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Umland Laatzen Nachrichten Beten abseits der großen Volkskirchen
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12:15 06.06.2017
In der Tradition der Pfingstbewegungen: Bei der Zungenrede in der der Christ Embassy in Alt-Laatzen stehen die Gottesdienstbesucher plötzlich auf, schließen die Augen, heben die Hände und beginnen wirr zu reden.
In der Tradition der Pfingstbewegungen: Bei der Zungenrede in der der Christ Embassy in Alt-Laatzen stehen die Gottesdienstbesucher plötzlich auf, schließen die Augen, heben die Hände und beginnen wirr zu reden. Quelle: Valerie Lux Schult
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Laatzen

"Sagt jetzt alle: Ich liebe den Heiligen Geist!“, ruft Pastor Stanley Chukwu laut in sein blaues Mikrofon. Mit kraftvollen Schritten läuft er mit seinen glänzenden schwarzen Lackschuhen auf dem roten Teppich von rechts nach links. „Halleluja“ murmeln die Mitglieder zurück, die sich in der Christ Embassy an der Alt-Laatzener Eichstraße an diesem Sonntag versammelt haben. Die Liturgie wird auf Englisch gefeiert, eine blonde Frau dolmetscht. Manchmal kommt sie dem Redestrom kaum hinterher.

Chukwu, in Nigeria ausgebildeter Pfarrer, hält seine einstündige Predigt komplett auswendig. Dabei brüllt er manchmal mehr als er spricht. Mit ausdrucksvoller Gestik und leidenschaftlicher Rhetorik reißt er seine Zuschauer mit. Während der Predigt werden in einer Power-Point-Präsentation Bibelzitate auf die weiß verputzte Wand gebeamt. Auf einmal stehen alle Mitglieder auf, schließen die Augen, heben die Hände und beginnen wirr zu reden. Die sogenannte Zungenrede ist ein Charakteristikum der Pfingstbewegungen, zu denen die Christ Embassy gehört. In eigener Verbindung mit Gott spricht man für einige Minuten willkürliche Wortfetzen, die einem in den Sinn kommen. Diese Gebetsform geht auf die „Zungenfeuer“ im Neuen Testament zurück, die den Jüngern Jesu an Pfingsten ermöglichten, in verschiedenen Sprachen zu kommunizieren.

Nach Chukuws Predigt hat man viele praktische Ratschläge für ein gelungenes Leben verinnerlicht. „Und jetzt alle! Sagt, dass ihr nicht krank werdet!“ fordert er die Gemeinde auf. Nach dem Gottesdienst erklärt er in einer ruhigen Minute die Kernbotschaft dieser freien evangelischen Gospelkirche, die auf dem Glauben der Selbstheilung durch Autosuggestion beruht. Die 2009 gegründete Christ Embassy in Laatzen mit ihren 60 Mitgliedern geht auf die Lehren des afrikanischen Geistheilers Chris Oyakhilome zurück. „Natürlich sind wir nicht gegen die Schulmedizin, Ärzte sind wunderbare Menschen, die ihre gottgegebene Weisheit einsetzen, um den Menschen zu helfen“, stellt Pastor Stanley klar. „Aber wir glauben an völlige Gesundheit; göttliche Gesundheit, die aus dem Glauben an Jesus Christus kommt, denn Gesundheit gehört mit zu dem Gesamtpaket der Errettung, die uns Jesus Christus durch seinen Tod, seine Grablegung und Auferstehung geschenkt hat.“ Seine Dolmetscherin Jeanette Henneicke, die hauptberuflich bei einer Blutplasma-Firma arbeite, betont, dass jeder, wenn er möchte, eine Predigt halten könne. Anders als in der katholischen Kirche können in der Christ Embassy Laatzen auch Frauen den Gottesdienst leiten.

Internationale Christen-Gemeinde: Jeder betet in seiner eigenen Sprache

Ruhiger geht es in dem wöchentliche Hauskreis der internationalen Christen-Gemeinde zu. Der Lehrer und Kameruner Cen Wandji und seine deutsche Frau Simona Wandji laden seit ein paar Jahren Menschen aller Nationalitäten zu ihrem Bibelkreis in ihrem Einfamilienhaus in Grasdorf ein. An diesem Donnerstag sind unter anderem ein serbisches Ehepaar, ein Kurde und zwei Deutsch-Afrikanerinnen vertreten. Man schließt die Augen und jeder betet reihum in seiner eigenen Sprache. Dann wird über Bibelzitate debattiert. Jeder hat entweder ein Tablet oder Smartphone bereit oder hält die Bibel in Buchform vor sich. So können auch schnell Verse gegoogelt werden, denn der Satz „das habe ich irgendwo gelesen…“ fällt unter den Gemeindemitgliedern sehr oft.

„Schaut in die Bibel. Die Bibel ist unser A und O“, sagt Pastor Wandji, gießt sich einen Tee ein und faltet seine Hände. Wandji wurde wie Chukwu in Afrika theologisch ausgebildet. Es entspinnt sich eine rege Debatte über die Bedeutung der Frau in den Korintherbriefen. Darin verfügte Paulus, dass die Frau in der Gemeinde schweigen und Fragen abends an ihren Mann stellen sollte. „Wir sind Fundamentalisten“ sagt ein junger Mann am Tisch. Er plädiert für die wortgetreue Anwendung dieses Zitats. „Ich glaube ja, wenn eine Frau predigen würde, geht alles den Bach herunter“. Cen Wandji widerspricht und verweist auf allumfassende Liebe Jesus, die eine Gleichstellung aller erfordere. „Juden, Christen, Frauen, Männer, wir sind alle gleich“, sagt Wandji, das sei die wichtigste Botschaft der Bibel.

„Das ist das Schöne an unserer Gemeinde – durch unsere viele unterschiedlichen Kulturen haben wir einen konstruktiveren und vielfältigeren Austausch über die Interpretation von Bibelzitaten“, sagt Simona Wandji später. Um ihrer Vielfalt Rechnung zu tragen, gehört die internationale Christen-Gemeinde auch keinem Dachverband an. Anbetungsgottesdienste werden regelmäßig in den Räumlichkeiten des Wilkening-Pflegeheims an der Mergenthalerstraße gefeiert.

Christus-Gemeinde: die kleinste der Laatzener Freikirchen

Nicht nur die internationale Christen-Gemeinde, auch die Christus-Gemeinde wird von einem Ehepaar geleitet. Helga und Eide Schwing leiten die kleinste der drei Laatzener Freikirchen, die als eingetragener Verein organisiert ist. Mit ungefähr zehn Mitgliedern trifft man sich immer dienstags in ihrem Wohnzimmer in Laatzen-Mitte. Vor dem Hintergrund weißer Vorhänge und üppigen Grünpflanzen, die auf dem Fensterbrett der Erdgeschosswohnung stehen, beten die Mitglieder gemeinsam, singen mit der Gitarre und tauschen sich über die Bibel aus.

Eide Schwing hat als Hauskreisleiter viel Erfahrung und hat sogar ein Buch über Gemeindegründungen verfasst. Zusammen mit seiner Frau lebte der Senior neun Jahre im US-Bundesstaat Illinois und gründete dort eine evangelische Gemeinde. „So eine Gemeindegründung ist schon anstrengend, das macht man besser im Doppelpack“, sagt Helga Schwing, die ihren Mann organisatorisch in allem unterstützt. Zurück in Deutschland, gründeten sie die Christus-Gemeinde Hannover. Aufgrund krankheitsbedingter Umstände mussten sie 2011 nach Laatzen ziehen.

„Wir befinden uns hier in Laatzen noch im Aufbau“, schmunzelt Helga Schwing, „zwar schon seit einigen Jahren, aber wir hoffen auf noch mehr Mitglieder. Ein US-amerikanisches Ehepaar könnte auch irgendwann unsere Nachfolge antreten.“ Sie habe in ihrem Leben schon oft erfahren, dass sie nach einem Gebet eine externe Kraft spürte, die ihr die Energie gab, ihr Leben positiv zu verändern. Warum man denn als Christ zu ihnen kommen sollte? „Bei uns kann wirklich jeder so kommen, wie er ist, und muss nicht Angst haben, wegen irgendwelcher Charaktereigenschaften oder Schwächen schief angesehen zu werden“, sagt Eide Schwing. Er bietet auch kostenlose Hilfe für Seelsorge und Beratung an. „Ich freue mich auf jedes Mitglied – Glauben macht Spaß."

Freikirchen: Nähe unter den Mitgliedern ist oft groß

Freikirchen sind eigene christliche Gemeinden, die weder der evangelischen noch der katholischen Volkskirche angehören. Sie sind aufgrund ihrer geringen Größe oft von einer besonderen Nähe unter den Mitglieder und in enger Beziehung zum Pastor geprägt. Im Mittelalter standen Freikirchen oft in starker Opposition zur Staatskirche. Viele Freikirchen in Deutschland sind deswegen evangelikal geprägt, selbst wenn die Trennung von Staat und Kirche längst vollzogen ist.

Gottesdienste der Laatzener Freikirchen

Christ Embassy Laatzen: Gottesdienste sonntags 16 Uhr und mittwochs 19 Uhr, Bibelgruppe dienstags 18.30 Uhr (alle im Gebäude Eichstraße 22, Alt-Laatzen).

Internationale Christen-Gemeinde: Anbetungsgottesdienste im Pflegeheim Wilkening, Mergenthalerstraße 18 an jedem zweiten Sonntag, 14 Uhr; Haus- und Gebetskreis donnerstags 18 Uhr (Ort ist im Gottesdienst zu erfragen).

Christus-Gemeinde: Hauskreis dienstags 19, Im Heidfeld 7.

Fotostrecke Laatzen: Beten abseits der großen Volkskirchen

Von Valerie Lux Schult

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