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Langenhagen Neustart im Jugendamt: „Die Haare hauen niemanden mehr um“
Umland Langenhagen Neustart im Jugendamt: „Die Haare hauen niemanden mehr um“
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00:20 12.04.2019
Thorben Noß ist von MItte April an in der Stadtverwaltung verantwortlich für Kinder, Jugend, Schule, Kultur und Sport
Thorben Noß ist von MItte April an in der Stadtverwaltung verantwortlich für Kinder, Jugend, Schule, Kultur und Sport Quelle: Rebekka Neander
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Langenhagen

Am Montag, 15. April, betritt die Stadt Langenhagen Neuland: Dann nimmt Thorben Noß seine Arbeit als Leiter der neu geschaffenen Mammutabteilung Kinder, Jugend, Schule und Kultur (sowie Sport) auf. Ein Start, der es in sich hat – denn erstmals umfasst das Aufgabengebiet der Abteilung nicht nur alle Belange von Schulkindern. Doch mit Noß gewinnt das Rathaus die dazu passende vielschichtige Persönlichkeit, wie er im Interview verrät. Sein Auftritt – mit hüftlangen Dreadlocks und Anzug – ist Programm.

Herr Noß, Sie lieben Reggae-Musik und moderierten regelmäßig die Radiosendung „Wha Gwaan“, was soviel heißt wie „Was geht ab?!“ Ich habe erst einmal aber eine ganz andere Frage: Wie macht man Dreadlocks?

(lacht) Das ist wie flechten. Nur eben durcheinander, dann verfilzt es.

Sie tragen Ihre Haare als sehr lange Dreadlocks. Warum?

Ich trage sie seit nunmehr 20 Jahren. Und eigentlich war das gar nicht so geplant. Meine Eltern waren davor immer dagegen. Ich bin deshalb erst sehr spät und spontan dazu gekommen, vielleicht auch als eine Art Rebellion im Spaß, und wollte sie eigentlich schnell wieder abschneiden. Dazu ist es dann aber irgendwie nicht gekommen. Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her.

Sie sind passionierter Turner. Kann man mit Dreadlocks turnen?

Nein. Dafür sind sie absolut unpraktisch. Als ich mir die Haare habe wachsen lassen, war ich kein aktiver Turner mehr. Das endete, als ich etwa 18, 19 Jahre alt war. Ich habe mich dann mehr als Trainer engagiert. Fürs Turnen sind sie viel zu lang und zu schwer.

Ambitioniertes Turnen, insbesondere am Gerät wie bei Ihnen, verlangt enorme Disziplin. Sie verbinden Ihren optischen Lebensstil vor allem mit Reggae-Musik, einem eher tiefenentspannten Sound. Wie passt das zusammen?

In der Tat entstamme ich einer Turnerfamilie. Ich bin quasi in der Turnhalle aufgewachsen. Aber ich bin trotzdem viel mehr. Viel mehr auch als Reggae-Musik. Mich haben immer auch die Welten dazwischen interessiert. Vielleicht ist damit auch zu begründen, dass ich nie Profi-Turner geworden bin. Mich interessieren die Überraschungen. Ich gehe auch gerne in die Oper und auch auf den Opernball.

Diese Vielschichtigkeit leben Sie konsequent: Wer Sie im Internet sucht, findet Sie als DJ PNut, als Turn-Trainer für Kinder und als Inklusionsexperte bei den Hannoverschen Werkstätten. Sie sind Sozialpädagoge, studierter Sozialwirt und waren Radio-Moderator. Jetzt wechseln Sie in eine Stadtverwaltung. Wie geht das?

Mich interessieren ganz unterschiedliche Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen. Auch Sozialrecht ist dabei ganz und gar keinen trockene Materie. Während meines Zusatzstudiums hatten wir einen wunderbaren Dozenten, der uns mit ganz realen Fällen konfrontierte und uns vor allem darin schulte, wo wir am schnellsten die nötige Rechtsgrundlage finden. Ich bin bis heute ganz schlecht darin, Fakten auswendig zu lernen. Aber ich weiß sehr genau, wie ich schnell an Informationen komme. Ich wollte mich immer weiter entwickeln und habe zwischendurch noch eine Ausbildung zum Coach absolviert. Dabei habe ich auch viel über mich selbst gelernt. Als Nebenjob hat das aber nicht funktioniert. Deshalb habe ich das Zusatzstudium für Sozialmanagement abgeschlossen.

Und nun eine Stadtverwaltung?

Mich hat bei der Stellenausschreibung gerade das weite Feld dieser neuen Abteilung sehr gereizt. Jugend alleine wäre mir wahrscheinlich zu wenig gewesen. Ich bringe ja für jedes der Stichworte Kinder, Jugend, Schule, Kultur und eben auch Sport so etwas wie eine Basis mit. Natürlich muss ich mich noch in viele Themenfelder tiefer einarbeiten. Und natürlich muss ich mir überlegen, wie ich mich im Gespräch vorstelle ... Ich kann ja nicht immer den kompletten Titel der Abteilung aufsagen. (lacht)

Sie waren zuletzt in den Hannoverschen Werkstätten in der pädagogischen Leitung tätig. Die Inklusion gehört zu Ihren Kernkompetenzen. Wie werden Sie diese Erfahrung in Langenhagen einbringen?

Ich hoffe, dass ich als Experte auf diesem Thema einfach viel Input beisteuern kann. Ich habe viel mit Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen gearbeitet und dabei gelernt, dass Teilhabe eine vielschichtige Sache ist. Es geht nicht nur um Einschränkungen der Mobilität und den klassischen Rolli-Fahrer. Es geht auch um so etwas wie leichte Sprache oder um Probleme beim Hören und Sehen. Und es geht ja bei weitem nicht nur um den Neu- und Umbau von Schulen wie hier jetzt in Langenhagen. All dieses Wissen muss sich integrieren in alle Verwaltungsprozesse. Für mich bedeutet Inklusion eben auch, dass beispielsweise Arbeitsplätze in Behindertenwerkstätten dieselbe Bedeutung erhalten wie der klassische „Erste Arbeitsmarkt“. Das darf eigentlich gar kein Unterschied sein. Jeder macht das, was er kann, so gut er es kann. Diese Menschen kommen zur Arbeit wie alle anderen auch. Und wir müssen die Arbeitsplätze so gestalten, dass das überhaupt möglich ist.

Aus Hannover kam vor wenigen Wochen ein Brandbrief einer Gesamtschule, sie könne nicht noch mehr Kinder mit besonderem Förderbedarf aufnehmen. Zugleich heißt es, die Gymnasien öffneten sich nicht ausreichend der Inklusion. Wie können Sie darauf Einfluss nehmen?

Als Mitarbeiter der Stadtverwaltung bin ich ja – wenn überhaupt – als Schulträger nur für das Gebäude zuständig. Im besten Fall können wir noch etwas mit Hilfe von Projekten beisteuern. Aber wenn ich in irgendeiner Weise den handelnden Personen dort Ängste nehmen kann durch Aufklärung, dann will ich das gerne tun. Ideen hätte ich viele: Inklusion könnte auch bedeuten, dass Gebärdensprache als Fremdsprache in normalen Schulen unterrichtet wird.

Ausgrenzung findet auch unter Jugendlichen statt. Ganz egal, ob es um körperliche oder geistige Beeinträchtigungen geht oder einfach um den vermeintlich falschen Stil oder Musikgeschmack. Wie funktioniert Inklusion hier?

Ich bin ein großer Fan von Kooperationen. Ob über die Grenzen von Organisationen hinweg oder auch quer durch verschiedene Musikstile. Mir ist es wichtig, die Gemeinsamkeiten zu betonen, nicht die Unterschiede. Wir haben auch in den Werkstätten Menschen, die sich nicht gut einfügen können. Ich nenne sie gerne unseren „jungen Wilden“. Die sind vielleicht noch nicht reif genug, um so ernsthaft arbeiten zu können wie die anderen. Aber auch da lassen sich gemeinsame Interessen finden. Wie das in Langenhagen gelingen kann, weiß ich jetzt natürlich noch nicht. Ich muss erst einmal schauen, was vorhanden ist. Was die Jugendlichen wirklich brauchen und wo ihre Gemeinsamkeiten liegen. So unterschiedlich sind die oftmals gar nicht. Ich selbst bin ja auch mit meinen Dreadlocks nicht nur Reggae. Wobei wir wieder beim Stichwort sind: Musik ist doch in der Mischung oft am spannendsten.

Die Stadt Langenhagen bewirbt sich mit fünf weiteren Organisationen um das Jugendzentrum, das derzeit am Haus der Jugend gebaut wird. Was machen Sie, wenn Sie nicht den Zuschlag erhalten?

Das Verfahren ist vollkommen offen. Der neue Nordtrakt wird in jedem Fall ein Aushängeschild. Schon aufgrund seiner Lage und seiner Vernetzung mit den übrigen Bereichen im Haus der Jugend. Durch den zeitlichen Ablauf der Vergabe wird dies natürlich eines der ersten Dinge sein, in die ich mich hineinarbeiten muss. Aber auch, wenn ein anderer Träger der Zuschlag erhält, bleibt es dabei: Ich bin ein großer Fan von Kooperationen.

Thorben Noß hat sich bereits im Jugendhilfe- sowie im Personalausschuss der Politik vorgestellt. Quelle: Rebekka Neander

Kommen wir zurück zur Musik. Können die Kids von heute noch etwas anfangen mit Ihren Dreadlocks? Und: Legen Sie auch als Jugendamtsleiter im Anzug weiter als DJ auf?

(lacht) Also was die Haare betrifft: Ja! Zu meinem großen Erstaunen sieht man auch wieder mehr Jugendliche mit Dreadlocks. Dabei ist es mir eigentlich egal, ob sie etwas über ihre Geschichte wissen oder nicht. Hauptsache, es macht ihnen Spaß. Ich bin da ganz entspannt. Ich selbst bin ja auch kein Rastafari mit religiösem Hintergrund. Und tatsächlich hauen die Haare heute niemanden mehr um. Und als DJ? Würde ich gerne. Aber da muss ich erstmal gucken, wie viel Zeit noch überbleibt.

Von Rebekka Neander