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Laatzen Fünf Jahre Flüchtlingsnetzwerk: So fing einst alles an
Umland Laatzen

Laatzen: Fünf Jahre Flüchtlingsnetzwerk - so fing alles an

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09:57 11.02.2020
Die Netzwerk-Koordinatorin Mareike Fruth berichtet unter anderem über die Arbeit der Flüchtlinge im Bundesfreiwilligendienst in Laatzen. Quelle: Daniel Junker
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Grasdorf/Laatzen-Mitte

Die Ankunft vieler Flüchtlinge in Deutschland hat 2015 auch die Stadt Laatzen schwer in Bedrängnis gebracht. Es gab zu wenig Unterkünfte, bei Bürgern machte sich Unsicherheit breit, und auch die Fragen der Integration waren weitestgehend ungeklärt. Um der Situation entgegenzutreten, taten sich zahlreiche Laatzener zusammen und gründeten das Netzwerk für Flüchtlinge in Laatzen. Das erste Treffen liegt nun fünf Jahre zurück: Am 9. Februar 2015 trafen sich etwa 30 Laatzener. Beim zweiten Treffen zwei Wochen später waren es schon doppelt so viele, beim dritten Treffen im März mehr als 100.

Bei einem Erzählcafé im Restaurant Zur Leinemasch blicken am Sonntag Ehren- und Hauptamtliche sowie und Flüchtlinge auf die vergangenen fünf Jahre zurück.

Um auf die Ereignisse zurückzublicken, luden die Mitglieder für Sonntag zur Feierstunde in die Gaststätte zur Leinemasch ein. Im Rahmen eines Erzählcafés schilderten mehrere Helfer und auch Flüchtlinge unter dem Motto „Weißt Du noch?“ ihre Eindrücke und Erlebnisse aus den vergangenen Jahren.

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„Da müssen wir doch was tun!“

Der Verein koordiniert die Arbeit der Ehrenamtlichen, bietet den Helfern Versicherungsschutz und fungiert als Schnittstelle zwischen Flüchtlingen, Ehrenamtlichen und der Stadt. „Die Idee entstand nach einer Fraktionssitzung“, berichtet die Vereinsvorsitzende Petra Herrmann, die damals noch für die SPD im Rat der Stadt saß. Sie habe sich seinerzeit mit Andreas Quasten (Grüne) und Silke Rehmert (SPD) unterhalten. „Es gab damals viele diffuse Anfragen nach dem Motto: ‚Da kommen so viele Flüchtlinge, da müssen wir doch was tun!’“, sagt Herrmann. „Am Messebahnhof kamen Züge mit Flüchtlingen an. Die Leute haben hautnah mitbekommen, dass da Leute mit ein paar Plastiktüten und Plastiklatschen ankamen.“

Schließlich hätten sie Treffen zur Gründung des Netzwerkes für Flüchtlinge organisiert. Beim dritten Treffen seien schon so viele gekommen, dass Arbeitsgruppen zu verschiedenen Aufgaben gebildet wurden. „Es gab auch Fragen zum Versicherungsschutz und wie sich die Ehrenamtlichen gegenüber den Flüchtlingen ausweisen könnten.“ Die Gründungsversammlung für den Trägerverein erfolgte schließlich am 21. September 2015. „Wir sind derzeit 25 Mitglieder“, sagt Herrmann. „Es geht aber nicht darum, wie viele Mitglieder wir haben, sondern dass wir den Ehrenamtlichen mit dem Verein den Rücken freihalten können.“

Etwa 8o Helfer sind wöchentlich aktiv

Etwa 130 Ehrenamtliche hätten sich in die Kartei des Netzwerkes eintragen lassen, „etwa 80 von ihnen sind noch immer mindestens einmal pro Woche in irgend einer Weise mit den Flüchtlingen aktiv“, sagt Herrmann. Zum Teil habe sich das Engagement aber auch verselbstständigt, sodass die Flüchtlingsarbeit nicht mehr bei jedem über das Netzwerk laufe. „Es gibt Leute, von denen hören wir so gut wie gar nichts mehr, sie sind aber immer noch aktiv.“

Mittlerweile würden sich auch viele Flüchtlinge im Netzwerk engagieren. Die hauptamtliche Netzwerk-Koordinatorin Mareike Fruth machte dabei auch auf den Bundesfreiwilligendienst aufmerksam, den bereits acht Flüchtlinge und ein Deutscher im Verein absolviert haben. „Durch die Hilfe der Bufdis können wir Sprechstunden mittlerweile auf Deutsch, Arabisch und Persisch anbieten“, sagt Fruth. Die Freiwilligen könnten zudem Briefe und andere Dokumente von Flüchtlingen übersetzen, „und wenn es nur ein Brief von der Schule ist“.

Freiwilliger zeigt Film über Netzwerkarbeit

Seit einiger Zeit bietet das Netzwerk 14-tägig eine Teestunde für Erwachsene in den ehemaligen Teestube-Räumen am Marktplatz 5 an. In allen geraden Wochen kommen dort freitags von 17 bis 19 Uhr Flüchtlinge und Einheimische zusammen. „Es geht darum, Deutsch zu sprechen und miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagen Gabriele Hecht und Silvia Graf-Hoffmann von der AG Sprachförderung, die die Treffen organisieren. Unterstützt werden die beiden von Yusuf Mohammad und Ghandi Khalaf. Die Treffen sind für Interessierte offen. Nächster Termin ist am Freitag, 21. Februar.

So blicken Beteiligte auf die vergangenen fünf Jahre zurück:

Andreas Quasten, Gründungsmitglied Netzwerk für Flüchtlinge:

„2014 haben wir die ersten Gespräche geführt, um ein Netzwerk für Flüchtlinge zu gründen. Damals habe ich oft die Frage gehört: ‚Ist das denn wirklich notwendig?’ Es war aber absehbar, dass viele Flüchtlinge zu uns kommen werden. Also haben wir für den 9. Februar und den 23. Februar 2015 zu den ersten beiden Treffen eingeladen. In den ersten Monaten ist dann unheimlich viel passiert. Am Anfang waren wir etwa 30 Interessierte. Die Gruppe wuchs schnell auf über 50, dann sogar auf über 100 Leute an, die sich mehr oder weniger intensiv engagiert haben. Viele kamen aus Sportvereinen und aus der Kommunalpolitik, es waren aber auch viele einzelne Laatzener dabei. Es gab von Anfang an eine große Hilfsbereitschaft.“

Andreas Quasten gehört zu den Gründungsmitgliedern des Netzwerks. Quelle: Daniel Junker

Stefan Zeilinger, Stadtrat Laatzen

„Zu dieser Zeit haben uns sehr viele Dinge beschäftigt. Die Zuteilungsquoten für die Flüchtlinge sind zweiwöchentlich bei uns eingegangen – und wir haben uns gefragt: Wie sollen wir das leisten? Die Unterbringung stellte uns vor große Herausforderungen, denn die Plätze waren irgendwann vergriffen. Also haben wir einen Schultrakt in der Alten Rathausstraße umgebaut und einen Betreiber gesucht. Wir haben auch schnell Sozialarbeiter eingestellt, aber das war nicht so einfach, denn wir waren nicht die einzigen, die Sozialarbeiter gesucht haben. Kurze Zeit später haben wir einen Hotelbetrieb und Wohnungen erworben und angemietet und mussten leider eine Turnhalle in Anspruch nehmen. Das war eine schwierige Situation für die Leute, denn natürlich haben sie sich nicht empfangen gefühlt. Es gab auch viele Bedenken aus der Bevölkerung, da mussten wir Überzeugungsarbeit leisten. Das Netzwerk hat viel dazu beigetragen, dass es so gut geklappt hat.“

Stadtrat Stefan Zeilinger berichtet über die damaligen immensen Herausforderungen für die Stadtverwaltung. Quelle: Daniel Junker

Alkakaa Alkhatib, erster Bundesfreiwilliger beim Netzwerk

„Als ich 2013 nach Deutschland kam, wollte ich so schnell wie möglich Deutsch lernen. Bei der Leine-VHS haben ich einen Sprachkurs gemacht. Dort hat mir jemand vom Bundesfreiwilligendienst beim Netzwerk erzählt. Dort habe ich viele neue Erfahrungen gesammelt, viel Kontakt zu Deutschen gehabt und konnte anderen Flüchtlingen helfen. Bei der Fahrradwerkstatt habe ich Fahrräder abgeholt, repariert und wieder ausgegeben. Bei einem Seminar des Freiwilligendienstes in Berlin waren wir im Bundestag und im Bundeskanzleramt. Dort habe ich sogar Frau Merkel und Herrn Steinmeier getroffen. Im meiner Heimat Syrien durfte ich solche Gebäude nie besichtigen. Im Netzwerk haben ich dann für andere Flüchtlinge übersetzt und über die Kontakte der Ehrenamtlichen sogar einen Ausbildungsplatz als Parkettleger bekommen. Ich bin jetzt im dritten Lehrjahr und will in einem halben Jahr meine Gesellenprüfung machen. Ich bin sehr dankbar, dass wir Flüchtlinge hier diese Hilfe bekommen. Ohne diese Hilfe könnten wir das alles nicht schaffen.“

Der Syrer Alkakaa Alkhatib war der erste Flüchtling, der seinen Bundesfreiwilligendienst beim Laatzener Netzwerk begonnen hat. Quelle: Daniel Junker

Gabriele Hecht, AG Sprachförderung

„Ich war beim ersten Treffen dabei, bei dem die AGs gegründet wurden. Wir haben in der Flüchtlingsunterkunft in der Alten Rathausstraße begonnen. Damals hatten wir noch keine Schulbücher, und wir waren auch alle keine Lehrer. Wir mussten selbst erst herausfinden, wie wir die Flüchtlinge beim Deutschlernen unterstützen können. Wir haben einfach die Buchstaben an die Tafel geschrieben, so haben sie das Alphabet gelernt. Das war eine tolle Atmosphäre. Wir sind durch Laatzen gegangen und haben den Geflüchteten erklärt: Das ist eine Ampel, das ist ein Kind, das ist eine Mutter, das ist ein blaues Auto. So haben sie nach und nach Deutsch gelernt. Später sind wir in die Sporthalle des Erich-Kästner-Schulzentrums gewechselt, wo 190 Flüchtlinge untergebracht waren – alle in einem Raum. Da wurde gegessen, Gitarre und Schach gespielt und auch die Sprachförderung gemacht. Es war eine sehr schwierige Situation, denn die Leute haben sich dort nicht wohl gefühlt und hatten auch ganz andere Probleme als die Sprachförderung. Bis heute wird bei der Leine-VHS von montags bis freitags eine Stunde pro Tag deutsch gesprochen und Hausaufgabenhilfe gemacht.

Gabriele Hecht engagiert sich in der AG Sprachförderung. Quelle: Daniel Junker

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