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Langenhagen „Mein Leben brennt ab“: Wie Tuning-Star Philipp Kaess um sein 1300-PS-Auto trauert
Umland Langenhagen

Audi RS4 Limo von Tuningstar Philipp Kaess bei Feuer zerstört

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20:22 22.12.2019
Das Wrack, das vom Traum übrig blieb: der Audi RS4 Limo.
Das Wrack, das vom Traum übrig blieb: der Audi RS4 Limo. Quelle: Screenshot/Youtube-Video von Philipp Kaess
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Langenhagen

Ein Auto ist gestorben. Kann ein Auto sterben? Offenbar schon. Tausende Menschen trauern in diesen Vorweihnachtstagen im Internet mit seinem Besitzer, Philipp Kaess aus Langenhagen, ein Star der deutschen Tuning-Szene. „Oh Gott, unter Tränen schicke ich dir mein Mitgefühl“, schreibt einer. „Hey Phillip. Mein herzliches Beileid“, sendet ein Fan. Ein Dritter spendet Trost: „R.I.P Audi Rs 4 sie ist, war und bleibt in unseren Erinnerungen“. Die untröstliche Gemeinde leidet mit: „Musste sogar selber bei dem Video heulen!!!“ Viele Kommentatoren wünschen Kraft in schweren Zeiten und bieten Trauergaben an, darunter eine ganze Karosserie.

Zehn Jahre lang motzte Philipp Kaess seinen Wagen auf, angetrieben von 1300 PS und weit über 300 km/h schnell. Aus einer gewöhnlichen Limousine baute der Geschäftsführer eines Tuning-Shops einen glänzenden Männertraum in Schwarz mit röhrendem Motor – man hört, was man ist. Vor ein paar Tagen dann ist dieser Traum bei einer simplen Fahrt um den Block abgebrannt. Kaess hatte einen Kumpel nach Hause gebracht. Auf dem Rückweg habe heißes Öl den Unterboden in Brand gesetzt. Er sprang rechtzeitig aus dem Wagen, holte einen Feuerlöscher aus dem Kofferraum, aber es war zu spät. Übrig bleibt Schrottwert.

Philipp Kaess, in Trauer um sein Auto. Quelle: Screenshot. Youtube-Video von Philipp Kaess

Philipp Kaess hat die letzten Minuten seines Audis selbst beschrieben. In einem fast 24 Minuten langen Video verabschiedet er sich von seinem Auto. Titel: „Die RS4 Limo ist von uns gegangen – eine Legende bleibt zurück“. Es ist ein Dokument der Trauer, und wer nichts anfangen kann mit dieser Liebe zu einer tiefer gelegten Limousine, dürfte es mit einiger Überraschung ansehen. Kaess erzählt mit brüchiger Stimme, was der Wagen für ihn war: „Der Hauptlebensinhalt von mir in den letzten zehn Jahren. Dies Auto war verantwortlich dafür, dass ich bin, wie ich bin.“ Tränen fließen. „Übertrieben gesagt: Mein Leben brennt gerade ab.“

Trauer um ein Auto – untermalt von Klaviermusik

Die Reste dieses Triebwagens stehen auf einem Hof, als Kaess und zwei Freunde fassungslos Teile aus der Karosserie rupfen, betrachten und wieder hinein werfen. „Krass, Alter“, sagt einer im Gedenken daran, dass man einst „jede einzelne Schraube in der Hand gehabt hat“. Im Hintergrund steht die Werbetafel eines Supermarktes, zu sehen ist der Schriftzug, „frisch für Sie geliefert“, aber nach solchem Spott des einfach weitergehenden Lebens steht hier niemandem der Sinn.

Kaess erzählt, dass 5000 bis 8000 Stunden Arbeit in dem Audi steckten, vom Geld nicht zu reden. Fans boten ihm früher sechsstellige Summen für sein Werk, doch er lehnte ab. Wer verkauft schon Liebe und Leben?

Wehmütige Klaviermusik untermalt die Aufnahmen. Gegen Ende werden Schwarz-Weiß-Bilder gegeneinander geschnitten. Der Audi, als er noch lebte und vergnügt mit qualmenden Reifen im Kreis schleuderte. Und irgendwo in der Nacht aufgenommen eine rasende Beschleunigung aus dem Stand. Dann der Kontrast: das Wrack, tot auf dem Hof. Stille.

Die Tuning-Szene nimmt gerade reichlich Anteil am Schicksal ihres Helden. Viele bewundern Philipp Kaess dafür, seine Trauer öffentlich zu zeigen. Nach drei Tagen auf Sendung haben bis zum Sonntagnachmittag etwa 1,9 Millionen Menschen das Video gesehen. Über 13.000 Kommentare sind gelistet, mehr als 100.000 Zuschauer haben den „Like“-Button geklickt. Sehr viel Trauer um vier Räder.

„Wehe, ein Greta Anhänger sagt auch nur ein Wort“

Manche Fans ahnen, dass solche Dinglichkeit merkwürdig ankommen könnte bei Leuten außerhalb der Tuninggemeinschaft. Ein User schreibt, worum es gehe, der Unterton scheint ein wenig aggressiv zu sein: „Hier das sind Emotionen und Schicksale 10 fucking Jahre in 2 Minuten für immer weg und wehe irgendein Greta Anhänger sagt jetzt auch nur ein Wort“. Wehe was, eigentlich?

Wie verbreitet die Liebe zu scharf gemachten Autos und ihres Protagonisten Philipp Kaess ist, zeigt die umgehend von einer befreundeten Dortmunder Tuning-Schmiede gestartete Spendenaktion. In kürzester Zeit kamen im Netz fast 105.000 Euro zusammen, damit in Langenhagen eine „neue Legende“ gebaut werden kann. Worte des Trostes begleiten die Gaben. Man ist erschüttert, was ein Mann verloren hat.

Kein Tag war nötig, bis mehr als 100.000 Euro Spenden für Philipp Kaess zusammen waren. Quelle: Screenshot Paypal

Vielleicht wird die zweite Auflage wieder so ein Objekt wie der von uns gegangene Audi RS4 Limo in der Kaess-Version, die einem Bewunderer im Video allen Respekt abnötigt: „Da denkt jeder, wenn der an die Tankstelle kommt: Ah, guck mal hier, der hat seinen Audi bisschen tiefer gelegt und schicke Felgen drauf gemacht. Aber dass der alles im Prinzip verblasen kann, was auf der Autobahn unterwegs ist, das denkt kein Mensch.“ Verblasen können als höchste Form der Anerkennung: alle Achtung. Es ist eine eigene Welt, weit entfernt von Klimapaketen und Freitagsdemonstrationen.

Einem Gespräch mit dieser Zeitung wollte Philipp Kaess nur zustimmen, wenn er vor Veröffentlichung den kompletten Text hätte lesen können. Also gab es kein Gespräch. Was sein Plan für die Zukunft ist, erzählt der Tuner seiner Gemeinde im Video. Er denkt an eine neue Schöpfung: „Ich möchte das Auto eins zu eins wieder erschaffen.“

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Von Gunnar Menkens