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Langenhagen „Alter, was geht denn hier ab!“
Umland Langenhagen „Alter, was geht denn hier ab!“
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12:25 04.09.2018
Ein einziger unbedachter Schlag kann Leben verändern. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Langenhagen

Vier Monate Koma, danach halbseitig gelähmt und sprachbehindert – und das alles nur wegen eines einzigen Faustschlags: Die Achtklässler der IGS Süd haben die bewegende Geschichte von Christoph Rickels gehört. In der Bibliothek der Schule berichtete er von seinem Schicksal – und ließ tief bewegte Schüler zurück. Und das war auch das Ziel, die Achtklässler während einer Themenwoche zur Gewaltprävention zu sensibilisieren.

Christoph Rickels hat in Langenhagen in der IGS Süd seine bewegende Geschichte erzählt. Quelle: Stephan Hartung

Dass ihm die Schüler zuhören, dafür muss Rickels nicht kämpfen. Es herrscht betretenes Schweigen, hier und da kullert bei den Zuhörern auch schon einmal eine Träne. Mit seinem Projekt First Togetherness (Gemeinschaft zuerst) ist er auf Tour in Schulen, aber auch in Gefängnissen. Er will vor allem Jugendliche wachrütteln und zum Gewaltverzicht animieren.

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Die Rückkehr ins Leben war schwer

Der Weg dorthin war schwer. Rückblick ins Jahr 2007. Am 29. September feiert der junge Mann in seiner Heimatstadt Aurich in einer Diskothek, er lernt ein Mädchen kennen und lädt es auf ein Getränk ein. Der eifersüchtige Freund des Mädchens streckt Christoph vor dem Eingang nieder. Ein Faustschlag auf die Schläfe, die Wirkung ist gravierend: Die Ärzte haben nur wenig Hoffnung, doch vier Monate später erwacht der Abiturient aus dem Koma – nach Schädelbruch und sechsfacher Hirnblutung. „Von einer Sekunde auf die andere war ich kaputt“, sagt Rickels, nachdem er den Schülern das Video von der Überwachungskamera des Disko-Vorplatzes vorgespielt hatte. Aus dem überall beliebten Sonnyboy, der sportlich erfolgreich und ein großer Mädchenschwarm war und zudem mehrere Instrumente spielte, war plötzlich ein Pflegefall geworden. „Essen, sprechen, laufen – ich musste wieder alles lernen.“

Gewaltverzicht ist viel cooler

Früher habe er auch mal einen anderen Menschen verprügelt. „Ich wollte cool sein. Aber das ist nicht cool. Ihr seid dann cool, wenn ihr auf Gewalt verzichtet“, sagte der heutige Kasseler zu den Schülern. Ohnehin gelingt es ihm, den richtigen Ton zu treffen, um seine Zuhörer zu erreichen – denn es darf eben auch mal ein wenig Jugendsprache sein. „Ich habe mir gedacht: Alter, was geht denn hier ab!“, sagt Rickels, als er von Begegnungen mit Prominenten wie Jörg Pilawa oder Yvonne Catterfeld erzählt – sein Schicksal und sein Projekt wurden mit den Jahren immer bekannter, auch dank der Unterstützung diverser Größen aus Fernsehen, Sport und Politik.

Christoph Rickels hat in Langenhagen in der IGS Süd seine bewegende Geschichte erzählt. Quelle: Stephan Hartung

First Togetherness hat Rickels auch wieder die Möglichkeit gegeben, hauptberuflich zu arbeiten. Zuvor war er aufgrund seiner 80-prozentigen Behinderung erwerbsunfähig. Der heute 31-Jährige ist Abteilungsleiter Prävention bei der Kasseler Firma Protec, dort ist sein Projekt angedockt. Und dann sagt er zum Abschluss noch einen schier unglaublich Satz. Auf die Frage eines Schülers, welches Leben er wählen würde, antwortet Christoph Rickels: „Ich habe so viel gekämpft und so viel erreicht – ich finde mein aktuelles Leben besser als das vor dem Unfall.“

Das ist die Präventionswoche an der IGS

Seit 2015 kommt Christoph Rickels regelmäßig nach Langenhagen, auch in andere Schulen. Sein Besuch nun in der IGS Süd ist Teil einer Themenwoche für die Achtklässler. Dabei steht die Gewaltprävention im Mittelpunkt. Und die Erzählungen von Rickels sind nicht die einzigen Programmpunkte. Ricardo Savia von Villa Vitalis zeigt den Schülern Selbstverteidigung zur Gefahrenabwehr. Zudem berichtet Kriminalhauptkommissar Björn Harms von der Polizeiinspektion Burgdorf den Schülern über die Ermittlungsarbeit bei Gewalttaten. Die Schüler besuchen außerdem in dieser Woche das Amtsgericht Hannover und reisen auch nach Hameln, um sich die Jugendarrestanstalt anzuschauen.

Rickels Kampf im rechtlichen Dschungel

Fast elf Jahre ist es her, dass sich Christoph Rickels Leben von einer Sekunde auf die andere völlig verändert hat – und so lange kämpft er mit seinen Anwälten schon um Schadensersatz. Der Täter erhielt die lächerliche Strafe von zwei Jahren Haft, und das auch noch zur Bewährung. Rickels klagte nicht nur gegen den Täter, sondern auch gegen dessen Versicherung und am Ende sogar gegen seinen eigenen Anwalt, der sechs Jahre lang eklatante Formfehler gemacht hatte. „Man darf es nicht offen aussprechen: Aber manchmal glaube ich, dass alle unter einer Decke stecken“, sagt Rickels, der zwischendurch sogar von einem Gericht eine Summe von 200 000 Euro zugesprochen bekam, später sogar vor dem Bundesgerichtshof den Fall gewann. Dennoch: Der Verfahren wird nun, auch wegen der Formfehler seines damaligen Anwalts, neu aufgerollt. Sogar zum Täter nahm er zwischenzeitlich Kontakt auf, erhielt aber keine Rückmeldung.

Von Stephan Hartung

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