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Umland Langenhagen Nachrichten Bei EDC kommt alles unter den Hammer
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13:03 22.05.2017
Von Rebekka Neander
Da steht sie, das Schmuckstück: Die Alpha Toolex, eine Presse für Vinyl-Schallplatten ist mit einem Startpreis von 60.000 Euro der teuerste Einzelposten unter rund 2500 zu versteigernden Losen. Verkaufsleiter Christoph Partzsch (links) lässt sich die Bedienung von Industrie-Schlosser Michael Jünemann erklären. Quelle: Neander
Langenhagen

Man möchte Michael Jünemann eigentlich nicht fragen. Es ist auch so vorstellbar, wie sich der Industrieschlosser-Meister nach 37 Jahren in diesem erst Schallplatten-, später CD- und zuletzt DVD-Presswerk mit der historisch bedeutsamen Adresse des Schallplatten-Erfinders Emil Berliner in diesen Tag fühlen mag. "Naja, gedrückt halt" beschreibt er beim Rundgang durch die nahezu menschenleeren Produktionshallen die allgemeine Stimmung. Seine Hausaufgaben hat er erledigt. "Alle Maschinen sind energetisch so runtergefahren, dass sie verkauft werden können." Bis sie weg sind, werden er und sein Instandhaltungs-Team noch gebraucht. Ein paar Monate werden bis dahin ins Land gehen. Und dann? "Naja, dann gehe ich wohl in die Arbeitslosigkeit."

Ende einer stolzen Geschichte: 1989 als Deutsche Grammophon von Emil Berliner gegründet, presste man in Langenhagen später CDs bis dann im Zeitalter von Streaming im Mai 2016 die Insolvenz folgte.

Seinen Gästen an diesem Morgen macht er das Leben deshalb aber nicht schwer. Die tun ebenso nur ihren Job. So wie Christoph Partzsch. In dem Verkaufsleiter des Auktionshauses Wilhelm Dechow findet Jünemann allerdings auch einen ehrlich interessierten Gesprächspartner. Jünemann hat ihn zu einem wahren Schmuckstück geführt. „Das ist noch eine echte Alpha Toolex aus den Siebzigerjahren!“ schwärmt Jünemann über den Artikel mit der Losnummer 1055–1646. "Davon gibt es heute eigentlich nur noch Nachbauten oder man muss irre lange Lieferzeiten akzeptieren." Laien sagt dies nichts.

Aber Jünemann hat ein Einsehen. "Na, das ist eine echte Vinyl-Presse für Schallplatten." Die eher unscheinbare Maschine, die zwischen einigen halb ausgeräumten Regalen steht, wirkt wenig rühmlich. Und Partzsch gibt unumwunden zu, dass er als Industriegutachter ohne fachlichen Beistand wie durch Jünemann bei seinen Wert-Analysen angesichts solcher Gerätschaften durchaus fatalen Fehleinschätzungen unterliegen könne. Dass diese Toolex mit einem Startpreis von 60.000 Euro der mit Abstand teuerste Einzelposten der am Sonnabend startenden Auktion sein wird, ist auf den ersten Blick kaum vorstellbar. Mehr noch. "Bedienen kann die auch nicht jeder." Jünemann lacht leise. Was auf ihr zuletzt gepresst worden ist, kann er nicht sagen. Rund eineinhalb Jahre ist dies allerdings erst her. Das muss Jünemann wissen. Jede Maschine, egal ob DVD-Presse oder Bohrhammer, bekommt einen aktuellen Wartungsbericht an die Seite. Darauf müssen die potentiellen Käufer vertrauen, betont Partzsch. Wie bei Ebay auch könne kein Angebot ausprobiert werden. "Aber wenn es einen bekannten Defekt gibt, schreiben wir das im Katalog dazu", betont Partzsch.

Wer mitsteigern möchte, muss sich im Internet registrieren

Eine Vinyl-Presse ist für Partzsch in seinem Hamburger Büro wohl eine Premiere, aber längst nicht das einzig Bemerkenswerte, das von seinem Arbeitgeber versteigert worden ist. Kühe, Flugzeuge oder Jagdtrophäen gehörten bislang auch schon dazu. Ziel der Auktion ist, mit dem Erlös die Insolvenzmasse der EDC aufzufüllen. Verkauft wird alles, das nicht schon von der Thelen-Gruppe selbst, die das Areal inklusive der Hallen gekauft hat, selbst genötigt wird. Dazu gehören neben dem Verwaltungstrakt auch einige Hallenbereiche. "Zudem haben wir alles zurückgegeben, das entweder den Mitarbeitern selbst gehört oder geleast worden war", erläutert Partzsch. "Zum Beispiel haben wir sämtliche Drucker an den Hersteller zurückgegeben", ergänzt Jünemann. Die in Partzsch' Ursprungsgutachten genannten rund 5000 Einzelposten reduzierten sich in diesem Zuge um mehr als die Hälfte.

Wer mitsteigern möchte, muss sich im Internet registrieren. Damit haben die potentiellen Bieter allerdings noch etwas Zeit. Wer möchte, kann sich alles auch aus der Nähe anschauen: Am Montag, 22. Mai, steht das Werk an der Emil-Berliner-Allee allen Interessenten von 9 bis 17 Uhr offen. Ausprobiert werden dürfen die Objekte der Begierde dabei allerdings nicht. Die Auktion läuft theoretisch exakt vier Wochen. "Sollte es aber kurz vor Schluss noch ein neues Gebot geben", erläutert Partzsch, "verlängert sich die Frist um weitere fünf Minuten." Erst wenn nach dem letzten Gebot fünf Minuten lang niemand neu geboten hat, fällt der virtuelle Hammer. "Da liefern sich bei besonders attraktiven Losen manchmal Bieter noch regelrechte Gefechte." Bis alle Finanztransaktionen abgewickelt sind, vergehen danach noch einige Tage. "Mit dem Abtransport kann frühestens am 6. Juni begonnen werden."

Der UV-Lack muss noch entsorgt werden

Was dann nicht verkauft ist, wird von Jünemann und seinem Team endgültig für den "Verwerter" aufbereitet, die vornehme Variante des Schrotthändler. Aus CD-Pressen muss dann beispielsweise UV-Lack entsorgt werden, der bei einem Verkauf dringelassen werden darf, erklärt Jünemann geduldig. "Pro Maschine brauchen wir dafür wohl noch jeweils einen Tag."

Und dann? Diese letzte Frage bleibt ungestellt. Der Blick reicht.

Wer mitbieten möchte, findet die erste der voraussichtlich auf drei Auktionen verteilte Versteigerung des EDC-Equipements bereits hier im Internet. Die beiden weiteren Abteilungen folgen dort in den nächsten Tagen.

Fotostrecke Langenhagen: EDC: Alles kommt unter den Hammer

Chronik

Nach 119 Jahren endet die Geschichte der einstigen Deutschen Grammophon

Mit der Entertainment Distribution Company (EDC) endet die Geschichte eines Unternehmens, das in der Vergangenheit für innovative Technik stand. Gegründet als Deutsche Grammophon von Emil Berliner 1898 in Hannover, hat das Unternehmen fast alle Trends in der Musikspeichertechnik gesetzt – erste Schellackplatte 1898, erste Langspielplatte aus Kunststoff 1951, erste Serienfertigung von Musikkassetten 1965, erste Massenproduktion von CDs 1982. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Unternehmen bereits zu Polygram. Diese wurde 1999 wiederum von Universal geschluckt. Sechs Jahre später entließ der Musikkonzern die Langenhagener unter dem Namen EDC in die Selbstständigkeit, blieb aber wichtigster Kunde. Der Betrieb wurde zwischenzeitlich von Finanzinvestoren dominiert, die ihn im Jahr 2011 an das damalige Management übergaben. Die Geschäftsführung versuchte vergeblich, mit neuen Aufträgen im Bereich Spritzgusstechnik den Betrieb zu retten. Im Mai 2016 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet, bis zum Jahreswechsel 2016/17 erhielten mehr als 600 Beschäftigte die Kündigung. In guten Jahren zählte EDC mehr als 1000 Mitarbeiter. Am 1. März dieses Jahres ging dann endgültig das Licht aus.

se/bis

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