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Laatzen Manfred Becker ist in seinen 72 Lebensjahren noch nie umgezogen
Umland Laatzen

Laatzen: Manfred Becker lebt seit 72 Jahren im selben Haus an der Straße Am Berdahle

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18:14 19.11.2019
Prägnante Giebelmuster: Der 72-jährige Manfred Becker mit seiner Frau Regina vor ihrem Eigenheim, das irgendwann einer ihrer Söhne übernehmen will. Quelle: Astrid Köhler
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Alt-Laatzen

Einen Umzugswagen hat Manfred Becker noch nie gebraucht. Seit der 72-jährige Laatzener auf der Welt ist, hat er mehr oder weniger durchgehend in ein- und demselben Haus Am Bergdahle 15 gewohnt. Er ist damit einer der letzten „Ureinwohner“ der vor 100 Jahren auf einem früheren Ziegeleigelände von der Landeshauptstadt Hannover errichteten Städtischen Siedlung Laatzen, die seit 1987 unter Denkmalschutz steht.

Sieben Geschwister

„Ich wohne hier sehr gern“, sagt Becker zufrieden am Esszimmertisch des Hauses, das sein Großvater mütterlicherseits, Martin Isenberg, einmal von Verwandten übernommen hatte. Nur wenige Meter von seinem Sitzplatz entfernt, in einem der Zimmer im Obergeschoss, brachte ihn seine Mutter im Juni 1947 zur Welt. Becker ist der Älteste von insgesamt sieben Geschwistern. 

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Manfred Becker (rechts) mit seinen sechs jüngeren Geschwistern. Die Kinder stehen auf der Terrasse ihres Hauses Am Bergdahle 15 – mit dem noch freiem Blick in die Leinemasch und nach Grasdorf. Quelle: privat

Nach dem Krieg viele Familienmitglieder im Haus

In den ersten Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Wohnungsnot wegen der zerstörten Häuser und Flüchtlingsströme aus dem Osten besonders groß war, lebten bis zu zehn Menschen in dem kleinen Backsteinhäuschen des Häusertyps B mit rund 90 Quadratmetern Wohnfläche: neben der wachsenden Familie Becker waren es noch Manfred Beckers Großeltern mütterlicherseits sowie ein Onkel mit Frau und Kind in einem Zimmer im Erdgeschoss.

So sehr die Menschen in dem Haus am südlichen Rand der Städtischen Siedlung auch zusammenrücken mussten, so viel Platz zum Spielen und Toben bot die Umgebung. Die Sicht war noch frei und unversperrt von Bäumen und Büschen – nicht ohne Grund heißt einer der Siedlungswege Deisterblick – und die Kinder konnten durch den Garten einfach in die Leinemasch und nach Grasdorf laufen oder auf der Straße spielen. Vieles war noch so wie zur Gründungszeit der Siedlung ab 1919.

Postkartenidyll: Das undatierte Foto zeigt eine frühe Aufnahme der Städtischen Siedlung in Laatzen und der Straße Am Bergdahle. Am Ende der Straße ist noch das 1943 bei einem Bombenangriff ausgebrannte und anschließend abgerissene Wohn- und Wirtschaftshaus mit Kneipe und Konsum am Südende des Lindenplatzes zu sehen. Quelle: privat

Zu den einzelnen Grundstücken gehörten auch viele Jahre selbstverständlich Tiere: Ziegen, Hühner, Enten, Gänse, Kaninchen und andere Nutztiere standen in den Ställen oder hoppelten durch die Gärten. Das Gelände – eine weitere Besonderheit – fällt am südlichen Rand der Siedlung stark ab. Auf einer Länge von 50 Meter geht es etwa sieben Meter hinunter. Wo heute vorrangig kleinere Obstbäumchen und Blumen stehen sowie Rasen wächst, baute die Familie früher Obst- und Gemüse an. Die Gärten zur Selbstversorgung waren ein Markenzeichen und in der Gründerzeit der Zwanzigerjahre noch eine feste Vorgabe für die Bewohner.

„Mit 19 Jahren hatte ich sechs Geschwister am Hacken“

So romantisch die Erinnerungen ans Spielen im Freien auch sind, so früh war der junge Manfred Becker dazu gezwungen, Verantwortung zu übernehmen. Erst starb die Großmutter, 1961 der Großvater und 1966 dann auch die inzwischen allein erziehende Mutter. „Mit 19 Jahren hatte ich sechs jüngere Geschwister im Alter ab zwölf Jahren am Hacken“, sagt Becker. Der frühere Laatzener Ortsbrandmeister ist noch heute froh und dankbar für die Unterstützung zweier Tanten. Die Miete von einst 70 Mark pro Monat für das Haus Am Bergdahle 15 brachte die Familie gemeinsam auf.

Als die Stadt Hannover Ende der Sechzigerjahren dazu überging, die von 1919 bis 1921 errichteten Häuser zu verkaufen, wollte auch Becker sein Elternhaus für die Familie erwerben. Nach der Schule hatte er Maschinenschlosser gelernt und arbeitete als Dreher bei den Eisenwerken in Wülfel. Doch für die Bank galt er 1968 noch als zu jung und erhielt keinen Kredit. 1972 dann, als 25-Jähriger, konnte Becker das Backsteinhäuschen erwerben: „Für 48.000 Mark.“

Das Geburtshaus von Manfred Becker, Am Bergdahle 15, vor dem Umbau des Erdgeschosses. Quelle: privat

Den Wert der Häuser, die heute als Schmuckstücke gelten, hätten damals längst nicht alle gleich gesehen, erinnert sich Becker. Eine, die sich gleich an den pittoresken Gebäuden der Siedlung und ihren Bewohnern erfreuen konnte, war seine Freundin Regina aus Grasdorf: „Die Räume waren klein und entsprachen nicht dem Standard, aber das Haus war so schön.“ 1975 heiratete das Paar und gründete – nach dem für Manfred Becker einzigen kurzen Umzug wegen des bevorstehenden Umbaus in das Haus seiner Verwandten an derselben Straße – eine Familie. Einige Wände ließ das Paar herausnehmen, sodass aus der kleinen Stube und den Nebenzimmern samt Küche das heutige Wohnzimmer entstand. Auch wurden das dortige Fenster vergrößert, eine Außentür geschlossen und ein Vorbau an den Eingang gesetzt. Ansonsten sieht das Haus mit seinen für die Siedlung typischen individuellen Giebelmustern aber noch aus wie einst.

Die Gemeinschaft lebt in der Siedlung

Die Siedlung sei ihr Zuhause, betont das Paar. Die Nachbarschaft funktioniere, alle kennen und helfen einander. Regelmäßig kommen die Bewohner auch für Feiern zusammen – in der kalten Jahreszeit zum Adventspunsch und im Sommer zum privaten Straßenfest. „Obwohl junge Familien dazugekommen sind, ist nichts anonym“, betont Regina Becker. „Die Gemeinschaft lebt hier in der Siedlung – und in dieser Straße ganz besonders.“

Zum Anlass des jüngsten Straßenfestes hat die ehemalige Grasdorfer Kita-Leiterin auch jüngst ein Fotobuch zusammengestellt: mit Privatbildern der Siedlung und ihrer Gebäude im Wandel der Zeit von früher bis heute, mit alten Zeitungsausschnitten, Archivmaterial und Auszügen einer Architektur-Doktorarbeit über die Siedlung und deren Planer, dem hannoverschen Stadtplaner Paul Wolff.

Die Liebe zu Alt-Laatzen und zur Städtischen Siedlung haben auch die Söhne des Paares übernommen. Ein Sohn lebt bereits in einem der Häuser schräg gegenüber. Der andere wolle eines Tages ihres Am Bergdahle 15 übernehmen und einziehen, sagen Manfred und Regina Becker glücklich. Es wäre dann die vierte Generation, die dort dauerhaft leben würde.

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Von Astrid Köhler

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