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Lehrte Bürgermeisterentscheid: Es kommt zur Stichwahl am 16. Juni
Umland Lehrte

Lehrte: Nachlese nach der Bürgermeisterwahl

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00:19 30.05.2019
Sie gehen am 16. Juni in die Stichwahl um das Bürgermeisteramt: Amtsinhaber Klaus Sidortschuk (links) und Herausforderer Frank Prüße. Quelle: Achim Gückel
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Lehrte

Um 21.41 Uhr gibt es im Saal des Ratskellers kurzen, etwas verhaltenen Beifall. Allerdings nur von den Anhängern der SPD und der Grünen in Lehrte. Soeben sind die endgültigen Ergebnisse für den ersten Wahlgang zur Bürgermeisterwahl auf der großen Leinwand am Kopfende des Saales zu sehen. 41,8 Prozent der Stimmen gehen an Klaus Sidortschuk (SPD), 33,2 Prozent für dessen größten Konkurrenten Frank Prüße (CDU), 19,7 Prozent hat der parteilose Oliver Gels geholt, und Thomas Ganskow von der Piratenpartei kommt auf 5,4 Prozent. Der Amtsinhaber, der auch von den Grünen unterstützt wird, liegt also deutlich vorn. Aber die absolute Mehrheit hat er nicht. Am 16. Juni werden daher rund 35.000 Lehrter in einer Stichwahl zwischen Sidortschuk und Prüße endgültig darüber abstimmen, wer ab November für sieben Jahre Chef im Rathaus ist.

Rund 100 Gäste verfolgen die Präsentation der Wahlergebnisse im Ratskellersaal. Quelle: Thomas Böger

Rund dreieinhalb Stunden dauert die Präsentation der Wahlergebnisse im Ratskellersaal. Schon früh am Abend erscheinen dort drei der vier Kandidaten mit Familien, Freunden und Parteigängern. Ganskow stößt erst spät am Abend dazu. Die ganz große Spannung ist aber schon nach der Bekanntgabe der Ergebnisse aus den ersten Wahllokalen gegen 19.15 Uhr raus: Sidortschuk vorn, Prüße mit ihm in der Stichwahl, Gels mit einem für einen parteilosen Bewerber mehr als respektablen Ergebnis. An diesem Bild ändert sich bis in den späten Abend nichts mehr.

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Stichwahl: Am 3. Juni öffnet das Briefwahlbüro

Nach der Wahl ist vor der Wahl – in diesem Fall vor der Stichwahl am Sonntag, 16. Juni. An dem Tag öffnen die Wahllokale von 8 bis 18 Uhr, den jeweiligen Ort finden die Wahlberechtigten auf der Wahlbenachrichtigungskarte. „Sie gilt weiterhin“, sagt Christian Heller, im Rathaus Lehrte für Wahlen zuständig. Wer sie verlegt hat, benötigt den Personalausweis. Damit gleichen die Wahlhelfer dann die Wählerverzeichnisse ab.

Bereits ab Montag, 3. Juni, können die Lehrter ihre Stimme per Briefwahl abgeben. Das Briefwahlbüro im Rathaus öffnet montags, dienstags und mittwochs von 8 bis 16 Uhr, donnerstags von 8 bis 18 Uhr und freitags von 8 bis 13 Uhr.

Nach Aussage Hellers hat die Stadt die Wahlhelfer von vornherein für beide Wahlen eingeplant: „Deshalb gehen wir davon aus, dass wir nicht nachnominieren müssen“, sagt er. bis

Prüße ist am frühen Abend noch sehr optimistisch

Früher am Abend äußert sich Prüße noch sehr optimistisch, gleich im ersten Wahlgang ordentlich vorlegen zu können. Sein Ziel sei es, vor Sidortschuk ins Ziel zu kommen, sagt er. Später weicht sein Optimismus der nüchternen Analyse. Sein Ergebnis sei gar nicht so schlecht. In der Stichwahl würden die Karten neu gemischt. Wem die Wähler der nun ausgeschiedenen Kandidaten Oliver Gels und Thomas Ganskow am 16. Juni die Stimme gäben, sei nun die entscheidende Frage.

Sidortschuk und Prüße haben also die meisten Stimmen gewonnen, ein Sieger der ersten Wahlrunde ist indes auch der parteilose Gels. 4345 Stimmen holt der Polizeibeamte und Vorsitzende der Siedlervereinigung Glück auf, der keinen Parteiapparat hinter sich hat und mit dem einen oder anderen markigen Spruch im Wahlkampf auftrumpfte. In der Kernstadt ist er fast so stark wie Christdemokrat und LSV-Vorsitzender Prüße, in keiner der Lehrter Ortschaften gewinnt Gels weniger als 10 Prozent der Stimmen. Das ist mehr als ein Achtungserfolg.

Gels: Alles über 10 Prozent ist gut

Gegen 18 Uhr hatte er am Wahlabend noch geäußert, dass „alles über 10 Prozent“ für ihn gut sei. Ambitionen, Erster oder Zweiter zu werden habe er sowieso nicht. Doch dann zieht bei ihm ein Effekt, der auch bundesweit zu beobachten ist. Viele Wähler vertrauen eher der Alternative zu SPD oder CDU. Gels’ engagierter Wahlkampf und sein Bekanntheitsgrad, gerade in der Kernstadt, verstärken diesen Effekt noch.

Der parteilose Oliver Gels im Kreise seiner Anhänger. Quelle: Achim Gückel

Später am Abend sagt Gels dann zwei bezeichnende Sätze: Nein, eine Wahlempfehlung für einen der Stichwahlkandidaten werde er nicht abgeben. Aber er sei vor allem gegen Sidortschuk angetreten, nicht gegen Prüße.

Thomas Ganskow von der Piratenpartei (links) ist mit seinem Ergebnis "vollkommen zufrieden“. Neben ihm CDU-Ratsfraktionschef Hans-Joachim Deneke-Jöhrens. Quelle: Thomas Böger

Pirat Thomas Ganskow ist unterdessen nach eigenen Worten „vollkommen zufrieden“ mit der 5 vor dem Komma bei seinem Wahlergebnis. Es sei ihm darum gegangen, neue Ideen nach Lehrte zu bringen und damit das Programm seiner Partei bekannter zu machen, sagt der Mann aus Hannover. Wenn die künftige Politik in Lehrte auch nur einige seiner Anregungen aufnehme, etwa zum Thema Bürgerbeteiligung und Transparenz der politischen Arbeit, sei viel gewonnen.

Sidortschuk: Das ist das erwartete Ergebnis

Sidortschuk indes hält sich am Wahlabend zunächst mit Prognosen und Einschätzungen zurück. Gegen 20 Uhr, als schon die Stimmen aus mehr als zwei Dritteln der Wahllokale ausgezählt sind, gibt es die erste Stellungnahme. „Das ist das erwartete Ergebnis“, sagt der amtierende Bürgermeister. Bei vier Kandidaten sei es schon vorher klar gewesen, dass es keine Stichwahl geben werde. Dem parteilosen Oliver Gels zollt Sidortschuk Respekt: Dieser habe eine „sehr ordentliches Ergebnis“ eingefahren.

Die Wahlbeteiligung in Lehrte liegt für die erste Runde der Bürgermeisterwahl bei 63,9 Prozent. Das sind fast 10 Prozentpunkte mehr als bei Sidortschuks erstem Wahlsieg vor acht Jahren.

Der Kommentar: Es bleibt ein Thriller

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein triumphaler Sieg. Fast 9 Prozentpunkte liegt Klaus Sidortschuk vor seinem Herausforderer Frank Prüße von der CDU. Das ist stattlich, mit solch einem großen Abstand haben nur wenige gerechnet. Und das darf der Sozialdemokrat als eine große Wertschätzung seiner Arbeit ansehen. Die Streitthemen der vergangenen Zeit – etwa das geplante Aldi-Logistikzentrum bei Aligse, die Pannen beim Ausbau der Backhausstraße in Ahlten oder die Kontroversen um den Neubau des Gymnasiums – haben ihm nur punktuell geschadet. Aber das Genick gebrochen haben sie Sidortschuk nicht. Er muss also im Rathaus allerhand richtig gemacht haben.

Trotzdem hat der Erfolg des Amtsinhabers im ersten Wahlgang etwas Trügerisches. Denn bis zur absoluten Mehrheit, die in der Stichwahl gegen Prüße nun nötig ist, fehlen ihm ebenfalls fast neun Prozentpunkte. Die entscheidende Frage lautet nun: Was machen jene 25 Prozent der Wähler, die am Sonntag dem parteilosen Oliver Gels und dem Piraten Thomas Ganskow ihre Stimme gegeben haben? Bleiben die am 16. Juni daheim? Schwenken sie auf einen anderen Bewerber um? Und wer hat dann einen Vorteil?

Gels gibt keine echte Wahlempfehlung ab. Der Mann trägt sein Herz aber auf der Zunge, und er hat im Wahlkampf oft betont, dass seine Kandidatur eine Anti-Sidortschuk-Kandidatur ist. Der Parteilose hat mit dieser Marschroute und knackigen Thesen zu seiner (negativen) Sicht auf die aktuelle Lehrter Rathausarbeit sensationelle 20 Prozent der Stimmen geholt. Das dürfte Sidortschuk am Sonntagabend einen großen Schrecken eingejagt haben – und das ist ein Vorteil für Herausforderer Frank Prüße. Sidortschuks Wiederwahl ist noch längst nicht in trockenen Tüchern. Der Thriller „Bürgermeisterwahl in Lehrte“ geht in Phase 2.

Von Achim Gückel