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Laatzen So schlecht ist die Luft in Laatzen
Umland Laatzen So schlecht ist die Luft in Laatzen
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00:16 06.04.2019
An der Baustelleneinfahrt neben der Deutschen Rentenversicherung sind die Messwerte wegen des Baustaubs erhöht.
An der Baustelleneinfahrt neben der Deutschen Rentenversicherung sind die Messwerte wegen des Baustaubs erhöht. Quelle: Dorndorf
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Grasdorf

 Alle reden über Stickoxide und die damit verbundenen Diesel-Fahrverbote. Nach Meinung von Experten ist in den Städten die Feinstaubbelastung jedoch die vermutlich größere Gesundheitsgefahr. Aber wie ist die Situation in Laatzen? Der Grasdorfer Thomas Schult wollte es jetzt genau wissen und hat ein Feinstaubmessgerät gebaut, mit dem der per Fahrrad die Belastung in den einzelnen Laatzener Ortsteilen und Straßenzügen messen kann. Nach den ersten Versuchsfahrten kann der 55-Jährige schon jetzt feststellen: Laatzen hat anscheinend ein Feinstaubproblem.

Das Gerät, das der Informatiker Schult nach Anleitungen aus Fachmagazinen zusammengesetzt hat, hat Platz in einem kleinen Rucksack, den er bei seinen Messfahrten auf den Rücken schnallt. Ein Gebläse saugt die Luft durch einen kleinen strohhalmdicken Schlauch ein, im Inneren werden die Feinstaubwerte gemessen und per Bluetooth an ein Smartphone weitergeleitet. Das Handy zeichnet die Werte auf, die später am Computer ausgelesen und auf einer Karte angezeigt werden können.

Der Grasdorfer Thomas Schult hat ein Gerät zur Messung von Feinstaub in Laatzen gebaut. Ergebnis: Die gemessenen Werte liegen teils deutlich über den empfohlenen Werten. Die Laatzener Grünen wollen die Problematik nun thematisieren – unter anderem mit einem Infoabend.

Die Ergebnisse sind nicht gerade beruhigend: Bei einer Messfahrt im Januar hat Schult Konzentrationen von 30 bis 40 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter ausgemacht – und dies bei den als besonders gefährlich geltenden Teilchen unter 2,5 Mikrometern. Zum Vergleich: Der von der WHO empfohlene Wert liegt bei bis zu 10 Mikrogramm pro Kubikmeter, der der EU bei 25. Bei den größeren Teilchen bis zehn Mikrometer waren es sogar 60 bis 70 Mikrogramm (Empfehlung WHO: 20; EU: 40). Die Ergebnisse fand Schult bei weiteren Fahrten im Januar und Februar bestätigt, im März sanken die Werte hingegen teils auf Werte um 20 Mikrogramm (kleine Teilchen) und 30 (größere Teilchen).

Schult weiß, dass sein Gerät nicht so genau ist wie die amtlichen Messstationen wie an der Göttinger Straße in Hannover. „Im Gegensatz zu den Stationen wird die Luft bei mir zum Beispiel nicht getrocknet“, sagt der Grasdorfer: Die Luftfeuchte wirke sich nämlich auf die Messung aus. Aber Anhaltspunkte würden die Werte durchaus liefern – gerade im Vergleich der verschiedenen Stadträume. Leicht gemacht hat es sich Schult mit der Inbetriebnahme seines Geräts nicht: Von der Idee bis zur Umsetzung habe er etwa ein Jahr gebraucht, und dies, obwohl er als Informatikprofessor den Umgang mit Softwareproblemen kennt. Auch zwei Kollegen der Hochschule habe er mit einbezogen.

Kaum Unterschiede zwischen Stadtrand und Zentrum

Einige Ergebnisse sind irritierend: „Es gibt zum Beispiel keine großen Unterschiede innerhalb Laatzens“, sagt Schult. Die Werte am Rand der Leinemasch würden sich kaum von denen in Laatzen-Mitte unterscheiden. Auch Hannover und Laatzen wichen kaum voneinander ab: „An der Ohestraße ist es nicht weniger als am Aegi.“ Bemerkbar mache sich allerdings, wenn man mit dem Fahrrad über den Messeschnellweg fahre – bei Westwind würden die Werte dahinter sichtlich steigen. Bei einem Ausflug in den Oberharz sei die Luft hingegen viel besser gewesen.

Bei der Suche nach Gründen ist auch Schult auf Spekulationen angewiesen. Klar sei nur, dass Feinstaub nicht nur im Verkehr – Abgabe, Brems- und Gummiabrieb – entsteht, sondern auch andere Quellen hat, etwa den Betrieb von Holz- und Pelletheizungen. Und eine weitere Erkenntnis: Drinnen sind die Werte deutlich besser als draußen. „Das ist natürlich irritierend: Mein meint ja, dass man sich etwas Gutes tut, wenn man viel draußen ist.“

Um mehr Klarheit zu bekommen, würde sich Schult eine stationäre Messanlage für Laatzen wünschen. „Sonst sind wir nur auf Vermutungen angewiesen“, sagt der Grasdorfer, der Mitglied im Vorstand der Laatzener Grünen ist. Bei einer Diskussionsveranstaltung über die Verkehrsentwicklung in Laatzen habe ein Zuhörer jüngst beihauptet, Laatzen habe kein Emissionsproblem – obwohl darüber gar keine Fakten vorliegen. Die Grünen wollen das Thema in nächster Zeit intensiver folgen. Und als nächstes persönliches Projekt will sich Schult dann auch an das Thema Stickoxide machen.

Grüne veranstalten Info-Abend über Feinstaub

Die Laatzener Grünen laden für Mittwochabend zu einer Informationsveranstaltung zum Thema ein. Unter dem Titel „Feinstaub – die unterschätzte Gefahr für Laatzen“ referiert Dr. Felix Fleißner über die gesundheitlichen Folgen von Feinstaub. Fleißner ist Arzt an der Herzklinik der MHH und Mitglied der Forschungsgruppe zu gesundheitlichen Auswirkungen von Feinstaub auf das Herz-Kreislaufsystem. Weitere Referentin ist die Grünen-Landtagsabgeordnete Imke Byl. Beginn ist um 19 Uhr im Café am Südtor in Grasdorf, Am Südtor 26.

Die Fahrt führt auch an der Hildesheimer Straße entlang. Quelle: Dorndorf

So lief die Feinstaub-Messung durch Laatzen

Wie hoch ist die Feinstaubbelastung in den einzelnen Laatzener Stadtteilen? Wir haben den Grasdorfer Thomas Schult bei einer Rundfahrt durch Grasdorf, Rethen und Laatzen-Mitte begleitet.

Die Tour beginnt am Vormittag vor Schults Wohnhaus an der Ohestraße – bei bestem Wetter. Der 55-Jährige montiert sein Handy an der Lenkerstange des Fahrrads, prüft noch einmal die Funkverbindung zum Feinstaub-Messgerät im Rucksack und fährt los. Aus dem Rucksack ragt ein Schlauch, durch den die Luft eingesogen wird.

Die Fahrt lässt sich relativ gut an: An der Ohestraße liegen die Feinstaubwerte bei 20 Mikrogramm pro Kubikmeter für Teilchen unter 2,5 Mikrometern und bei 30 Mikrogramm für größere Teilchen. Das liegt unterhalb der EU-Grenzwerte, aber oberhalb der WHO-Empfehlung. Auf dem Handy werden die Werte bei sauberer Luft grün angezeigt, oberhalb von 25 wechselt die Anzeige bei beiden Teilchengrößen auf orange, ab 50 auf rot. Wir sehen deshalb ein grünes und ein orangefarbenes Feld.

Wir fahren weiter an der Leine entlang Richtung Rethen. Sofort werden die Werte besser, alles steht auf grün – bei Werten um die 12 (kleine Teilchen), und 23 (große Teilchen). In Rethen steigt die Belastung dann wieder leicht, pegelt sich aber bei unter 20 und 30 ein. Den ersten Ausreißer erleben wir in Laatzen-Mitte auf Höhe des Neubaugebiets an der Deutschen Rentenversicherung: Auf der tiefroten Anzeige lesen wir die Werte 43 und 270. Kein Wunder: In diesem Moment rauscht ein Lastwagen mit Erde oder Sand an uns vorbei, die Staubwolke dahinter macht sich direkt bemerkbar. An der Erich-Panitz-Straße vor dem Leine-Center sind die Werte dann besser als in Grasdorf – 15 und 25 lesen wir auf grünem Grund – alles paletti. Wir nutzen die Gelegenheit für einen Abstecher in die Redaktionsräume an der Albert-Schweitzer-Straße, die nach der Erfahrung Schults niedriger sein müssten. Tatsächlich: Nur 5 und 15 Mikrogramm sind es – der beste Wert unserer Rundfahrt.

Über die Hildesheimer Straße geht es dann zurück zu Schults Haus an der Ohestraße, wo wir das Ergebnis der Rundtour am Computer einsehen können. Auf der Google-Earth-Karte können wir unsere Tour mit ihren orangenen und grünen Teilstücken nachvollziehen – ein für Laatzen relativ gutes Ergebnis: „Im Januar waren die Linien noch rot“, sagt Schult.

Von Johannes Dorndorf