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Umland Laatzen Nachrichten Senioren daddeln an Spielekonsole - aus Therapiegründen
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00:17 30.10.2017
Christa Becker legt sich beim Motorradspiel des neuen Computerspielsystems in die Kurve.
Christa Becker legt sich beim Motorradspiel des neuen Computerspielsystems in die Kurve. Quelle: Daniel Junker / www.junkerphoto.de
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Laatzen-Mitte

Ein kleines Grüppchen von Senioren hat es sich auf den Stühlen und Sesseln im Foyer der Einrichtung an der Mergenthalerstraße bequem gemacht. Gespannt sehen die betagten Damen und Herren dem Gesundheitsberater Jens Brandis von der Firma Retrobrain dabei zu, wie er einen kleinen schwarzen Kasten neben dem großen Fernseher einschaltet. Der Kasten heißt Memorebox und ist eine neuartige Computerspielkonsole, die seine Firma speziell für Senioren und den Einsatz in Heimen entwickelt hat. Anders als bei anderen Spielekonsolen werde das Gerät vollständig durch Körpergesten bedient, sagt Brandis - zusätzliche Steuerungsgeräte seien nicht erforderlich. Genau dies will er den Senioren in der Praxis vorführen.

Während das Spiel lädt, müssen sich die Bewohner noch einen Moment gedulden. Schließlich erscheint ein Menü auf dem Bildschirm, aus dem die Senioren vier Spiele unterschiedliche Spiele auswählen können. "Wer möchte denn mal Motorrad fahren?", fragt Brandis in die Runde. Die Runde schaut ihn skeptisch an. "Ich habe meinen Führerschein schon abgegeben", sagt eine ältere Dame und bringt damit die anderen Senioren zum Schmunzeln. "Den brauchen sie nicht, sie können das direkt hier im Foyer machen", ermutigt Einrichtungsdirektor Adrian Grandt die Heimbewohnerin. "Sie können sich sogar aussuchen, ob sie stehen oder auf einem Stuhl sitzen möchten."

Nach einigen Zögern fasst sich eine der Damen ein Herz: Christa Becker nimmt auf dem vor dem Fernseher aufgestellten Stuhl Platz. Brandis erklärt der Seniorin, dass eine spezielle, über dem Fernseher aufgestellte Kamera ihre Körperbewegungen erfasst. "Sie können das Motorrad steuern, indem sie ihren Oberkörper nach links und rechts bewegen", sagt Brandis, während sich das virtuelle Motorrad auf dem Bildschirm langsam nach vorne bewegt. Als Christa Becker ihren Oberkörper nach links neigt, legt sich das Motorrad tatsächlich ebenfalls in die Kurve. Plötzlich tauchen mitten auf der virtuellen Straße Absperrbaken auf. Die ersten Hindernisse überfährt Christa Becker glatt, dann stellt sie sich auch auf diese Situation ein. "Das macht schon Spaß, wenn man sieht, wie das auf einen zukommt", sagt die Seniorin später.

Nach und nach setzen sich auch die anderen vor den Bildschirm, das Programm wechselt vom Motorradfahren zum Bowling und schließlich zu einem Spiel, bei dem ein Postbote mit dem Fahrrad eine Straße entlang fährt und Briefe in virtuelle Briefkästen wirft. Gesteuert wird dieser Bote natürlich von den Victor's-Bewohnern: Je schneller sie vor dem Fernseher auf den Boden treten, desto schneller bewegt sich das Pendant auf dem Bildschirm. Mit Armbewegungen werden die Zeitungen in die dort auftauchenden Postkästen geworfen.

Die Spiele sollen nicht nur Spaß bereiten, sondern auch die die motorischen und kognitiven Fähigkeiten der Senioren trainieren, sagt Brandis' Kollege Lukas Navarrete, Entwicklungsleiter des Startup-Unternehmen. "Die Spiele unterstützen die Körperkoordination, wie sie bei der Bewegungstherapie eine Rolle spielt." Die Bewegungen, die beim Spielen notwendig sind, trainierten die Gang- und Standsicherheit. "Man sollte solche Bewegungen mindestens zehn Minuten am Tag machen. Das macht vielen Senioren aber keinen Spaß", sagt Navarrete. Durch das Spiel würden sie dazu motiviert, dies ganz nebenbei zu tun.  

Ein wichtiges Element sei auch die Grafik und der Ton. "Wir haben sie auf die 50er- und 60er-Jahre abgestimmt", sagt Navarrete. Dies würde die Erinnerung der Senioren stimulieren. "Das ist zum Beispiel wichtig bei Personen mit Demenz." Um die Bedienung zu erleichtern, erscheint hin und wieder ein Männchen auf dem Bildschirm. "Das ist der virtuelle Helfer Paul", sagt Navarrete. Er gibt den Spielern immer wieder Tipps.

Trotzdem klappt nicht alles auf Anhieb: Hin und wieder muss Brandis eingreifen und den Senioren Hilfestellung geben - insbesondere dann, wenn die Spieler zu weit vom Fernseher entfernt stehen. Auch die Menüführung ist nicht für alle sofort verständlich - da sind einige der Damen und Herren dann doch noch etwas überfordert.

Die Victor's Seniorenresidenz sowie elf weitere Einrichtungen der Unternehmensgruppe testen die MemoreBox zunächst vier Wochen lang. "Wenn das gut läuft werden wir die Konsole für alle unserer 125 Häuser anschaffen", sagt Grandt.

Fotostrecke Laatzen: Senioren daddeln an Spielekonsole - aus Therapiegründen

Von Daniel Junker

30.10.2017
Johannes Dorndorf 30.10.2017
Johannes Dorndorf 30.10.2017