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Langenhagen Dauerhaft aufs Handy verzichten? Eher nicht
Umland Langenhagen Dauerhaft aufs Handy verzichten? Eher nicht
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00:35 20.04.2018
Außer Norah (14) (v.l) haben Anya (14), Pia (13), Emilia (13), Amelie (14) und Jessica (14) ihre Handys am Freitag wieder angemacht. Quelle: Samantha Franson
Langenhagen

Da hat sich was angesammelt: 252 Whatsapp-Nachrichten, 31 Snaps und zwei verpasste Anrufe – als Norah am Montagnachmittag ihr Smartphone zum ersten Mal seit einer Woche wieder anschaltet, hat die Achtklässlerin einiges zu lesen. Sie war die Einzige, die ihre „Handypause“ noch um zwei Tage verlängert hat. Insgesamt haben 60 Schüler der Integrierten Gesamtschule (IGS) Langenhagen fünf Tage auf ihr Mobiltelefon verzichtet und es in einem Safe eingeschlossen – und dabei gute Erfahrungen gemacht. Doch dauerhaft auf ihre Smartphones verzichten wollen sie nicht.

„Ich wollte mein Smartphone am Freitag bei der Abholung aus der Mellendorfer Volksbank nicht anmachen“, erzählt die 14-Jährige. Also blieb es über das Wochenende noch weggeschlossen. Jetzt läuft es wieder. „Der einzige Grund, warum ich es brauche, ist, dass ich Fußball spiele und wissen muss, wann Training ist, ob es ausfällt und wann die Spiele sind“, erklärt sie. Ansonsten würde sie statt eine Nachricht zu schreiben lieber anrufen. Das sei persönlicher und gehe auch schneller, weil man die Antwort nicht abwarten müsse, so Norah.

Auch viele ihrer Mitstreiter wollen die Handynutzung nach dem Experiment reduzieren. „Ich habe gemerkt, dass ich mit Handy voll unglücklich bin“, sagt Pia. Früher habe sie ihr Smartphone sogar mit leerem Akku mitgenommen, einfach um es bei sich zu haben, verrät sie. Jetzt sei das ganz anders: „Ich war Freitag in der Stadt und habe mein Handy einfach mal zu Hause gelassen.“ Trotzdem würde sie nicht komplett auf das Mobiltelefon verzichten. „Wenn irgendwas Wichtiges ist, brauche ich mein Handy schon“, erklärt sie.

Die 14-jährige Anya sieht das ähnlich. „Wenn man sein Handy erst mal wiederhat, dann kann man nicht komplett drauf verzichten“, berichtet die 14-Jährige. Trotzdem habe sie einiges aus der Pause gelernt, was für sie früher nicht vorstellbar gewesen wäre. „Um 19 oder 20 Uhr gebe ich mein Smartphone ab“, verrät sie. Zudem würde sie es morgens gar nicht mehr benutzen und sich einen herkömmlichen Wecker stellen. Auch ihre Freunde müssen sich umstellen. „Ich schreibe kaum noch auf Whatsapp. Entweder sie treffen sich mit mir oder wir telefonieren.“

Für den 14-jährigen Gilgian ist das Schreiben gleich geblieben, dafür hat er etwas anderes reduziert. „Ich spiele weniger Kartenspiele auf dem Handy“, zieht er sein Fazit. Emilia hat einen ganz anderen Nachteil während der Handypause entdeckt. „Die Jugend von heute merkt sich keine Nummern mehr, weil sie alle im Handy eingespeichert sind“, schmunzelt sie. 

„Reduzierung ist anspruchsvoll“

Wie schätzen Sie das Experiment an der IGS Langenhagen ein, an dem der IGS-Schüler teilgenommen haben?

Erst mal finde ich es toll, dass die Schüler sich auf so ein Experiment eingelassen haben. Vor allem, wenn man dabei merkt, wie viele Gedanken wir mit dem Handy verbringen. Dadurch können die Schüler wahrnehmen, wann ihnen ihr Handy wichtig gewesen wäre. Allerdings ist es auch gut für sie zu sehen, was ihnen ohne Handy fehlt. Zum Beispiel wenn sie ihr Eis bei Snapchat zeigen wollen. Whatsapp ist ja an sich großartig. Aber nur wenn man es benutzt, um seinen Alltag sinnvoll zu planen. 

Kann durch die fünf Tage ohne Handy langfristig eine Wirkung erzielt werden?  

Die große Kunst liegt darin, die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Projekt zu ziehen. Es geht nicht um die Frage Handynutzung ja oder nein, sondern darum, dass ich in den richtigen Momenten das Smartphone nutze. Die Reduzierung des Konsums ist viel anspruchsvoller, als einfach gar nicht mehr am Handy zu sein. Denn dann muss man sich fokussieren. Dass ich bei einer Frage beispielsweise zu den Hausaufgaben nur meine Klassenkameradin nach den Aufgaben frage und mich nicht noch von den zehn anderen Nachrichten ablenken lasse oder noch drei Videos schaue. Ich muss merken, wann ich verleitet werde, etwas zu tun, was mich ablenkt.

Wie bewusst gehen Jugendliche allgemein mit dem Smartphone um? 

Ich erlebe in Schulklassen einen ganz großen Teil, der das selbst gut einschätzen kann. Das Bauchgefühl, wann es genug ist, ist bei ihnen ähnlich wie bei Erwachsenen. Das Schwierigste ist, dass man zielgerichtet vorgehen muss und wirklich nur seine eine Vokabel googelt, die man in diesem Moment braucht. Viele können das nicht, auch viele Erwachsene nicht. Da muss man sich selbst ein Stück weit überlisten und versuchen, sich eben nicht mit dem Smartphone zu beschäftigen. Man muss lernen, wann es nur Selbstzweck ist und wann man es wirklich braucht. 

Wie viele Stunden Handynutzung am Tag sind in Ordnung? 

Ich finde, man kann die richtige Nutzungsdauer nicht allgemein festlegen. Wenn das Wetter schlecht ist, dann ist es okay, drinnen zu bleiben, ein Buch zu lesen oder am Smartphone zu sein. Wenn das Wetter allerdings gut ist, gehört der Mensch nach draußen an die frische Luft und nicht drinnen ans Handy. Daher gibt es meiner Meinung nach keine absolute Anzahl an Stunden, sondern es steht eher die Frage im Raum: Wann lenken wir uns von wichtigen Situationen ab?

Von Laura Ebeling

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