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Laatzen „Wirtschaftskompetenz kommt in den Schulen viel zu kurz“
Umland Laatzen „Wirtschaftskompetenz kommt in den Schulen viel zu kurz“
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11:59 17.07.2018
"Eine Verlängerung im ZAQ wäre nur eine Atempause, kein endgültige Lösung": VHS-Geschäftsführer Jürgen Beckstätte in der Tischlerwerkstatt des ZAQ, für die neue Räume gesucht werden. Quelle: Dorndorf
Laatzen

Seit dem 1. April ist Jürgen Beckstette Geschäftsführer der Leine-Volkshochschule. Unser Redakteur Johannes Dorndorf sprach mit dem 55-Jährigen über den Boom der VHS in den Achtigerjahren, deren Angebot in Zeiten von Youtube und die Kompetenzen, die die Leine-VHS in den Schulunterricht einbringen kann.

Herr Beckstette, Sie sind seit dreieinhalb Monaten Geschäftsführer der Leine-VHS. Welchen Eindruck haben Sie von der Einrichtung gewonnen?

Die Leine-VHS ist, gemessen am Einzugsgebiet der Bevölkerung, eine überdurchschnittlich große Einrichtung - allein dadurch, dass viel Arbeit für Sozialprojekte und Migranten gemacht wird. Die Einrichtung ist auch vielfältig - und sie läuft gut: Ich kann mich darauf verlassen, dass die Mitarbeiter das Ding im Griff haben.

In welchem Bereich ist die Leine-VHS besonders gut?

Im originären Bereich haben wir ein extrem differenziertes Angebot, was auch sehr gut angenommen wird von der Bevölkerung in Laatzen, Hemmingen und Pattensen. Dort treffen wir offenbar den Geschmack. Wir müssen aber noch aktiver werden, um das Angebot bekannter zu machen.

Zur Person

Jürgen Beckstette übernahm am 1. April die Geschäftsführung der Leine-VHS als Nachfolger von Gerold Brockmann, der Ende April in den Ruhestand wechselte. Aufgewachsen im Ruhrgebiet, absolvierte Beckstette zunächst ein Ingenieursstudium bei der Bundeswehr. Zu den beruflichen Stationen des 55-Jährigen gehört der Handyhersteller Nokia, bei dem er in der Aus- und Weiterbildung von Kunden und Mitarbeitern und Kunden tätig war. Von 2012 bis 2016 arbeitete Beckstette als Unternehmensberater in Remscheid, 2016 wurde er Bereichsleiter für berufliche Qualifizierung und EDV bei der VHS der Stadt Remscheid. jd

Wie wollen Sie dies erreichen?

Wir wollen die Öffentlichkeitsarbeit ausbauen und dabei neue Zielgruppen ansprechen: jüngere Menschen und junge Erwachsene zum Beispiel. Dafür muss unsere Botschaft zu diesen Zielgruppen gebracht werden.

Es überrascht nicht, dass Sie dies sagen: Zu ihrem Auftrag gehört laut dem Aufsichtsrat ausdrücklich, die VHS für Jüngere zu erschließen. Wie wollen Sie dies anstellen?

Wir werden im August einen Strategieworkshop mit dem gesamten Leitungskreis machen. Dort wollen wir uns selber Ziele setzen, die wir in den nächsten drei bis fünf Jahren erreichen möchten, und dies auf einzelne Maßnahmen herunterbrechen. Die Volkshochschulen insgesamt bieten heute schon viel Interessantes für jüngere Zielgruppen an. Unter anderem für Berufstätige und für den Bereich der vorberuflichen Qualifizierung werden etwa Zertifizierungskurse angeboten. Das werden wir schon im bevorstehenden Herbstsemester in unser Programm aufnehmen.

Was ist damit konkret gemeint?

Es geht um kaufmännische Qualifikation, EDV-Qualifikation und um individuelle Kompetenzen wie Rhetorik, Zeitmanagement und Projektmanagement. Wenn man an Schüler denkt, stehen Fragen wie Teamfähigkeit und Wirtschaftskompetenz im Mittelpunkt. Wirtschaftskompetenz ist ein Thema, das außerhalb der Wirtschaftsgymnasien in den Schulen viel zu kurz kommt. Auch Sprachkompetenzen lassen sich anders nachweisen als beispielsweise mit einer Schulnote. Das sind Themen, die an der Leine-VHS einigermaßen brach liegen.

Der Altersdurchschnitt bei VHS-Kursen liegt bei 61 Jahren. Woran liegt es, dass junge Teilnehmer ausbleiben?

Ich denke, das ist zum Teil historisch erklärbar. Die Volkshochschulen sind in den 80er- und 90er-Jahren groß geworden, aus dieser Zeit rekrutieren sich noch viele Fans - und die sind natürlich gealtert. Der andere Punkt ist die Frage: Wie lernen junge Leute? Wenn ein junger Mensch etwas über Excel lernen will, kauft er sich kein Buch oder geht in einen Kurs, sondern schaut zunächst bei Youtube oder sonstwo im Internet nach. Hier muss die VHS ihren Weg finden zu erklären, warum sie auch solch einem Lerner einen Mehrwert bieten kann. In der mittleren Altersgruppe ist die VHS zudem als Bildungsanbieter unbekannt und wird teilweise auch ein bisschen belächelt. Unsere Aufgabe ist es deutlich zu machen, dass es dafür keinen Grund gibt: Volkshochschulen haben viele Dozenten, die auch an kommerziellen Bildungsträgern unterrichten, wo Kurse teilweise deutlich teurer sind. Die Kursgebühr macht nicht unbedingt eine Aussage über die Qualität der Weiterbildung.

Kennen Sie Volkshochschulen, denen es gelingt, Jüngere als Kursteilnehmer zu gewinnen?

Ja. Es gibt einige, die sich seit Jahren um jüngere Zielgruppen bemühen: Die VHS Lengerich zum Beispiel südlich von Osnabrück, auch Münster – und grundsätzlich sind die Großstadtvolkshochschulen diesbezüglich stärker unterwegs.

Wie machen die das?

Indem sie Personal explizit für diesen Bereich vorsehen. Wenn Sie Jugendliche für Kurse gewinnen wollen, muss man eigentlich eine ganz andere Sprache sprechen. Das gilt schon für Kursbeschreibungen, wenn es auch nicht unbedingt das Programmheft ist, was junge Menschen suchen, sondern eher das Internet. Es geht auch darum, sich in Netzwerken für Jugendliche zu etablieren, mit Schulen zu kooperieren. Das braucht aber Manpower.

Heißt das, dass sich die Leine-VHS eines Tages mit anderen zusammenzuschließen sollte?

Das ist momentan überhaupt nicht in der Diskussion. Ich denke, es ist auch nicht erforderlich. Wenn man sich mit dem Mitarbeiterstamm bewusst wird, wie man Personaleinsatzkonzepte machen kann, ist es möglich, sich auch als kleine VHS so aufzustellen.

Die Leine-VHS steckte vor einigen Jahren in einer tiefen Krise – beinahe hätte die gGmbH Insolvenz angemeldet. Ist das überwunden oder gibt es noch Altlasten?

Die letzte Sonderumlage der Gesellschafter wird jetzt im Jahr 2019 gezahlt - aber in einer deutlich geringeren Höhe als in den vergangenen Jahren. Aktuell steht die VHS gut da, von daher würde ich heute sagen: Die Krise ist überwunden. Aber man muss auch kritisch betrachten, wie sich das Geschäft entwickelt. Große Teile sind abhängig von öffentlichen Geldgebern: Im Projekte- und Integrationsbereich gibt es keine Selbstzahler wie im originären Bereich. Dort ist immer die Frage, wie sich die politische Landschaft entwickelt.

Sie suchen seit langem neue Räume für das Zentrum für Arbeit und Qualifizierung (ZAQ) - noch offen ist insbesondere die Zukunft der Werkstätten. Nun wurde bekannt, dass diese über das Jahresende hinaus dort bleiben können. Sind Sie erleichtert?

Auf jeden Fall. Die Werkstätten hatten bislang eine wichtige Rolle in unseren Sozialprojekten, in Zukunft können sie auch neue Angebote im Integrationsbereich und sogar im originären Bereich ermöglichen – wir sind da derzeit in einer Bestandsaufnahme. Aber eine Verlängerung im ZAQ wäre nur eine Atempause, keine endgültige Lösung.

Wenn es Neues geben soll, muss man Altes über Bord werfen – jedenfalls dann, wenn der Umsatz insgesamt nicht steigt. Auf welche Angebote wollen Sie künftig verzichten?

Erst einmal würde der Umsatz ja wachsen, da ich nichts aufgeben möchte. Die Frage ist aber, ob wir mit Blick auf die Raumknappheit in allen drei Kommunen überhaupt die Möglichkeit haben, das Angebot auszuweiten. Ich möchte ungern in dem bestehenden Angebot Kürzungen vornehmen. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden im originären Bereich liegt bei 61 Jahren - das heißt, die Leine-VHS macht eine extrem wichtige Arbeit für Senioren: Abgesehen von der Weiterbildung ist das ein Stück weit Lebensqualität und sinnstiftend für Senioren, die häufig alleinstehend sind.

Sie sind inzwischen nach Laatzen gezogen – vorher gehörten Hamburg, Bayern, Baden und das Rheinland zu ihren Stationen. Wie finden Sie die Region?

Sehr attraktiv. Ich kannte Hannover fast überhaupt nicht - ich bin nur auf der Messe gewesen oder auf der Durchreise durchgekommen. Ich habe die Stadt in dem letzten Vierteljahr kennengelernt und bin ganz überrascht, was für ein interessanter Standort das ist. Ich wohne ja selber in Alt-Laatzen nahe der Stadtgrenze und nehme das kulturelle Angebot wahr, das wirklich sehr attraktiv ist. Auf der anderen Seite lebe ich hier in Alt-Laatzen im Grünen.

Welchen VHS-Kurs würden Sie am liebsten mal selbst belegen?

Ich habe schon an der englischsprachigen Radtour über den Grünen Ring um Hannover teilgenommen. Ansonsten würde ich gerne an einem Kurs teilnehmen, den wir noch nicht anbieten: der die gesellschaftliche Komponente von sozialen Medien und Internetnutzung kritisch reflektiert. Wenn wir lesen, dass Facebook auch missbraucht wird, hört sich das sehr theoretisch an. ich denke, es wäre wichtig, dem Verbraucher insbesondere im Vorfeld von Wahlen zu zeigen, was das wirklich bedeutet.

Von Johannes Dorndorf

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