Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Laatzen So viel wie sonst nirgends: Darum gibt es Heiligabend sechs Gottesdienste in Rethen
Umland Laatzen

Rekord in Laatzen: Rethener Pastor- und Diakonenteam bieten an Heiligabend sechs Gottesdienste an

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:02 23.12.2019
Regionaldiakon Gunnar Ahlborn (von links), Regionaldiakonin Corinna Bormann und Pastor Jens Wening halten Heiligabend insgesamt sechs Gottesdienste bei St. Petri in Rethen.
Regionaldiakon Gunnar Ahlborn (von links), Regionaldiakonin Corinna Bormann und Pastor Jens Wening halten Heiligabend insgesamt sechs Gottesdienste bei St. Petri in Rethen. Quelle: Daniel Junker
Anzeige
Rethen

Weit mehr als 1000 Christen werden Heiligabend bei sechs Gottesdiensten in St. Petri erwartet. In der Rethener Kirche gibt es an diesem Tag so viele wie nirgends sonst in Laatzen. Angeboten werden die Andachten von den beiden Regionaldiakonen Corinna Bormann (60 Jahre) und Gunnar Ahlborn (55) sowie dem erst im Februar ordinierten Pastor Jens Wening (38). Kurz vor dem Fest haben wir mit ihnen über Vorbereitungen, Emotionen und außergewöhnliche Erfahrungen gesprochen.

Die Weihnachtszeit ist sehr arbeitsreich – gerade für Geistliche. Was haben Sie in der Woche vor Heiligabend noch zu tun?

Wening: Die beiden Hauptgottesdienste vorbereiten und Regieaufgaben klären: mit der Organistin, welche Lieder gespielt werden, und technische Details, wo zum Beispiel die Stühle stehen. Ich habe (als neuer Pastor, Anm. d. Red.) noch keine Erfahrung, wie in der Gemeinde Weihnachten gefeiert wird, deshalb ist das wichtig.

Bormann: Nach 18 Jahren in der Gemeinde ist das Organisatorische Routine. Die Lieder stehen fest: Hits wie „Ihr Kinderlein kommet“, „Stille Nacht“. Ich bereite mich inhaltlich vor, schreibe Texte und Gebete. Und die Geschenke für die 20 Krippenspielkinder sind noch zu verpacken.

Ahlborn: Das geht mir ähnlich: Ich bin jetzt seit fast 30 Jahren im Kirchenkreis und in der letzten Woche geht es um die inhaltliche Vorbereitung und seelsorgerische Aufgaben.

Sie drei gestalten Heiligabend sechs Gottesdienste, Frau Bormann die ersten drei, Herr Wening die Hauptgottesdienste um 17.15 und 18.15 Uhr und Herr Ahlborn die Christnacht um 23.30 Uhr. Bereiten Sie dies zusammen vor, oder macht jeder „sein Ding“?

Wening: So etwas geht nur, wenn man sich gut abspricht und als Team zusammenarbeitet.

Bormann: Wir sind in diesem Jahr ein Superteam geworden und freuen uns unglaublich, dass er (Jens Wening, Anm. d. Red.) bei uns ist. Wir habe Ideen für die Gemeinde, das ist einfach schön und an sich schon ein Geschenk.

Das klingt sehr harmonisch, fast nach „Die drei von St. Petri“...

Bormann: Genau, wobei wir auch sonst alle tolle Kollegen im Kirchenkreis haben.

Ahlborn: Corinna (Bormann, Anm. d. R.) und ich sind viel im Kirchenkreis unterwegs, aber Laatzen und St. Petri ist so etwas wie ein geistlicher Heimathafen für mich.

Bormann: St. Petri ist der offizielle Dienstsitz, aber auch für mich mehr: Es ist Heimat. Und wir drei sind ein Team – zusammen mit dem Kirchenvorstand, Pastorin Heyde, den Ehrenamtlichen, den Kollegen aus der Region. Das klingt nach viel Lobhudelei, aber man kann nur arbeiten, wenn alle mit dabei sind. Und hier ist es stimmig.

Nochmal zurück zu den Gottesdiensten, inwiefern unterscheiden die sich Heiligabend?

Bormann: Im Familiengottesdienst um 11 Uhr muss die klassische Weihnachtsgeschichte erzählt werden, dieses Jahr aus der Sicht des Hirten, der von Wollschafen umgeben ist. Dreijährige brauchen nicht mehr. Wir leben aber nicht in einer heilen Welt, und in den Gebeten und Fürbitten werde ich benennen, was nicht in Ordnung ist. Die beiden Christvespern am Nachmittag sind angepasst für ältere Kinder. Dann steht das Krippenspiel im Vordergrund ...

... von denen sie in ihrem Berufsleben ja schon einige mitgemacht haben ...

Bormann: Ja, und ich muss gucken, wo ich mein eigenes Weihnachtsgefühl herbekomme, dass ich nichts abspule. Ich weiß, was ich zu tun habe, will aber auch inhaltlich beteiligt sein. Die Krippenspielgottesdienste sind ebenso wie die Hauptgottesdienste und die Christnacht rappeldickevoll – mit bis zu 260 Besuchern.

Auch bei Ihnen wird es also eng werden, Herr Ahlborn. Worüber werden sie nachts sprechen?

Ahlborn: Im 23-Uhr-Gottesdienst wird es um den Stern in der Weihnachtsgeschichte gehen. Welche Sternstunden hat die Gemeinde erlebt, wo müsste noch ein Stern aufgehen? Das soll beleuchtet werden.

Wening: Dort wird auch das Friedenslicht verteilt werden. Darauf können Sie gern noch mal extra hinweisen.

Worauf genau sollen wir hinweisen?

Wening: Wir haben das Friedenslicht aus Bethlehem bekommen. Letztens stand ein Bote vor meiner Tür und hat gefragt, ob ich es haben wolle – und natürlich wollte ich. Es wurde in Bethlehem entzündet und in speziellen Transportbehältnissen mit dem Flugzeug nach Europa und von Wien aus von den Pfadfindern weiter verteilt, bis es erst in Hannover-Döhren und nun bei uns ankam. Wir haben im Team überlegt, in welchem Gottesdienst es sich wirkungsvoll einbinden lässt und uns für die Christnacht entschieden. Wer also um 23 Uhr kommt, kann ein Transportbehältnis mitbringen und das Frienslicht mit nach Hause nehmen.

Das ist sehr besonders. Für Sie, Herr Wening, ist aber noch etwas besonders, denn Sie werden Ihren ersten Heiligabendgottesdienst bei St. Petri halten. Was haben Sie sich vorgenommen?

Wening (lächelnd): Zunächst einmal einen schönen Gottesdienst zu feiern. In der Weihnachtspredigt geht es darum, dass Gott unter uns Menschen wohnt. Wohnen ist eine der großen Fragen unserer Zeit: Mangel an Wohnraum, der Wunsch nach Heimat, das Bedürfnis, gerade zu Weihnachten am alten Wohnort zu sein. Und es gibt Leute, die keine Wohnung haben, die es nicht warm haben. Wenn Gott unter uns Menschen wohnt, dann kommt er Weihnachten nicht nur zu Besuch. Gott kommt, um zu bleiben – das ist die Botschaft von Weihnachten. Gott ist verlässlich da und ansprechbar und kennt unsere Lebenssituation.

Sie alle arbeiten Weihnachten. Bleibt da überhaupt Zeit für die Familie?

Wening: Meine Frau hat mich das auch schon gefragt. Ich weiß noch nicht, wie schnell ich nach zwei vollen Gottesdiensten auf einen ruhigen Abend umschwenken kann. Wir warten dieses Jahr erst einmal ab, was sich vielleicht als neue Familientradition ergibt. Auf jeden Fall wollen wir in die Christnacht gehen.

Bormann: Natürlich gibt es an Heiligabend den Weihnachtsbaum, Familie und Geschenke, aber es ist noch nicht das richtige Weihnachtsgefühl. Es dauert eine Weile, bis ich herunterkomme. Der Effekt ist am ersten Weihnachtstag da mit dem 10.30-Uhr-Gottesdienst beim Kanzeltausch in St. Petri. Dann beginnt mein Weihnachten.

Ahlborn: Ich habe den Luxus, am Nachmittag und frühen Abend mit der Familie am Tannenbaum sitzen zu können und genieße das auch sehr. Das hat fast was Therapeutisches. Um 22 Uhr bereite ich mich langsam vor.

Weihnachten löst bei vielen Emotionen aus. Merken Sie das in Ihren Gottesdiensten?

Ahlborn: In der Christnacht durchaus. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass mich hinterher Menschen ansprechen, die etwas auf der Seele haben: Einsamkeitsgründe oder lebensentscheidende Entwicklungen, die sie besprechen möchten. Es ist aber auch ein großes Wiedersehen derer, die früher in unserer Kirchenregion aktiv waren. Ich bin normalerweise erst gegen 3 Uhr zu Hause.

Bormann: In meinen Gottesdiensten werden von Besuchern keine Probleme angesprochen, das gibt es im Vorfeld. Wenn Familien über die Konkurrenz zwischen Großeltern berichten, oder bei getrennt lebenden Eltern, die den Umgang ihrer Kinder nicht regeln können.

Wening: Aus Gesprächen weiß ich, dass Weihnachten eine schwere Situation für diejenigen ist, die einen lieben Menschen verloren haben. Da schmerzt der Verlust dann besonders.

Viele zieht es dieser Tage nach Hause. Waren Sie Weihnachten schon mal woanders?

Wening: Ja, 2005 als ich in Jerusalem studiert habe – eine tolle Erfahrung. Wir mussten bei der Universität eine Ausnahmegenehmigung beantragen für ein christliches Fest. Heiligabend war ein Werktag, und es galt Anwesenheitspflicht in den Seminaren. Mein Mitbewohner fragte, was los sei, als ich mir am Nachmittag Hemd und Krawatte anlegte, und ich sagte: Es ist Weihnachten, und ich gehe in den Gottesdienst.

Und was passierte dann?

Wening: Ich bin durch das Alltagstreiben in der Jerusalemer Altstadt zur Erlöserkirche gegangen. Die Geschäfte waren geöffnet, es war null weihnachtliche Stimmung. Die Feier mit einer ganz kleinen Minderheit und kulturinteressierten Israelis hat mich sehr geprägt. Seitdem kann ich nachvollziehen, wie es ist, in der Fremde ein eigenes Fest zu feiern. Es fühlt sich anders an, ist aber zugleich ein Gefühl von Zuhause. Als Minderheit erlebt man seine eigene religiöse Tradition viel intensiver.

Ahlborn: Als ich 17 Jahre alt war, sind wir – also meine Mutter, meine Oma, mein jüngerer Bruder und ich – erstmals an Heiligabend in der Straßenbahn mit Bananenkisten und Tüten voller selbst gestrickter Socken, Handschuhe, Früchte und Kekse zur Andacht in den Hauptbahnhof gefahren. Dort haben wir alles an Bedürftige verteilt. Die Menschen haben sehr überrascht geguckt. Es war ja nichts Offizielles sondern eine Privatinitiative. Das hat mich sehr geprägt.

Was ist für Sie persönlich am wichtigsten an Weihnachten?

Ahlborn: Zeit zu haben und das Jahr Revue passieren zu lassen, wobei ich das Kirchenjahr meine: Wo ist ein Licht aufgegangen oder auch untergegangen? Und die Enkel bespielen und mit ihnen eine Lego-Stadt bauen.

Bormann: Weihnachten spürbar werden zu lassen, eine Botschaft zu geben und auch selbst zu empfangen. Bei der Familie zu sein und Menschen zu sehen, die ich nicht so oft sehe.

Wening: Gott wurde im Stall geboren, er kommt von der Straße: Er kennt schwierige Lebensumstände und macht sich stark für Menschen, die am Rand stehen. Das ist für mich der Kern von Weihnachten: Dankbar sein für alles Gute. Und an die denken, die es nicht gut haben.

Zum Abschluss eine vermeintlich banale Frage: Was essen Sie Heiligabend?

Ahlborn (ohne zu zögern): Kartoffelsalat und Würstchen – traditionell, schlicht und einfach.

Bormann: Wie essen kaltes Abendbrot, mit Lachs und Käseplatte. Am ersten Weihnachtstag kochen mein Mann und meine Tochter etwas Schönes, aber es soll nicht in Stress ausarten. Wir haben auch schon einfach nur Nudeln mit Tomatensauce gegessen.

Wening (lacht): Oh, das entspannt mich jetzt. Wir wissen es nämlich noch nicht.

Rund 40 Weihnachtsgottesdienste in Laatzen

Die verschiedenen evangelischen Gemeinde in Laatzen bieten Heiligabend und an den beiden Weinachtstagen insgesamt 30 Gottesdienste, die katholische Kirche von St. Oliver sieben. Gehalten werden diese von mehr als einem Dutzend Pastoren, Priestern und andere Geistlichen.

Die Gleidingerin Susanne Michaelsen (St. Gertruden) und Matthias Freitag von der Immanuelgemeinde in Alt-Laatzen sind die beiden Pastoren mit den zahlenmäßig meisten Gottesdiesten: jeweils fünf.

Krippenspiele gibt es am Nachmittag des 24. Dezember in allen Laatzener Kirchengemeinden, katholischen wie evangelischen.

In sechs Kirchen wird als Besonderheit zu Heiligabend die Christnacht um 23 Uhr gefeiert: bei St. Gertruden (Gleidingen), Immanuel (Alt-Laatzen), St. Oliver und in der Arche der Thomasgemeinde (Laatzen-Mitte), St. Petri (Rethen) und St. Nicolai (Ingeln-Oesselse).

Zusätzlich zu den üblichen Gottesdiensten am ersten Weihnachtstag lädt die Kirchenregion Laatzen noch zu einem Kanzeltausch ein: Der Rethener Pastor Jens Wening ist dafür am 25. Dezember um 10 Uhr in Gleidingen und die dortige Pastorin Michaelsen hält ab 10.30 Uhr Gottesdienst bei St. Petri in Rethen.

Lesen Sie auch

Von Astrid Köhler