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Lehrte Kaum Gewinne, übermächtige Konkurrenz: Wieder ein Kiosk dicht
Umland Lehrte

Lehrte: Kiosk am Eschenweg schließt

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10:32 11.07.2019
Wie es jetzt mit dem Verkaufsraum weitergeht, weiß er noch nicht: Verpächter Mesut Ates vor dem geschlossenen Kiosk an der Ecke von Eschenweg mit Ahltener Straße. Quelle: Achim Gückel
Lehrte

 Die zwei Schülerinnen, die nur schnell ein Eis kaufen wollen, sind enttäuscht. Sie stehen vor einer verschlossenen Tür. Schluss, aus, vorbei! Der Stammkiosk der zwei Mädchen an der Ecke von Eschenweg und Ahltener Straße ist dicht. Geschlossen, weil sich das Geschäft einfach nicht mehr lohnt.

„Nüchtern betrachtet musste es so kommen“

Jahrzehntelang haben Lehrter am Eschenweg ihre Zigaretten und Getränke, Eis und Süßigkeiten, Zeitschriften und Brötchen gekauft. Seit dem Jahr 1965 hat es an dieser Stelle einen kleinen Laden gegeben. Im Jahr 2010 baute Architekt Mesut Ates dort sogar noch neu: im Erdgeschoss der Kiosk, darüber sein Büro. Jetzt hat er gemeinsam mit Kioskpächterin Martina Rolef die Reißleine gezogen und den Laden geschlossen. „Nüchtern betrachtet musste es so kommen“, sagt Ates. Zwar seien Kioske nach wie vor ein Stück deutscher Sozialkultur, ein Kult sowie ein Ort des Gesprächs und der gelebten Nachbarschaft. Doch die Geschäftsidee werde nach und nach abgeschafft. Und zwar wegen eines „Systemfehlers“, wie es Ates formuliert.

Ates hatte im Mai 1997 damit begonnen, in Lehrte Kioske zu betreiben. Sein erster war jener am Eschenweg, der bis dahin noch den Namen Alis Kiosk trug. Bis 2007 übernahm Ates vier weitere Kioske im Stadtgebiet, unter anderem im Zuckerzentrum und an der Burgdorfer Straße. Er machte aus seinem kleinen Imperium aus Mini-Läden sogar die Marke Nebenbuy. Doch nach und nach stieg er aus der Branche aus. 2012 war für ihn persönlich dann Schluss, den Laden am Eschenweg verpachtete er an Rolef.

Der vermutlich bekannteste Kiosk der Stadt befindet sich direkt neben dem Tunnelaufgang an der Bahnhofstraße. Quelle: Achim Gückel

Jetzt macht Ates seiner Trauer über die Schließung auch mit einem langen Schreiben Luft, das er an die verschlossene Ladentür geklebt hat. Er habe einst noch sein Studium und seine Familie mit dem Geschäftsmodell finanzieren können, heißt es darin. Doch die Idee des Spätkaufs in Kiosken gehöre mehr und mehr der Vergangenheit an. Und das liege eben an jenem grundlegenden „Systemfehler“.

Die große Konkurrenz der Supermärkte

Supermärkte hätten mittlerweile von 7 bis 22 Uhr geöffnet, die Gewinnmarge der kleinen Händler habe sich zum Beispiel bei Tabakwaren auf jämmerliche 4 Prozent reduziert. Bei einem Umsatz von 2000 Euro pro Tag blieben 235 Euro übrig, von denen 17 Stunden Lohn, Strom-, Raum und Nebenkosten, Versicherung, Steuerberater, Telefon und Steuern bezahlt werden müssten, rechnet Ates vor. Das alles funktioniere nicht.

Einer von drei Kiosken an der Burgdorfer Straße. Quelle: Achim Gückel

Rolef drückt es noch drastischer aus als ihr bisheriger Verpächter. „Ich habe einfach kein Land mehr gesehen“, sagt sie. Die Einnahmen hätten nicht mehr gereicht, mittlerweile gehe es ihr gesundheitlich auch alles andere als gut. „Es tut mir furchtbar leid um meine Stammkunden“, betont Rolef. Denn es habe allerhand Lehrter gegeben, die regelmäßig zu ihr in den Laden gekommen seien. Doch vor allem die Preisgestaltung bei den Tabakwaren sowie die stetig schrumpfende Gewinnmarge habe dem Geschäft das Genick gebrochen. Denn alles andere, was außer Tabakwaren über den Tresen ging, habe diesen Gewinnrückgang nicht aufgefangen. Bunte Tüte allein reiche halt nicht.

Eigentümer will neu verpachten

Dabei war der Kiosk am Eschenweg etwas Besonderes. Ein einladender Neubau mit breiter Fensterfront, mit einer Sitzecke samt Fernsehbildschirm, mit ausreichend Platz für ein großes Sortiment und sogar mit ein paar Tischen und Stühlen vor der Tür. Jetzt wird der Laden nach und nach ausgeräumt. „Ich weiß noch nicht genau, was ich daraus machen werde“, sagt Ates. Er wolle gern wieder neu verpachten. Ob es aber wieder einen neuen Kiosk geben wird, weiß er nicht. Eine Anfrage eines potenziellen Pächters, der in dem bisherigen Kiosk gern eine Shisha-Bar eingerichtet hätte, habe er aber bereits abgeschmettert.

Lehrte hat noch neun Kioske

In der Lehrter Kernstadt gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung jetzt noch neun Kioske – zwei an der Bahnhofstraße, drei an der Burgdorfer Straße und jeweils einen an der Braunschweiger Straße, der Breiten Lade, der Großen Moorstraße sowie der Iltener Straße. Erst im vergangenen Jahr hatte Sabines Kiosk an der Wilhelmstraße dicht gemacht. Bis vor einigen Jahren gab es solche Läden auch noch an der Manskestraße und der Schützenstraße. Neueröffnungen gab es keine.

Die Tendenz ist also fallend – und damit liegt Lehrte in einem bundesweiten Trend. Denn Kioske, in denen Zigaretten, Getränke und Süßigkeiten verkauft werden, gibt es in ganz Deutschland immer weniger. Rund 2000 seien in den Jahren zwischen 2008 und 2018 verschwunden, schätzt der Handelsverband Deutschland (HDE). Heute gebe es noch rund 23.500 kleine Kioske, Trinkhallen, Büdchen. Der Umsatz liege bei geschätzten 7,5 Milliarden Euro. Als Hochburgen der Kiosk-Kultur gelten Berlin und die Großstädte Nordrhein-Westfalens. Aber auch Hannover rühmt sich gern seiner traditionellen Trinkhallen.

Ates sieht im Kiosksterben indes einen fatalen Trend, der ein Kulturgut bedroht. „Es würde reichen, wenn die Industrie den Händlern mehr Marge einräumen und die Politik den Kleingewerben einen kleinen steuerlichen Vorteil gegenüber den großen Supermärkten einräumen würde“, meint er.

Ates richtet aber auch einen Appell an die Kunden. Zeitschriften zum Beispiel brauche man doch nicht beim Discounter kaufen. Dafür zielgerichtet in den Zeitschriftenladen zu gehen, stütze auch die Kiosk-Kultur. Es sei ja nicht selbstverständlich, dass solche kleinen Läden auch in Zukunft noch für den kleinen Einkauf existierten.

Das sagt ein Urgestein der Lehrter Kiosk-Landschaft

Mit einem Kiosk heute noch ausreichend Gewinn zu machen, ist schwierig. Das bestätigt auch Peter Düe, der sozusagen ein Urgestein der Lehrter Kiosk-Kultur ist. Seit 1992 betreibt er seinen Laden an der Großen Moorstraße – und die Veränderungen in seiner Branche seien enorm, meint Düe.

So habe sich zum Beispiel das Sortiment in einem durchschnittlichen Kiosk stark verändert. Lebensmittel seien nicht mehr gefragt, dafür werde das Sortiment bei den Tabakwaren immer breiter. Früher habe es nur zwei Preisklassen bei Zigaretten gegeben, heute müsse man fünf vorrätig haben, um die Kundschaft zufrieden zu stellen. Früher habe er noch Brötchen angeboten. Heute könne man damit auch keinen Umsatz mehr machen, weil Bäcker sonntags und Supermärkte früh morgens und spät abends ein preisgünstiges Angebot vorhielten.

Überhaupt seien Discounter und Tankstellen zur großen Konkurrenz der Kioske geworden, meint Düe: „Für uns Kioskbetreiber liegen die Einkaufspreise mitunter sogar über den Verkaufspreisen der Supermärkte. Da können wir nicht mithalten.“

Er selbst hat auf all das bereits reagiert. Früher hatte sein Laden wochentags von 6 bis 22 Uhr geöffnet, jetzt nur noch von 8 bis 19 Uhr – um Personalkosten zu sparen. Und auch Düe sagt, dass es um die Kultur der Trinkhallen und Kioske mittlerweile schlecht bestellt sei.

Von Achim Gückel

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