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Langenhagen Ein langer Weg nach Krähenwinkel für Thiele
Umland Langenhagen Ein langer Weg nach Krähenwinkel für Thiele
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00:17 16.11.2018
Mit dem richtigen Ankommen wird es für die neue Pastorin Ulrike Thiele in Matthias Claudius noch ein wenig dauern. Quelle: Rebekka Neander
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Krähenwinkel/Kaltenweide

Theoretisch hat alles seinen Platz. Hier die neue Rampe vor der Haustür, dort die neue Tür fürs Arbeitszimmer. Und oben, das hat ihr der Handwerker am Morgen noch telefonisch versprochen, warten die Fliesen-Beispiele fürs neue Bad. Das alles kann Ulrike Thiele bereits schlafwandlerisch ausdeuten beim Rundgang durch ihr neues Pfarrhaus am Ende des Matthias-Claudius-Weg in Krähenwinkel.

Das klänge auch alles ganz hübsch – durchschnitte da nicht schrill eine Bohrmaschine jedes zweite Wort der Neu-Bürgerin. Kurz: Die Kanzel ist der neuen Pastorin zwar bereits bestens vertraut, doch das Pfarrhaus ist eine Großbaustelle. Und dies wird es noch eine Weile bleiben. „Vielleicht klappt es ja bis Weihnachten“, lässt Thiele in einen kurzen Moment der Baustellen-Stille fallen. Überzeugt klingt anders.

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Wechsel von der Laien-Theologin ins Profi-Lager

Dabei hat Thiele zweifelsohne die wohl wichtigste Etappe zumindest ihres beruflichen Lebens schon hinter sich: den Schritt von der Laien-Theologin ins Profi-Lager. Oder, wie sie es sagt, weg von einem Zustand, der für sie nach einigen Jahren untragbar wurde: „Nicht Fisch, nicht Fleisch.“ Eigentlich ist Thiele gelernte Industriekauffrau und studierte Religionspädagogin. Sie hat viele Jahre als Diakonin in der Region gearbeitet, zeitweise auch über verschiedene Gemeindegrenzen hinweg. Sie bildete sich zur Prädikantin weiter und feierte zum Schluss nun zweimal pro Monat in eigener Verantwortung den Gottesdienst ihrer Heimatgemeinde in Seelze. „Drei Minuten von meinem Zuhause entfernt.“ Die pastorentypische Aufgabe der Privatsphäre war damit abgehakt.

Auch für ihren Mann Heiger Scholz, der im niedersächsischen Sozialministerium als Staatssekretär tätig ist. „Dass er zuhause am Telefon in Weihnachtstagen schon mal Auskunft geben muss, wann der nächste Gottesdienst ist, ist bereits gewöhnt“, erzählt Thiele lachend. Natürlich habe sie anfangs auch in zweifelnde Gesichter geschaut. „Ich hätte doch den eigentlich perfekten Job, so montags bis freitags.“ Mit diesen Bedenken kann Thiele bis heute nichts anfangen. „Mir haben die Menschen gefehlt.“

Und so fällt das Glücklichsein über die besondere Bewerbungschance, die die Landeskirche sogenannten „Pfarrverwaltern“ wie Thiele vor wenigen Jahren einräumte, noch ein wenig schwer. Bis das Pfarrhaus fertig ist, dessen geplante Sanierung sich aus allerlei kirchenverwaltungsinternen Volten heraus verzögert hat, muss Thiele weiter pendeln – von Seelze nach Krähenwinkel allerdings auf der staubelasteten A2. Ein Umstand, der sie sogar zur eigenen Ordination eine Stunde zu spät erscheinen lassen musste. Ein wenig graut der Neu-Pastorin nun vor dem Heiligen Abend: Zwischen dem Krippenspiel am späten Nachmittag und der Christmette liegen einige Stunden Freiraum. Wo Thieles eigene Bescherung letztlich geschehen darf, sieht sie noch nicht klar vor Augen. Ein Zuhausegefühl kann so recht nicht aufkommen. Für das Gespräch mit der Besucherin findet sich ein Asyl in der Gemeindebücherei. „Immerhin.“

Erkunden, was die Kirchengemeinde wirklich braucht

Pläne für ihr Wirken in der Gemeinde, wenn sie denn tatsächlich nicht nur stundenweise mit Leib, sondern auch mit Seele hier angekommen ist, hat sie dafür umso mehr: Kontakte zur Kindertagesstätte in Kaltenweide bestehen bereits, auch eine Reihe der erwarteten Antrittsbesuche hat Ulrike Thiele bereits hinter sich. „Einige alteingeführte Abläufe kenne ich noch nicht“, räumt sie ein – und schickt das Lob an die Menschen um sie herum im selben Atemzug hinterher: „Ich habe im Gottesdienst schon mal gefragt, wer wann wo mit welcher Standarte nun hin will.“ Diese Offenheit habe man ihr warm gedankt.

Ein eigenen, allzu prägenden Stempel mag sie der Gemeinde nicht aufdrücken. Jedenfalls nicht jetzt. „Ich muss erst einmal herausfinden, was hier gebraucht wird.“ Grundsätzlich, so mutmaßt Thiele anhand bisheriger Erfahrungen aus anderen Gemeinden, sei das Angebot für die mittelalten Erwachsenen („ohne kleine Kinder und noch nicht im Seniorenalter“) wohl gering. Da würde sie gerne einsteigen. „Vielleicht gelingt eine Debattierrunde über Bücher oder gesellschaftliche Dinge?“ Klar beneidet werde sie schon jetzt um den Posaunenchor der Gemeinde. Einstweilen freut sie sich an den nur vermeintlich kleinen Dingen. „Letztens im Supermarkt, da hat man mich schon angesprochen: Sie sind doch die neue Pastorin!“

Von Rebekka Neander

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