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Umland Laatzen Nachrichten Die Glocken läuten nur selten
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20:08 15.05.2015
Von Astrid Köhler
Bereiten den Auftakt der Diakoniewoche des Kirchenkreises in Alt-Laatzen vor (von links): Pastorin und Diakoniebeauftragte des Kirchenkreises Sabine Preuschoff, der Geschäftsführer des Diakoniverbandes Hannover-Land Jörg Engmann, Sozialarbeiterin Monika Brandt-Zwirner, Superintenden Detlef Brandes und Sozialarbeiterin Ingrid Röttger.
Bereiten den Auftakt der Diakoniewoche des Kirchenkreises in Alt-Laatzen vor (von links): Pastorin und Diakoniebeauftragte des Kirchenkreises Sabine Preuschoff, der Geschäftsführer des Diakoniverbandes Hannover-Land Jörg Engmann, Sozialarbeiterin Monika Brandt-Zwirner, Superintenden Detlef Brandes und Sozialarbeiterin Ingrid Röttger. Quelle: Astrid Köhler
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Laatzen

Vereinfacht gesprochen wird nur etwa jede zehnte standesamtliche Ehe auch in der Kirche geschlossen. „Die Zahl der kirchlichen Hochzeiten geht seit einiger Zeit deutlich zurück“, sagt Pastor Niclas Förster von St. Gertruden in Gleidingen. In seiner und den vier anderen Gemeinden der evangelischen Kirchenregion gaben sich 2014 nur noch 22 Paare das Ja-Wort vor dem Altar. Die katholische St.-Oliver-Gemeinde meldete weitere 13 Hochzeiten in ihrer Kirche - sowie acht Trauungen von Gemeindemitgliedern außerhalb.

Selbst wenn es noch Laatzener Protestanten gibt, die in anderen Gemeinden geheiratet haben, so ändert dies nichts am allgemeinen Trend. Das bestätigt auch Rolf Pätzold, Vorsitzender der Kirchenregion und im Vorstand der Alt-Laatzener Immanuelgemeinde. Früher hätten die Hochzeitsglocken deutlich öfter geläutet und nicht nur dreimal wie im Jahr 2014.

Viele Leute treten im heiratsfähigen Alter aus der Kirche aus oder heirateten einfach nicht mehr kirchlich, sagt Pastor Förster. Er sieht darin eine Folge der Säkularisierung und den Trend zur Individualisierung. Menschen wollten sich nicht mehr ein Leben lang binden, sondern unter Umständen schnell rauskommen aus der Partnerschaft. Gleichwohl: „Die Paare, die kirchlich heiraten, haben es sich sehr gut überlegt“, so Förster.

Dafür, dass die Zahl der kirchlichen Hochzeit so viel niedriger als die der standesamtlichen ist, gibt es noch einen anderen Grund: Das Laatzener Standesamt verzeichnet seit Jahren immer neue Rekorde. Wurden 2008 noch 189 Ehen gezählt, stieg die Zahl drei Jahre später mit dem Park der Sinne als zusätzlichem Trauort auf 297 Hochzeiten. Für dieses Jahr liegen dem Standesamt schon 420 Anmeldungen vor. Die Stadt hält das Erreichen der 500er-Marke für möglich.

Die Paare kommen längst nicht alle aus der Kommune, sondern suchen attraktive Orte. So verzeichnet nicht nur Laatzen, sondern auch die Stadt Pattensen mit der Marienburg steigende Zahlen von Eheschließungen von zuletzt 76. Die neue Qualität der standesamtlichen Hochzeiten beschäftigt auch Superintendent Detlef Brandes.

Das Trauversprechen in der Kirche gibt Menschen sehr zu denken

Als Gemeindepastor traute er schon Paare und auch als Superintendent des Kirchenkreises Laatzen-Springe spendet Detlef Brandes (61) jährlich drei bis fünf Brautleuten den Segen. Mit ihm sprach Redakteurin Astrid Köhler. 

Immer weniger Paare lassen sich kirchlich trauen. Zeigt sich dieser Trend auch im Kirchenkreis? 

Das kann ich so nicht bestätigen. Wir haben die Zahlen der letzten zehn Jahre durchgesehen, und da gibt es große Schwankungen. In der Tat hatten wir 2014 mit 78 Hochzeiten einen starken Einbruch, aber das kann ein einmaliger Ausreißer sein. Im Jahr davor hatten wir 115 und auch schon 150 Hochzeiten. Gleichwohl heiraten Paare eher und auch ausschließlich standesamtlich. 

Woran liegt das?

Menschen, die zugewandert oder nicht christlich geprägt sind, ist das Standesamt näher. Hinzu kommt, dass standesamtliche Trauungen enorm an Qualität gewonnen haben. Vor 20 Jahren war das eine eher nüchterne Zeremonie. Inzwischen werben Standesämter mit besonderen Locations.

Wurmt Sie das? 

Nein. Wir haben uns erst im Januar in der Pfarrkonferenz über die Traupraxis unterhalten. Die Tendenz, dass die standesamtlichen Zahlen stabil sind, freut uns und zeigt, dass junge Menschen sehr wohl bindungswillig sind. 

Inwiefern haben sich kirchliche Trauungen verändert? 

Noch vor 15 Jahren hatten kirchliche Hochzeiten, was die Zeremonie angeht, einen höheren Stellenwert. Für das, was heute gewünscht ist, müssen die Leute nicht mehr unbedingt in die Kirche gehen. Auch angelsächsische Filme und Hochzeitssendungen im Fernsehen haben die Erwartungshaltung verändert. 

Wie meinen Sie das? 

Die Brautübergabe zum Beispiel ist eine umstrittene Tradition, die nicht auf unserem Boden gewachsen ist. Ich erkenne darin nicht wie manch andere das Ergebnis eines Tauschgeschäftes. Vielmehr sehe ich einen stark emotionalen Moment. Wenn ein Vater seine Tochter in die Kirche führt, jemand sichtbar aus dem Familienverband gelöst wird und zwei Familien neu zusammenkommen, ist das für Braut, Bräutigam und die Eltern hoch emotional. Die Zeiten, in denen ein Pastor die Brautleute von Kleinauf kannte, scheinen angesichts von Mobilität, Job- und Wohnortwechsel vorbei. 

Wie gut kennen Sie die Paare? 

Als Gemeindepastor kannte ich gut die Hälfte. Mit manchen Brautleuten komme ich erst anlässlich der Trauung in Kontakt. In den Gesprächen erzählen sie von ihren kirchlichen Bezügen, die im Alter zwischen 15 und 29 Jahren verschüttet gegangen sind. Wenn sie kirchlich heiraten, spielen frühe Erfahrungen wieder eine Rolle. Was bringt Paare vor den Traualtar? Die Suche nach Orientierung. Wir führen sehr ausführliche Gespräche mit den Paaren. Dabei zeigt sich, dass diese sich häufig sehr intensiv vorbereitet haben. Sie sagen: Wir wollen uns nicht nur füreinander versprechen, sondern dieses Versprechen gegenüber einer anderen Instanz, gegenüber Gott, verantworten. Dabei geht es auch um die Fragen: Woher kriegen wir die Kraft zur Vergebung? Wie kommen wir damit klar, dass wir nicht jeden Tag einander gerecht werden? Manche erleben, dass Eltern oder Freunde am Liebesversprechen gescheitert sind. 

Und trotzdem heiraten sie. 

Sie sagen: Wenn das nicht unser Wille ist, brauchen wir uns nicht trauen zu lassen. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um, sollte ich doch scheitern. Die Belastungen der Ehe sind wirklichstark: unterschiedliche Arbeitsorte, die Pflege der alten Eltern oder Kindererziehung. Wir haben schon erlebt, dass Ehen krachen gingen, weil die Menschen zu spät merkten, dass sie sich über Jahre nur um andere kümmerten, nicht umeinander. Wenn es kriselt, sollte zeitig eine Eheberatung aufgesucht werden. 

Jeder kennt Menschen, die ein- oder mehrfach geschieden sind. Haben Sie schon Geschiedene getraut? 

Ja, zweimal. In der evangelischen Kirche ist die Scheidung kein Hinderungsgrund für eine erneute kirchliche Trauung. Es gibt aber eine gewisse Hemmschwelle. Das Trauversprechen ist doch etwas, was Menschen sehr zu denken gibt. Wer als Geschiedener wieder heiratet, belässt es eher bei standesamtlicher Hochzeit.

Johannes Dorndorf 15.05.2015
Daniel Junker 15.05.2015
Daniel Junker 15.05.2015