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Laatzen Niedersächsischer Weg: Wer führt künftig die Ökologischen Stationen?
Umland Laatzen

Niedersächsischer Weg: Wer führt künftig die Ökologischen Stationen?

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17:25 15.11.2021
Artenschutz im Fokus: Die Fischadler kehren an das Steinhuder Meer zurück, wie eine Aufnahme der dortigen Ökologischen Schutzstation zeigt.
Artenschutz im Fokus: Die Fischadler kehren an das Steinhuder Meer zurück, wie eine Aufnahme der dortigen Ökologischen Schutzstation zeigt. Quelle: Fotos: ÖSSM/Johannes Dorndorf/Gabriele Schulte
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Vor einem Jahr sind Naturschutzverbände, Landwirte und Politik gemeinsam den sogenannten Niedersächsischen Weg angetreten. Im Bemühen um mehr Artenschutz haben sie unter anderem die Einrichtung von neuen Ökologischen Stationen im gesamten Bundesland vereinbart. Bis Jahresende läuft ein Bewerbungsverfahren, bei dem es nun allerdings mancherorts wenig harmonisch zugeht. Für rund 15 zusätzliche Vor-Ort-Betreuungen von Schutzgebieten, die die bisher zwölf bestehenden ergänzen sollen, haben nach Informationen der HAZ 27 Bewerber ihr Interesse bekundet.

Einzelne Landkreise haben ihre Favoriten bereits benannt. „Da scheinen nicht immer fachliche Kriterien im Vordergrund zu stehen“, meint eine führende Vertreterin eines Umweltverbandes im Osten Niedersachsens. Unterdessen fürchtet die Ökologische Station Mittleres Leinetal in Laatzen, zuständig für die südliche Region Hannover und den Kreis Hildesheim, angesichts eines überraschend aufgetretenen Konkurrenten um ihre Existenz.

Stationen sind umkämpft

Wer kümmert sich am besten darum, die Lebensbedingungen bedrohter Tier- und Pflanzenarten in den Schutzgebieten zu verbessern? Der Naturschutzbund Nabu oder der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)? Ein ornithologischer Verein, die Landesjägerschaft oder aber der Bauernverband? Sie alle haben beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ihren Hut in den Ring geworfen. „Es wird angestrebt, die Förderbescheide ab dem ersten Quartal 2022 zu erstellen“, teilt das niedersächsische Umweltministerium mit. Die Förderung laufe zunächst für zwei Jahre. Eine Voraussetzung ist, dass sich die Bewerber vor Ort um Kooperation mit den anderen Akteuren bemühen. Auch deshalb bleiben die Interessenten gern in der Deckung, anstatt es sich mit möglichen Partnern – auch anderer umweltpolitischer Couleur – zu verderben. Doch läuft ohnehin auf lokaler Ebene, wo Ideologie keine große Rolle spielt, das Zusammenspiel oft erstaunlich gut.

„Jeder Platzhirsch verteidigt sein Revier“: Helmut Blauth ist bei der Landesjägerschaft für Naturschutz zuständig. Quelle: Bezirksverband Oldenburg

Manche Verbände sind bei den Naturschutzbehörden der Landkreise, mit denen sie kooperieren wollen, dennoch zunächst auf Ablehnung gestoßen, wie Helmut Blauth von der Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN) berichtet. Naturschutz möchten die Jäger, die sich im Oldenburger Land um eine Ökologische Station bewerben, im Einvernehmen mit den Landwirten als Flächeneigentümer umsetzen. Bei den freiwilligen Blühstreifenprogrammen etwa funktioniere das schon sehr gut, sagt Blauth. „Wir brauchen das ,Go’ von drei unteren Naturschutzbehörden.“ Denn die Schutzgebiete, um die es geht, verteilen sich auf die Landkreise Oldenburg, Vechta und Cloppenburg.

„Jeder Platzhirsch verteidigt sein Revier“, meint der stellvertretende LJN-Präsident. „Für uns ist es deutlich schwerer, weil wir noch keine Station betreiben.“ Mit den etablierten Naturschutzverbänden, die in der Regel eher auf Vorschriften setzen, würde die Jägerschaft aber gern kooperieren. Die Akzeptanz der Stationen hänge schließlich auch davon ab, wie die Beteiligten zusammenarbeiten.

Die Jäger haben sowohl dem Landvolk wie auch dem Nabu eine Kooperation angeboten. Doch beide Verbände haben jeweils eine eigene Bewerbung für dieselbe Region abgegeben. Das Rennen ist also offen.

Nabu verzichtet in Uelzen

Im Raum Uelzen hat dagegen die Politik frühzeitig so deutliche Signale gesendet, dass der Nabu dort auf die anfangs angestrebte Bewerbung verzichtet. Hintergrund sollen die Differenzen bei der Wolfspolitik sein. Ein Kreissprecher in Uelzen teilt mit: „Im Hinblick auf die Errichtung einer Ökologischen Station haben der Nabu und der BUND mit der Landkreisverwaltung Gespräche geführt.“ Die beteiligten Kreise Uelzen, Lüneburg und Harburg hätten sich auf die Konzeptentwicklung mit dem BUND als „präferiertem Betreiber“ verständigt.

Die zwölf bestehenden Ökologischen Schutzstationen sind an dem Bewerbungsverfahren nicht beteiligt, sondern haben gerade turnusgemäß Anträge auf die Fortsetzung ihrer Landesförderung ab 2022 gestellt. Normalerweise wäre das eine Art Selbstläufer, doch in der Ökologischen Station Mittleres Leinetal (ÖSML) in Laatzen ist derzeit die Sorge groß. Die ÖSML ist 2012 auf Initiative von Verwaltung, Politik und Naturschutzverbänden aus dem Raum Hannover entstanden, Landkreis und Stadt Hildesheim wurden ins Boot geholt, um ein ausreichend großes Betreuungsgebiet zu schaffen.

Der Landkreis Hildesheim hat nun die bisherige Partnerschaft mit der Region Hannover infrage gestellt und für sein Gebiet eine eigene Station unter Federführung der finanz- und flächenstarken Heinz-Sielmann-Stiftung ins Spiel gebracht. Die Stiftung mit Sitz in Duderstadt hat sich auf die Bitte der Hildesheimer Naturschutzbehörde hin beim Land beworben.

Zukunft ungewiss: Die Ökologische Station Mittleres Leinetal in Laatzen. Quelle: Gabriele Schulte

Unterstützt wird die Abspaltung auch von der Paul-Feindt-Stiftung in Hildesheim, einem Gründungsmitglied der ÖSML. Die Stiftung ist 1989 aus dem Ornithologischen Verein entstanden und besitzt Ländereien von mehr als 1000 Hektar unter anderem in Schutzgebieten. „Bei der großen Zahl von Flächen ist es von Vorteil, wenn man nah dran ist“, begründet Vorsitzender Bernd Galland die Neuorientierung.

Dagegen betont Carola Böse-Fischer, ehrenamtliche Vorsitzende des ÖSML-Vereins, dass wegen des Verwaltungsaufwands ein großes Betreuungsgebiet unabdingbar sei und eine Station allein für die südliche Region Hannover nicht zu halten wäre. „Bei einer Stationsteilung wären die Stellen von fünf kompetenten und ortskundigen Mitarbeitern akut gefährdet.“ Erweiterungsmöglichkeiten gebe es nicht: Im Nordwesten ist das Gebiet der ÖSML durch die Autobahn 2 abgegrenzt vom Bereich der Schutzstation Steinhuder Meer, im Osten durch die Regionsgrenze nach Peine.

„Bei einer Stationsteilung wären die Stellen von fünf kompetenten und ortskundigen Mitarbeitern akut gefährdet“: Carola Böse-Fischer, ehrenamtliche Vorsitzende des ÖSML-Vereins- Quelle: Schulte, Gabriele

Brandbrief an Minister Olaf Lies

Der Verein hat von der Laatzener Leineaue aus Umweltminister Olaf Lies (SPD) einen „Brandbrief“ geschickt. Parallel haben das Netzwerk Ökologischer Stationen in Niedersachsen sowie BUND und Nabu (beide Gründungsmitglieder der ÖSML) an die Heinz-Sielmann-Stiftung geschrieben. „Wir sprechen uns klar für das Fortbestehen der ÖSML und ihrer Arbeit in der Schutzgebietsbetreuung in der Stadt und dem Landkreis Hildesheim und damit für den Erhalt regional gewachsener Strukturen im Naturschutz aus“, heißt es dort. Der Verein wirft der Duderstädter Stiftung zudem vor, sich nicht ernsthaft um eine Zusammenarbeit bemüht zu haben. Kompromissfähigkeit ist bekanntlich Grundbestandteil des Niedersächsischen Wegs, wie auch Martin Bäumer, Umweltsprecher der CDU im Landtag hervorhebt. „Wir wünschen uns kooperative Modelle.“ Die zukünftigen Ökologischen Stationen könnten sich ein Beispiel an den schon länger bestehenden Biologischen Stationen in Nordrhein-Westfalen nehmen, aber auch an der guten Zusammenarbeit von Nabu und Landvolk in Osnabrück. Zu hoffen sei, dass sich überall die Beteiligten „auf Augenhöhe“ begegnen. Wem aber wird wo die Verantwortung übertragen? Der Landesbetrieb für Naturschutz prüft die Bewerbungen und wird die Ergebnisse dem Lenkungsausschuss des Niedersächsischen Wegs präsentieren. In dem Gremium sind neben Umwelt- und Landwirtschaftsministerium das Landvolk, die Landwirtschaftskammer, der BUND und der Nabu vertreten. Konsens ist auch hier gefragt – doch nicht um jeden Preis. Nabu-Landesvorsitzender Holger Buschmann betont auf HAZ-Anfrage, dass er die drohende Zerschlagung der ÖSML in Laatzen nicht akzeptieren will.

„Ich würde mich klar dagegen stellen.“

Keinesfalls dürfe das aktuelle Bewerbungsverfahren um die neuen Stationen dazu führen, dass eine seit Jahren erfolgreich arbeitende Station wie die in Laatzen zerschlagen würde, sagt das Mitglied des Lenkungsausschusses. „Das wäre nicht im Sinne des Niedersächsischen Wegs und mit nachhaltigem Naturschutz nicht zu vereinbaren.“ Die unerwartete Konkurrenz aus Duderstadt, die Heinz-Sielmann-Stiftung, will sich zu ihrer Bewerbung nicht öffentlich äußern.

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Ökologische Stationen verbessern Lebensräume für Tiere und Pflanzen

Das Land hat sich im Niedersächsischen Weg verpflichtet, zur Förderung des Europäischen Schutzgebietssystems Natura 2000 mehr als 100 Millionen Euro zusätzlich bereitzustellen. Damit sollen Managementmaßnahmen bis 2024 finanziert werden. Wieviel an die Ökologischen Stationen geht, ist bisher nicht bekannt.

Flora, Fauna und Habitate (FFH) sind zum großen Teil durch menschliche Nutzung geprägt. Dies gilt auch für Natura 2000-Gebiete als Schutzgebiete nach der FFH-Richtlinie und der EU-Vogelschutzrichtlinie. Es bedarf aktiver Pflegemaßnahmen, um die Entwicklung umzukehren oder zumindest Verschlechterungen abzuwehren. Der Niedersächsische Weg sieht vor, die Vor-Ort-Betreuung von Schutzgebieten mit landeseigenen Naturschutzstationen und meist verbandlich getragenen Ökologischen Stationen auszubauen. Diese verstehen sich als Moderatoren im Naturschutzsektor und als Schnittstellen zwischen Ehrenamtlichen und Fachpersonal.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ökologischen Stationen schaffen und verbessern nach einer Bestandsaufnahme der Schutzgebiete Lebensräume für heimische Tier- und Pflanzenarten, indem sie etwa Laichgewässer für Amphibien wie den vom Aussterben bedrohten Laubfrosch anlegen. Von der Station in der Leineaue in Laatzen aus beobachten und kartieren sie zum Beispiel Biber, Feldhamster und Fischotter, Wald- und Wiesenvögel, Fledermäuse und Amphibien, Schmetterlinge, Libellen und Heuschrecken. Hinzu kommen Öffentlichkeitsarbeit und Führungen. In Zusammenarbeit mit Eigentümern und Flächennutzern setzen sie Maßnahmen zur Landschaftspflege um. Ein Beispiel ist das Management für die Mahd extensiv genutzter Wiesen in der Leineaue.

Für die Förderperiode 2018 bis 2021 hat das Land zwölf Träger mit annähernd 9 Millionen Euro unterstützt: die Biologische Station Haseniederung e.V., Biologische Station Osterholz e.V., BUND Diepholzer Moorniederung, Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer e.V, Naturschutzring Dümmer e.V., Ökologische NABU-Station Aller-Oker, Ökologische NABU-Station Oste-Region, Ökologische NABU-Station Ostfriesland, Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer e.V., Ökologische Station Landgraben-Dummeniederung des BUND, Ökologische Station Mittleres Leinetal e.V. und die Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide e.V. Rund 15 weitere sollen hinzukommen.

Von Gabriele Schulte