.

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