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Langenhagen „Frau Hettinger, waren Sie schon einmal ausgeschlossen?“
Umland Langenhagen

Sabine Hettinger ist neue Inklusionsbeauftragte in Langenhagen

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00:20 20.06.2019
Sabine Hettinger ist die neue Inklusionsbeauftragte der Stadt Langenhagen. Quelle: Rebekka Neander
Langenhagen

Das Erste, was hängen bleibt, ist ihr Lachen. Sabine Hettinger springt von ihrem Bistrostuhl in Langenhagens Markthalle auf. Ein fester Händedruck, ein warmes Lachen – Berührungsängste hat sie keine. Wir sind verabredet für ein erstes Interview zum Kennenlernen – und sitzen ungeplant gleich auf einer ihren künftigen Baustellen: Für Rollstühle sind die schicken Tische aufgrund ihrer Höhe kaum geeignet.

Frau Hettinger, was bedeutet Teilhabe für Sie?

Für mich ist Teilhabe, gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu sein. Wenn Angebote für jeden Menschen annehmbar sind und keine komplizierten Wege notwendig sind. Ganz gleich, ob baulich oder aus finanziellen Gründen.

Waren Sie schon einmal ausgeschlossen?

Oh ja, gleich zweimal. Und sogar hier in Langenhagen. Ich war nach einer Verletzung in meiner Mobilität eingeschränkt und musste hier zu einer großen radiologischen Praxis. Ich bin mit der Stadtbahn gekommen. Und darin waren in gleich zwei Wagen die Türen defekt. Ich musste unter großen Schmerzen einen Sprint in der Bahn hinlegen, um überhaupt aussteigen zu können. Und als ich in der Praxis angekommen war, gab es im gesamten Anmeldebereich keine einzige Möglichkeit, sich hinzusetzen oder wenigstens einen Handlauf, an dem ich mich hätte abstützen können.

Es ist unfassbar anstrengend, wenn man jeden Weg durchrechnen muss. Da muss nur ein Aufzug defekt sein, dann begreift man, wie viele davon abhängig sind. Das fällt mir jetzt viel mehr auf. Inklusion bedeutet also nicht nur, Schwellen zu vermeiden im Bau. Wir müssen auch verstärkt über Qualitätsmanagement reden, über Reparaturzyklen. Da haben wir noch viel zu tun. Ich wohne ja in Hannover. Und bei jeder Sonderveranstaltung, bei Umleitungen, die durch Baustellen entstehen, fällt beim Ersatzverkehr die Barrierefreiheit hinten runter. Inklusion ist für mich deshalb auch die Frage, wie zukunftsfähig eine Stadt ist. Das ist heute ein klarer Standortfaktor, schon allein aufgrund des demografischen Wandels. Es geht um selbstbestimmtes Leben. Darum, dass Informationen und Leitsysteme klar ersichtlich sind und dass man die Lösung nicht über

zehn Ecken finden muss.

Wie kommen wir dahin?

Wir müssen Projekte von Anfang an vielfältig denken. Barrierefreiheit ist vielschichtig. Jeder ist anders davon betroffen. Und eine einzelne Gruppe sieht dabei oft auch nur ihre eigene Problematik. Wer in einem Rollstuhl sitzt, weiß nicht zwingend über die besonderen Herausforderungen für Sehbehinderte Bescheid. Und umgekehrt. Und nicht alles ist für alle tauglich. Eine improvisierte Rampe, die für Rollstuhlfahrer prima ist, kann für Menschen mit Rollator unzulänglich oder unsicher sein. Deshalb sollen Bauten auch nicht von einer Behindertenbeauftragten allein abgenommen werden, sondern immer von Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnissen. Wir brauchen viele verschiedene Blickwinkel und müssen uns immer fragen: Wer sind die Nutzenden dieses Baus? Zuweilen widersprechen sich ja auch die Bedürfnisse. Die vollständige Bordsteinabsenkung ist für alle Hilfsmittel, die Rollen haben, hervorragend. Für Sehbehinderte ist sie ein Problem.

Die Paragrafen zur Barrierefreiheit gehören in der Niedersächsischen Bauordnung zu den wenigen Bereichen, die vorgeschrieben und keine Kann-Bestimmungen sind. Warum „vergessen“ Architekten sie trotzdem immer wieder?

(Sie lacht und zuckt mit den Schultern.) Ich habe auf meinen vielen Begehungen immer viele Fragen gestellt. Wir stehen beispielsweise vor der Garderobe, die sehr hoch angebracht ist. Und ich frage: Gibt es hier keine Kinder? Die Antwort lautet: Nein. Nun gut. Wir gehen ein paar Schritte weiter, da öffnet sich eine Tür und lauter Kinder sprinten nach dem Ende ihrer Hausaufgabenhilfe aus dem Raum. Das war den Architekten offenbar nicht bekannt. Ich habe gelernt: Keine Frage ist zu banal. Doch offenbar werden die oft nicht gestellt. Ich habe als Inklusionsbeauftragte der Landeskirche Hannover viele Kurse zur Fort- und Weiterbildung angeboten und dabei gemerkt: Sensibilisierung und Perspektivwechsel sind die wesentlichen Schlüssel. Auch damit Architekten das nicht vergessen bei ihren Planungen. Zum Glück waren auch Architekten in meinen Seminaren.

Ich versuche es darin immer mit Rollenbeschreibungen. Ich definiere die konkrete Einschränkung, den Beruf, die speziellen Fähigkeiten einer Person, damit sich die Teilnehmenden in sie hineinversetzen können. Sie bekommen entsprechende Utensilien wie Gehhilfen, Rollstuhl oder ähnliches und sollen dann einen Ort erreichen, sich orientieren. Es ist unglaublich, was das bewirkt.

Behindertenverbände beklagen, sie werden als Betroffene nicht ernst genommen, sondern immer erst, wenn sich beispielsweise Fußgänger in den Rollstuhl setzen und dann von ihren Erfahrungen berichten ...

Ja, das ist richtig. Aber ich glaube, es braucht beides. Ich kann die Argumente der Betroffenen durchaus verstehen. Aber nicht jeder hat direkten Kontakt zu ihnen. Es gibt natürlich gravierende Unterschiede zwischen den Erfahrungen, die man sammelt, wenn man mal eine halbe Stunde etwas völlig Unbekanntes erlebt, und der Erfahrung eines Menschen, der schon lange in dieser Situation ist und bereits Strategien für den Umgang entwickelt hat. Der Perspektivwechsel bietet Chancen für beide Seiten. Eine Situation zu sehen und sie einzunehmen ist für alle wichtig. Und im Kontakt mit Menschen mit Beeinträchtigungen kann ich viel lernen über eingeschränkte Teilhabe und Barrieren im Alltag. Man sollte das nicht gegeneinander ausspielen. Und: Es ist zuweilen wie bei kleinen Kindern. Die lernen das meiste auch erst, wenn sie es am eigenen Leib erlebt haben.

Sie sind nun seit dem 1. Juni offizielle Inklusionsbeauftragte der Stadt Langenhagen. Sind Sie schon angekommen? Was werden Ihre ersten Schritte sein?

Ich muss mir natürlich erst einmal einen Überblick verschaffen. Dazu gehört als erstes das Vernetzen mit jenen, die hier auf diesem Feld schon sehr aktiv sind: Wer bearbeitet welches Thema? Am liebsten würde ich mir von den einzelnen Vertretern jeweils ihren Stadtteil zeigen lassen. Dabei kann ich tun, was ich am liebsten mache: Fragen stellen, Perspektiven austauschen.

Ihr oberstes Ziel müsste doch eigentlich sein, sich überflüssig zu machen, oder?

(Sie lacht.) Durchaus! Andererseits ist aber klar: Der Aktionsplan für ein inklusives Leben, den die UN-Behindertenrechtskonvention verlangt, ist eine sehr umfassende Aufgabe. In den zehn Jahren, seit diese Konvention geltendes Recht in Deutschland ist, haben wir bereits viel erreicht. Aber die Umsetzung ist für jede Kommune ein langfristiger Prozess, an dem Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung beteiligt werden müssen. Und das braucht Zeit.

Erleben wir das?

(Und wieder lacht sie.) Den Anfang bestimmt!

Zur Person: Sabine Hettinger

Für Sabine Hettinger ist Inklusion längst kein Fremdwort mehr. Die vergangenen fünf Jahre war die studierte Diplom-Pädagogin für diesen Bereich als Beauftragte der Landeskirche Hannover in Kirchen und Gemeindehäusern Niedersachsens unterwegs. Sie hatte ihre berufliche Laufbahn einst als Diakonin begonnen, qualifizierte sich als Prozessbegleiterin für Inklusion und schulte danach ihrerseits, wenn sie nicht gerade als Inklusionsberaterin beispielsweise bei Bauvorhaben auftrat. Die 53-Jährige stammt eigentlich aus Baden-Württemberg, wurde in Heilbronn geboren, studierte in Tübingen und arbeitete letztlich in Stuttgart. Der Inklusion wegen kam sie vor gut fünf Jahren nach Niedersachsen. Heute wohnt Hettinger „in der Mitte Hannovers“, wo sie nach eigenen Worten oft genug mit ansehen kann, für wie viele Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nur eingeschränkt möglich ist.

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