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Langenhagen Kampfmittelexperte: Steinfund am Silbersee war tatsächlich Phosphor
Umland Langenhagen

Langenhagen: Kampfmittelbeseitigungsdienst bestätigt Phosphor-Fund am Silbersee

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12:53 18.09.2019
Die Polizei hat den Hundestrand zwar mit Flatterband gesperrt. Am Dienstag hatten Unbekannte das damit verschlossene Tor bereits wieder geöffnet. Quelle: Julia Gödde-Polley
Langenhagen

Der Silbersee ist für den Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD), Thomas Bleicher, eine „kleine Dauerbaustelle, die noch nicht ganz abgeschlossen ist“ – insbesondere nachdem dort vor zwei Tagen ein neunjähriges Mädchen schwere Verbrennungen durch einen Phosphorstein erlitten hatte. Von dem Unglück zeugen an diesem Dienstag nur noch das rot-weiße Absperrband der Polizei und zwei Schilder im DIN-A4-Format, die am Zaun zum Hundestrand hängen und Besucher auf Deutsch davor warnen, gelbliche Steine aus dem See zu holen.

„Hier handelt es sich definitiv um einen Phosphorrückstand“, sagte Bleicher am Dienstag. „Der Stein ist in unserem Besitz, und wir werden für die Entsorgung sorgen.“ Phosphor, das als Rückstand aus defekten alten Kampfmitteln austritt, sei nicht komplett erkundbar, betont der Experte. „Das ist das Restrisiko, das wir in einem ehemaligen Kriegsgebiet haben.“ Der KBD versuche alles, um überall mögliche Rückstände zu finden. „Wir würden gerne eine Lösung finden, aber wir haben keine“, sagt der KBD-Leiter. Das Restrisiko könne nicht „auf null“ gebracht werden.

Experte sagt: Seesperrung ist nicht die richtige Maßnahme

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst stehe in Kontakt mit der Stadt, um die weiteren Schritte zu besprechen. Doch: „Den See jetzt zu sperren ist wohl nicht die richtige Maßnahme.“ Nur die Oberfläche nach falschen Bernsteinen abzusuchen helfe ebenfalls nicht weiter. Eine Sondierung nach Kampfmitteln in tieferen Schichten stehe auf der Liste der Verwaltung, hatte Boris Ehrhardt, Leiter der Abteilung Sicherheit, Ordnung und Umwelt, bereits am Montag angekündigt.

Das Gewässer unterliege seit Jahren einem gewissen Risiko, sagt Bleicher. So habe es auch in der Vergangenheit Phosphorfunde gegeben. Doch der Vorfall vom Sonntag sei der erste ihm bekannte, bei dem ein Mensch verletzt wurde. 1996 war ein Mitarbeiter einer privaten Kampfmittelbeseitigungsfirma bei der Bergung einer arsenhaltigen Nebelbombe aus dem Ersten Weltkrieg verletzt ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Ein rot-weißes Flatterband sperrt den Zugang zum Hundestrand – mit DIN-A4-Zetteln warnt die Stadt vor der Gefahr der Phosphorrückstände. Doch Passanten haben sich längst Zugang verschafft, wie ein Besuch am Silbersee zeigt.

Stadt verzichtete bisher auf Warnschilder

Die Stadt sondierte den Silbersee flächendeckend nach alter Munition erst 2015 und 2016, damals untersuchten Experten vor allem das Ostufer nach Rückständen. Das Ausmaß der Funde war größer als gedacht, deshalb dehnte der KBD seine Arbeit erst im weiteren Verlauf auf den jetzt betroffenen Hundestrand aus. Stadtsprecherin Sabine Mossig sagte am Dienstag auf Anfrage, die Verwaltung sei davon ausgegangen, dass das Gelände eigentlich frei sei. Zugleich fügte sie hinzu, dass die Stadt eine solche Belastung nie habe ausschließen können. Allerdings habe die Stadt auch darauf verzichtet, mit Schildern vor dem sogenannten falschen Bernstein zu warnen – wie es Kommunen an der Ostsee tun.

Nun plant die Stadt, Schilder aus Metall aufzustellen. „Diese müssen wir aber erst noch bestellen“, sagt Mossig. Sie sollen rund um den See mit Piktogrammen auf die Gefahr hinweisen. Ob die Warnungen auch in andere Sprachen übersetzt werden, steht indes noch nicht fest. „Alles Weitere werden die nächsten Tage bringen“, sagte die Sprecherin.

Neunjähriges Opfer erleidet bleibende Schäden

Für das Opfer vom Sonntag kommt all dies zu spät. Das Mädchen hatte am Mittag den gelblichen Stein im Flachwasser am Südufer gesehen und herausgeholt. Die Neunjährige steckte diesen in eine Tasche ihres Kleides. Der Stein, ein aus gefährlichem Phosphor bestehender Rest einer Brandbombe, fing nach Auskunft der Polizei sofort an zu brennen. Bei dem Vorfall erlitt das Kind Verbrennungen an der linken Hand und am linken Oberschenkel und wurde nach Auskunft der Mutter noch am Sonntag operiert. Die Familie geht von bleibenden Schäden aus.

Unbekannte beschädigen Absperrband am Hundestrand des Silbersees

Am Eingang des umzäunten Hundestrandes informieren inzwischen Hinweistafeln über die Gefahren möglicher Munitionsreste im Strandbereich. Quelle: Julia Gödde-Polley

Stadt veröffentlicht Sonderseite – vergisst aber Hinweis darauf

Die Stadt hatte seit Montagabend eine Themenseite zu falschen Bernsteinen auf ihrer Seite im Internet veröffentlicht. Doch diese fanden Interessierte bis Dienstagmittag nur, wenn sie den Hinweis kannten. Auch im Bürgeramt gibt es keinen Aushang zu dem Vorfall an dem Ausflugsziel. Der Polizei waren nach eigenen Angaben bis zum Pressegespräch am Montag die Dimensionen des Phosphorfundes nicht bekannt – die Ermittler waren am Sonntag noch von einem Einzelfall ausgegangen. Auf eine Information der Öffentlichkeit hatte die Behörde daher am Sonntag verzichtet und dies der Stadt als Eigentümerin der Fläche überlassen.

Günter Böttcher fährt regelmäßig mit dem Rad aus Hannover zum Silbersee. Angst davor, darin zu baden, hat er nicht. Derzeit sei es ihm aber ohnehin zu kalt. Quelle: Julia Gödde-Polley

Das sieht auch Günter Böttcher so. Er saß am Dienstagmorgen auf einer Bank am Westufer und schaute über den See. Der 85-Jährige machte auf seiner Radtour aus Hannover eine Pause an dem Gewässer und hatte von dem Vorfall im Radio gehört. Angst, dort schwimmen zu gehen, habe er nicht. Doch es sei jetzt zu kalt, sagte der Senior. „Das ist ja unten irgendwo, da kann man ja nichts machen“, sagte eine ältere Dame, die am Hundestrand vorbeiging. Im Sommer sei sie oft am See und gehe baden. Doch das Wasser sei noch nie so flach gewesen wie jetzt.

Kommentar: Offensive Kommunikation ist wichtig

Der Silbersee dient den Menschen aus Langenhagen und Umgebung seit langem als Naherholungsgebiet. Darauf hat die Stadt reagiert und das Areal aufgewertet mit einem Badestrand mit Grillmöglichkeit und Gastronomie. Das Konzept geht auf: Im Sommer strömen täglich Tausende Besucher an das Gewässer, das zu Recht als beliebtes Ausflugsziel gilt. Kinder im seichten Wasser, tollende Hunde und bald auch kleine Segelboote – ein scheinbar perfektes Idyll. Wenn es Ärger gibt, dann höchstens um Plastikmüll oder über Nacht vergammeltes Grillgut.

Angesichts dieser Abstimmung mit den Füßen ist bei den Verantwortlichen der Stadt und bei den Erholungssuchenden aus dem Blick geraten, dass das Gebiet höchst belastet ist mit Kriegsresten und alter Munition – und das trotz der umfassenden Sondierung. Kaum jemand kennt die Gefahr unter der Wasseroberfläche, selbst die Polizei zeigt sich überrascht von der Dimension. Denn bis heute fehlen flächendeckende Hinweisschilder, die Besucher aufklären – über die Historie und über die Gefahr durch Phosphor-Reste.

Dieser sorglose Umgang hat nun zu dem folgenschweren Unglück mit einem verletzten Kind geführt. Für die Stadt muss nun die offensive Kommunikation höchste Priorität haben: mit Prävention und Aufklärung. Davon leider jedoch unmittelbar nach dem Unfall nichts zu spüren, im Gegenteil: Erst auf Nachfrage erklärten Stadt und Polizei, dass und was überhaupt am Silbersee vorgefallen war. Transparenz sieht anders aus.

Von Julia Gödde-Polley

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