Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Bislang kein Platz für Flüchtlinge
Umland Langenhagen Nachrichten Bislang kein Platz für Flüchtlinge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
00:15 19.07.2013
Von Antje Bismark
Susanne Waas-Hanssen kümmert sich um die Asylsuchenden in Langenhagen. Quelle: Antje Bismark
Anzeige
Langenhagen

Diese Zahl könne sich mit jedem Quartal ändern, sagt Doris Lange, Fachbereichsleiterin des Sozialberatungsdienstes. Denn die Landesaufnahmebehörde Braunschweig ermittele regelmäßig anhand der aktuellen Flüchtlingszahlen, wie viele Menschen welche Kommune aufnehmen muss. „Beantragen weniger Asyl in Deutschland, dann sinkt die Zahl. Sind es mehr, steigt sie“, sagt Lange. In jedem Fall aber müsse Langenhagen noch Unterkünfte schaffen.

Zehn Personen könnten demnächst am Sportplatzweg ein Zuhause auf Zeit finden - dann seien die Kapazitäten erschöpft. „Aktuell konnten wir eine Familie in einer städtischen Wohnung im Zentrum unterbringen“, sagt Lange und betont, die Verwaltung wolle kein großes Haus, sondern mehrere dezentrale Einheiten anmieten.

Anzeige

Bis vor wenigen Jahren konnte die Stadt auf vier Gebäude zurückgreifen: zwei in Schulenburg-Nord, das Heideschlößchen und das Hotel Moorbock.

„Alle Verträge wurden aber gekündigt, als die Zahl der Flüchtlinge vor etwa zehn Jahren zurückging“, sagt Susanne Waas-Hanssen, seit April 2000 für die Asylsuchenden bei der Stadt Langenhagen zuständig. Sie kümmert sich seit inzwischen 20 Jahren um die Einzelpersonen und Familien, die in der Stadt als Asylbewerber ankommen. „Am Anfang leitete ich die Unterkunft mit 230 Bewohnern an der Berliner Allee“, blickt sie zurück. Angestellt habe sie der damalige Betreiber, ein Immobilienmakler aus Hildesheim. Nachdem das Haus zum Jahresende 1999 abgebrannt war, erhielt Waas-Hanssen ihre Kündigung. Wenige Monate später stellte die Stadt die Sozialpädagogin an, damit sie sich weiterhin um die Flüchtlinge kümmern konnte.

„Von diesem umfangreichen Wissen profitieren wir derzeit in sehr hohem Maße“, sagt Lange und betont, die Stadt sei dank der Netzwerke von Waas-Hanssen sehr gut aufgestellt. „Sie kennt alle Abläufe, viele Menschen und Institutionen“, lobt Lange ihre Kollegin.

Interview:  "Vertrauen aufbauen ist Schwerpunkt"

Sie ist die erste Anlaufstelle für Frauen und Männer mit und ohne Nachwuchs, die ihre Heimat verlassen haben und in Deutschland Asyl beantragen: Unsere Redakteurin Antje Bismark hat mit Susanne Waas-Hanssen gesprochen, die sich abseits der Frage nach der Unterkunft um soziale Leistungen, Schule, Kita und mitunter auch um Dolmetscher kümmert.

Seit wann stand für Sie fest, dass Sie mit Flüchtlingen arbeiten wollen?

Das habe ich so nie geplant gehabt, es hat sich im Laufe der Jahre so ergeben. Nach 20 Jahren auf diesem Gebiet kann ich sagen: Die Arbeit mit Flüchtlingen ist mein Ding. Sie ermöglicht mir den berühmten Blick über den Tellerrand, und sie ermöglicht mir Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen.

Wie sehen die ersten Tage für die Asylsuchenden aus, wenn sie aus Braunschweig nach Langenhagen kommen?

Zunächst einmal erhalte ich die Information, wie viele Menschen aus welchem Land und in welcher Konstellation uns zugewiesen werden. Familien reisen dann mit einem Bus an, Einzelpersonen mit der Bahn. Sie beziehen ihre Unterkunft und müssen dann viele bürokratische Wege erledigen, bei denen ich ihnen helfe. So haben sie sich im Bürgerbüro anzumelden, sie müssen ihre Sozialhilfe beantragen und sich bei der Ausländerbehörde der Region registrieren lassen. Wenn Kinder dabei sind, stehen erste Besuche in Schulen und Kitas an. Gerade während des Schuljahres ist es mitunter schwierig, einen Platz in einer Kita zu finden.

Welche Hilfe können Sie den Menschen bieten?

Zunächst einmal heiße ich sie auf freundliche Art willkommen. Dann kann ich bei Problemen auf unterschiedliche Partner zurückgreifen, mit denen ich in den vergangenen Jahren zusammengearbeitet habe. Wenn jemand also kein Deutsch spricht, aber mit Bus und Bahn nach Hannover zu einer Behörde fahren muss, dann organisiere ich mitunter einen Dolmetscher. Das sind zum Teil ehemalige Flüchtlinge, deren Asylantrag genehmigt wurde. Sie sprechen nicht nur die Sprache, sondern kennen die Situation ja auch aus eigenem Erleben. Dann kann ich schauen, ob und wie das Zusammenleben in den Einrichtungen funktioniert.

Wie groß ist denn das Vertrauen der Neuankömmlinge?

Es ist am Anfang praktisch nicht vorhanden. Das Vertrauen aufzubauen, darin sehe ich einen Schwerpunkt meiner Arbeit. Erst wenn die Menschen Zutrauen fassen, erfahre ich ihre zum Teil traumatischen Geschichten, lerne schwierige familiäre Konstellationen kennen und kann reagieren. Viele wünschen sich eine Perspektive, das bedeutet für sie eine Wohnung und eine Arbeit. Aber das hängt eben immer vom Aufenthaltsstatus ab.

Was bedeutet das genau?

Erst wenn der Asylantrag bewilligt wurde, haben sie Anspruch auf eine Wohnung, und sie dürfen sich eine Arbeit suchen. Bis dahin leben sie relativ isoliert, da Sprachkurse nicht finanziert werden. Die Kinder hingegen lernen in Schule und Kindergarten schnell. Sie müssen frühzeitig sehr viel Verantwortung übernehmen, und sie sind damit auch viel schneller integriert als ihre Eltern.

Worin liegen die Unterschiede zu den Flüchtlingsströmen vor 20 Jahren und heute?

Damals musste die Stadt Langenhagen, bedingt durch ein hohes Flüchtlingsaufkommen Anfang der neunziger Jahre, Menschen kurzfristig sogar in der extra dafür umgebauten Peko-Halle und in der Boelcke-Kaserne unterbringen. Dann kamen sie in das Heim an der Berliner Allee, in dem 230 Menschen aus unterschiedlichen Nationen leben mussten. Türken trafen auf Kurden, Serben auf Kosovaren. Heute versuchen wir, die Menschen nach Nationen unterzubringen und mit deutlich besseren Bedingungen in kleinen Wohneinheiten. Als großen Vorteil sehe ich, dass die Wertgutscheine abgeschafft wurden.

Wie haben die Mitmenschen damals auf die Fremden reagiert?

Natürlich gab es immer wieder mal Ärger mit den Nachbarn an der Berliner Allee. Das ist angesichts der Situation auch nicht verwunderlich. Aber viele Menschen unterstützten die Bewohner, indem sie bestimmte Projekte im Heim organisierten. Damals hatte sich quasi ein Unterstützerkreis gebildet, der sich der Asylsuchenden annahm.

Nach dem Brand im Jahr 1999 mussten die Bewohner nach Hannover oder Garbsen ziehen, ehe sie fünf Monate später zurückkehren konnten. Wie verlief die Rückkehr?

Zunächst einmal stellte mich die Stadt Langenhagen als Sozialarbeiterin ein, weil ich alle Menschen kannte und genau wusste, wer mit wem zusammenleben konnte. In einer konzertierten zweitägigen Aktion holten wir etwa 85 Frauen, Männer und Kinder in die vier neu eingerichteten Unterkünfte zurück. Für viele war es eine Rückkehr in die zweite Heimat, weil sie die Stadt kannten, weil die Kinder hier zur Kita oder in die Schule gingen. Zugleich war es schmerzlich, denn viele hatten bei dem Brand erneut alles verloren – zum zweiten Mal nach ihrer Flucht. Dazu gehörten oft auch neuere Fotos. Die Stimmung war gemischt.

Gab es damals ähnlich ablehnende Reaktionen der neuen Nachbarn, wie sie heute zu beobachten sind?

Nein, damals war klar, dass die Flüchtlinge irgendwo unterkommen mussten. Sie waren ein Stück weit akzeptiert, bis ihre Zahl sank und die Ortsansässigen sich nicht mehr mit diesem Thema beschäftigen mussten. Der heute oft zitierte Werteverlust von Grundstücken spielte kaum oder keine Rolle.

Viele Asylbewerber erhalten eine Aufenthaltsgenehmigung, andere werden abgeschoben. Belastet Sie das?

Zunächst einmal wünsche ich mir, dass die Asylverfahren schneller bearbeitet werden. Denn vor allem die Kinder fühlen sich bald heimisch, und wenn dann eine Abschiebung droht, ist das immer tragisch und mit Problemen behaftet. Auf der anderen Seite erlebe ich eben immer wieder sehr schöne Momente, wenn sich Jungen und Mädchen trotz widriger Umstände in den Schulen durchsetzen – bis hin zum Abitur und zum Studium.

Syrien, Afghanistan, Iran, Tschetschenien – aus all diesen Ländern kommen Flüchtlinge. Beobachten Sie das politische Geschehen intensiv?

Ja. Wobei ich das Augenmerk weniger auf die Außenpolitik richte, sondern mich mehr auf die Innenpolitik konzentriere. Wie beurteilt das Bundesamt die Lage in welchem Land? Davon hängt oft ab, wie die Asylverfahren am Ende entschieden werden.

Zur Person: Susanne Waas-Hanssen

Seit zwei Jahrzehnten sorgt Susanne Waas-Hanssen dafür, dass sich Flüchtlinge in Langenhagen willkommen fühlen. Die heute 56-Jährige studierte von 1979 bis 1983 in Hannover Sozialpädagogik. Es folgte eine Familienphase, in der sie sich um ihre beiden Kinder kümmerte. Nach ihrer Rückkehr in den Beruf organisierte Waas-Hanssen in einer Barsinghäuser Kirchengemeinde mehrere Projekte für und mit kurdischen Frauen. 1993 fing sie als Sozialarbeiterin im Wohnheim an der Berliner Allee an, dessen Leitung sie dann übernahm. Sechs Jahre später, das Haus war einen Tag zuvor abgebrannt, erhielt sie ihre Kündigung und wechselte zum Diakonischen Werk nach Braunschweig. Die Stadt Langenhagen holte sie als Mitarbeiterin zum 1. April 2000 zurück – zunächst für Flüchtlingsunterbringung, dann für den allgemeinen sozialen Beratungsdienst.

Sven Warnecke 16.07.2013
Antje Bismark 16.07.2013
Antje Bismark 15.07.2013
Anzeige