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Umland Langenhagen Nachrichten Erzieher schon mit deutschen Kindern überfordert
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16:47 11.11.2015
Von Rebekka Neander
Renate Grätz (li.) von der Kita Kielenkamp und Maude Lehmann-Musfeldt können derzeit ihren Mitarbeitern nur wenige Hilfe anbieten. Immerhin gibt es inzwischen ein Wörterbuch, das ganz ohne Worte auskommt.
Renate Grätz (li.) von der Kita Kielenkamp und Maude Lehmann-Musfeldt können derzeit ihren Mitarbeitern nur wenige Hilfe anbieten. Immerhin gibt es inzwischen ein Wörterbuch, das ganz ohne Worte auskommt. Quelle: Neander
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Es sollte eigentlich ein Gespräch werden über Flüchtlingskinder. Über die Bitte der Kita-Mitarbeiter, man möge ihnen mehr Informationen liefern: Über den Umgang mit traumatisierten Kindern. Über jene, die mitansehen mussten, wie Verwandte erschossen worden sind. Über jene, die ohne ersichtlichen Grund aus der Einrichtung flüchten und die das so gar nicht erklären können. Weil sie es selbst nicht verstehen - und weil sie niemand versteht.

Eigentlich. Denn es dauert nicht lange, da sind Maude Lehmann-Musfeldt, Leiterin der Kita Krähenwinkel, und ihre Kollegin von der Kita Kielenkamp in Godshorn, Renate Grätz, thematisch wieder den deutschen Kindern. „Manchmal meint man“, sagt Lehmann-Musfeldt, „die Eltern hätten ihren Erziehungsauftrag an uns abgegeben.“ Es geht um Jungen und Mädchen im Kindergartenalter, die gewickelt werden müssen. „Massenhaft“, entfährt es Lehmann-Musfeldt. „Man sieht die Erzieher vom Kindergarten zu den Wickelräumen in der Krippe pilgern“, erzählt Grätz, und Lehmann-Musfeldt ergänzt: „Wir haben ja keine Krippe.“

Und es geht um Unruhe. „Beim Essen stillzusitzen - das heißt bei uns: dass sie immerhin am Tisch bleiben.“ Grätz klagt über die vielen Kinder, die offenkundig zu Hause schon nur noch mit Filmchen vom Smartphone oder Tablett bei Laune zu halten sind. „Eigentlich möchte man sagen, die Flüchtlingskinder sind das geringste Problem“, Maude Lehmann-Musfeldt ist nicht glücklich über diesen Satz. Aber er stimme trotzdem. „Wir würden uns wünschen“, sagt Grätz, „die Eltern würden ihren Kindern mehr Grenzen setzen - und sie zugleich selbstständig werden lassen.“

In einem jedoch lassen die beiden nichts auf ihre Kinder kommen: „Die Ankunft der Flüchtlingskinder haben sie ganz natürlich aufgenommen“, sagt Grätz. Doch diese zarten Bande seien bedroht: „Es ist sehr schwer für alle, sich aneinander zu gewöhnen oder Dolmetscher zu finden, wenn die Kinder nach kurzer Zeit wieder die Einrichtung verlassen müssen.“ Sobald sich der Status der Familien im Asylverfahrens ändere, müsse oft auch der Wohnort gewechselt werden.

Für all diese Herausforderungen wünschen sich die Tagesstätten mehr Unterstützung. Wie groß dieser Wunsch ist, zeigt ein Kursangebot der VHS zu den Hintergründen der Flüchtlingsströme, zu dem sich allein aus der Kita Krähenwinkel 14 Mitarbeiter angemeldet haben.

Tagesstätten beklagen massiven Personalmangel

Nicht nur Informationen fehlen. Sondern schlicht und ergreifend Menschen. Maude Lehmann-Musfeldt und Regina Grätz haben für dieses Gespräch für 7.45 Uhr eingeladen. Weil an diesem Tag in Krähenwinkel sieben Kräfte fehlen. Die Verfügungszeit für die Gruppen ist für diese Woche gestrichen. Bei Grätz in Godshorn sieht es nicht viel anders aus. Und als am Montag der hektische Anruf aus dem Rathaus kam, weil für den Hort einer Grundschule dringend Betreuung gesucht wurde, da konnten beide nicht helfen, nur mitleidig abwinken. Seit August sind in Krähenwinkel vier Stellen nicht besetzt. Ihre Arbeit haben die stadteigenen Springer übernommen, die dafür ihre eigentliche Funktion nicht ausüben können. „Wir haben in der Stadt so viele Stellen nicht besetzt, dass man eigentlich alle Verträge entfristen könnte“, sagt Lehmann-Musfeldt. „Denn zu tun gibt es eigentlich überall und immer etwas.“ Gleichwohl: Auch wenn der Fachkräftemarkt fast vollkommen leergefegt sei, will Lehmann-Musfeldt nicht jede Grenze überschreiten. „Man kann die Markt-Reste nicht nehmen“, sagt sie. „Besser als nichts ist das nicht. Besser ist dann nichts.“ Auch Regina Grätz hat an diesem Morgen nicht endlos Zeit. Die Leiterin der Kindertagesstätte Kielenkamp muss jetzt zurück, sagt sie plötzlich: „In der Küche ist niemand, ich muss jetzt Salat putzen.“

„Flüchtlingskinder spielen ganz anders“

In Trickfilmen würde sich die Spielzeugküche jetzt freuen wie ein kleines Kind. Stand sie doch lange einsam und verwaist in der Ecke. „Die Kinder aus den Flüchtlingsfamilien spielen ganz andere Dinge“, berichtet Regina Grätz. „Sie setzen sich mit Decke und Geschirr auf den Boden und spielen Picknick.“ Wer also etwas wissen möchte, über den Familienalltag, den diese Kinder zurückgelassen haben, dann müsse man nur auf ihr Spiel schauen. Vor diesem Hintergrund empfindet Grätz die Aufnahme der Kinder als sehr bereichernd. Auch als eine eigene Form der Inklusion. „Alle übernehmen etwas von allen.“

11.11.2015
Antje Bismark 13.11.2015