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Laatzen Gutachter: Aldi-Dach hätte jederzeit einstürzen können
Umland Laatzen Gutachter: Aldi-Dach hätte jederzeit einstürzen können
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00:17 06.07.2018
Am 29. Juli 2017 stürzte das Dach des Grasdorfer Aldi-Markts ein. Quelle: Zaengel
Grasdorf

Fast ein Jahr ist es her, als der Grasdorfer Aldi-Markt völlig unerwartet einstürzte. Nach dem Vorfall hatten sich schon damals viele angesichts des teilweise nur wenige Zentimeter dünnen Gebälks gefragt, wie das überhaupt hätte halten können. Nun stellt sich heraus: Die Zweifel waren angebracht. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen haben ergeben, dass bei der Planung und dem Bau des Aldi-Dachs schwere Fehler gemacht wurden.

„Im Sachverständigengutachten ist festgestellt worden, dass das Dach Statikmängel aufwies“, fasst Kathrin Söfker, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover, die Erkenntnisse zusammen. Und dies schon von Anfang an: „Die Verstöße lagen bereits im Jahr 1999 bei der Errichtung und davor bei der Planung vor“, ergänzt Söfker. Später ging die Pannenserie weiter, wie die von der Staatsanwaltschaft beauftragten Gutachten ergeben hätten: So sei das Dach zwar elf Jahre danach, im Jahr 2010, geprüft worden – allerdings ebenfalls mangelhaft. Die Erkenntnis: „Das Dach hätte jederzeit einstürzen können“, sagt Söfker.

Fast ein Jahr nach dem Aldi-Einsturz in Grasdorf hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Zwar habe es Mängel bei Planung und Bau des Markts gegeben, der Fall sei jedoch verjährt.

Strafrechtlich belangt werde trotz der Pannen allerdings niemand. Denn sowohl der Bau des Markts als auch die Prüfung lägen mehr als fünf Jahre zurück, die damit verbundenen Verstöße seien damit verjährt, teilt die Ermittlungsbehörde mit. Die Verjährungsfrist für eine sogenannte Baugefährdung beträgt fünf Jahre. Einzig die nachträglichen Arbeiten am Dach im Jahr 2014 hätten innerhalb der Verjährungsfrist gelegen. Die Gutachten hätten allerdings ergeben, dass die Arbeiten den Zustand des Dachs nicht verändert hätten. „Die Gefahr wurde dadurch nicht beseitigt, aber auch nicht verschlimmert“, sagt Söfker. Deshalb könne den Firmen, die an den Arbeiten beteiligt waren, kein Vorwurf gemacht werden.

Konkret kamen die Gutachter zu dem Schluss, dass der Einsturz mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer mangelhaften Qualität mehrerer sogenannter Zugdiagonalen, die das Dach eigentlich stabil halten sollten, zusammenhing. Hinzu kämen Tragwerksmängel: Dazu zählten eine mangelhafte Aussteifung, ein abweichendes Tragwerksmodell und ein fehlerhaftes Firstdetail.

Der strafrechtliche Teil des Vorfalls ist damit abgearbeitet. Nach eigenen Angaben prüft Aldi Nord als Eigentümerin und Betreiberin des damaligen – und inzwischen abgerissenen – Gebäudes noch zivilrechtliche Ansprüche. Aus diesem Grund will das Unternehmen noch keine Details zu den eigenen Untersuchungen zur Einsturzursache nennen. „Unsere Erkenntnisse decken sich ganz wesentlich mit denen der Staatsanwaltschaft“, heißt es aus der Unternehmenszentrale in Essen.

Die Ansprüche richten sich nach Aldi-Angaben gegen einen mit der Prüfung des Dachstuhls beauftragten Sachverständigen. Es liegt nahe, dass es um jene Prüfung geht, die laut Staatsanwaltschaft im Jahr 2010 erfolgte – auch wenn das Unternehmen dies genauso wenig bestätigt wie es den Grund für die damalige Untersuchung nennt. Hintergrund dürfte aber der Einsturz eines Rewe-Einkaufsmarktes 2009 in Falkensee bei Berlin gewesen sein, der bundesweit für Aufsehen sorgte: Viele Marktbetreiber hatten daraufhin ihre Märkte untersucht, die Bundesvereinigung der Prüfingenieure (BVPI) sogar neue Empfehlungen für Dachkonstruktionen mit sogenannten Nagelplattenbindern, wie sie beim Grasdorfer Markt eingebaut waren, erarbeitet. Auch Aldi unterzog seine insgesamt Märkte zwischen 2010 und 2015 nach eigenen Angaben einer Dachsanierung – im Fall Grasdorf offenbar ohne nachhaltigen Erfolg.

Nach dem Einsturz des Grasdorfer Markts hatte Aldi Nord im August 2017 angekündigt, alle 1200 Märkte mit Satteldach statisch zu untersuchen. Auf Anfrage bestätigt das Unternehmen, dass diese Überprüfung abgeschlossen sei. „Selbstverständlich haben wir alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen, um die Sicherheit unserer Kunden und Mitarbeiter auch in Zukunft sicherzustellen“, teilt Aldi Nord auf Anfrage mit. „In diesem Zusammenhang haben wir auch gemeinsam mit einem unabhängigen Gutachter und Sachverständigen die Prüfintervalle und -maßnahmen für unsere Märkte intensiviert.“ Dauerhaft geschlossen werden musste keine der Märkte, versichert das Unternehmen.

Der Aldi-Markt an der Hildesheimer Straße in Grasdorf war am 29. Juli 2017 völlig unerwartet eingestürzt. Große Teile des Dachs waren damals eingeknickt und die Zwischendecke in den darunterliegenden Verkaufsraum eingebrochen. Da der Einsturz gegen 21.30 Uhr und damit nach Geschäftsschluss erfolgte, wurde bei dem Vorfall niemand verletzt.

Von Johannes Dorndorf

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