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Langenhagen Hinter verschlossenen Türen: Was brummt da am Schulzentrum?
Umland Langenhagen

Langenhagen: Was brummt da am Schulzentrum?

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00:20 21.06.2019
Der grüne, rund 7,5 Tonnen schwere Motor ist vor vier Wochen eingezogen, seit einer Woche ist er in Betrieb. EPL-Geschäftsführer Manfred Schüle (links) und Projekt-Ingenieur Oliver Peter begutachten die Anlage. Quelle: Rebekka Neander
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Langenhagen

Was haben eine Dusche am Graneweg, eine Waschmaschine im Anni-Gondro-Pflegezentrum im Eichenpark und ein Wasserhahn in der Kita Stadtmitte an der Konrad-Adenauer-Straße gemeinsam? Sie alle verdanken ihr warmes Wasser einem eher unspektakulären Ziegelgebäude eingekuschelt zwischen D-Trakt des Schulzentrums und dem Eingang zum Stadtpark. In der Regel fristet es ein eher unbeachtetes Dasein. Es sei denn, ein Schwerlasttransporter muss sich durch die enge Zufahrt zirkeln, um einen 14-Tonnen-Koloss dorthin zu bringen. Seit einer Woche nun ist der neue 16-Zylinder-Erdgasmotor dort mit seinem Hubraum von satten 50 Litern in Betrieb. Anlass genug, einmal einen Blick hinter die sonst verschlossenen Türen zu werfen.

Blick ist das richtige Stichwort. Denn zu hören gibt es mehr, als es gut ist. Deshalb hat Oliver Peter für den Besuch ein paar dicke Ohrenschützer mitgebracht. Sie verpacken das Trommelfell ähnlich gut, wie es die dicken Mauern um den kleineren Motorenraum im Inneren des Heizkraftwerks am Schildhof leisten. Oliver Peter ist Ingenieur bei der Energieprojektgesellschaft Langenhagen (EPL) und begutachtet die inneren Werte dieser Anlage meistens nur an seinem Computerbildschirm. Auch EPL-Geschäftsführer Manfred Schüle besichtigt heute den Motor. „Dass unser Blockheizkraftwerk mitten in einem Wohngebiet liegt, war schon eine Herausforderung“, hatte Schüle noch verraten, kurz bevor Peter die Motorenraumtür öffnet.

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Neue Motor erstrahlt in einem knalligen Grün

Dahinter laufen in dieser Minute insgesamt 32 Zylinder. Denn der neue Motor im knalligen Grün hat ein Pendant in Rot gleich daneben. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrem Brennstoff. Der rote Motor, erklärt Peter, nachdem die Gäste die Zone der Handzeichen wieder verlassen haben, wird mit Methangas einer Biogasanlage in Ronnenberg befeuert und liefert 1189 Kilowatt, der grüne dagegen mit herkömmlichen Erdgas (999 kW). Der Strom, den die Kolbenmotoren dabei produzieren, ist im Grunde der Gleiche. Ebenso die Abwärme, die aus den Abgasen, dem Motorenöl und dem Kühlwasser gewonnen wird, und die letztlich über den Wärmetauscher das Wasser erhitzt. Den eigentlichen Unterschied sehen nur die Buchhalter der EPL: Denn sie verkaufen den gewonnenen Strom an der Börse in Leipzig – je nach Brennstoff zu unterschiedlichen Preisen. Der Strom aus Bio-Methan wird über das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) höher bezuschusst.

Der Strompreis regelt, wann der Motor anspringt

Der Preis regelt daneben auch, wann die Motoren anspringen. „Wir verkaufen den Strom nur, wenn er gerade besonders nachgefragt wird und damit der Preis entsprechend hoch ist“, sagt Schüle, nachdem der wortlose Motoren-Rundgang beendet und die tatsächlich sehr effektiv lärmisolierende Tür dahinter wieder geschlossen ist. Von 8760 Stunden im Jahr läuft der rote Motor rund 3700 Betriebsstunden, der grüne dagegen rund 3000. Dreimal am Tag werden die Preisprognosen der Börse aktualisiert. „Einmal am Tag müssen wir beim Strombilanzkreisverantwortlichen anmelden, wann und wie lange unsere Motoren laufen werden“, sagt Schüle – und lacht. Ja, der heiße wirklich so.

Nach insgesamt rund 60.000 Betriebsstunden muss ein solcher Motor in die Generalüberholung. „Wir haben uns aber dazu entschlossen, den alten Motor zu verkaufen und uns einen neuen anzuschaffen“, sagt Schüle. Der technische Fortschritt sei einfach zu schnell vorangeeilt. Eine knappe halbe Million Euro brummt nun in Grün hinter der Tür vor sich hin.

Auf dem schematischen Plan sieht die Anlage ganz einfach aus. Alle roten Linien zeigen den Zulauf an die Abnehmer, alle blauen den Rücklauf. Die beiden Kreise am rechten Rand symbolisieren das gesamte Versorgungsgebiet in der Kernstadt. Quelle: Rebekka Neander

Die Halle davor ist für den Laien ein Wirrwarr gigantischer Rohre und Kessel. Sie führen das heiße Abgas der Motoren und danach das warme Wasser, das über vier Hauptstränge das Vorsorgungsgebiet erschließt. In 25 Jahren hat die EPL das einst nur für das Schulzentrum und das Rathaus angelegte Netz östlich der Walsroder Straße ausgedehnt – bis zu den Elisabetharkaden im Norden, der Kita Stadtmitte im Osten und den Neubauten am Graneweg im Süden mit insgesamt 39 Gebäudeanschlüssen. Das klingt nur wenig. „Unsere Hauptabnehmer sind hier aber die großen Objekte wie das City Center, das Rathaus und das Schulzentrum“, sagt Schüle.

400 Badewannen puffern eine Stunde Motorenleistung

Insgesamt drei Umwälzpumpen von jeweils 90 Kilowatt halten das Wasser in Bewegung. „Wir brauchen eigentlich nur zwei, die dritte ist Reserve“ erläutert der EPL-Chef beim Rundgang. Sollten die „stromgeführten“ Laufzeiten mehr Wärme produzieren als in diesem Moment nachgefragt wird, landet sie in zwei riesigen Pufferspeichern von jeweils 30 Kubikmetern Fassungsvermögen. Das entspricht der Füllung von insgesamt rund 400 Badewannen, für die Motoren ist das allerdings nur die Wärme von jeweils einer Stunde Laufzeit. Ist es im Winter umgekehrt kälter als es die Motoren des Blockheizkraftwerkes erarbeiten können, springen im Nachbarhaus, dem alten Heizwerk, die dortigen herkömmlichen Kessel mit Erdgasbrenner an.

Für den Ingenieur Peter firmiert eine solche Anlage als BoB – als Betrieb ohne Beaufsichtigung. Tatsächlich ist auf dem Computerbildschirm in der Leitzentrale wie auch in den EPL-Büros an den Elisabetharkaden jede Gradzahl, jede Pumpbewegung und jedes Kilowatt ablesbar. In diesen Tagen aber wird es Peter und seine Kollegen noch ein paar Mal an den Schildhof ziehen. Die letzten Aluminiumhüllen um die Isolationswolle der Abgasrohre am neuen Motor fehlen noch, bis Peter bis auf weiteres die Türen wieder schließen kann.

Seit einer Woche läuft der neue, 14 Tonnen schwere Motor im Blockheizkraftwerk im Stadtkern. Anlass genug für einen Blick hinter sonst verschlossene Türen.

Von Rebekka Neander