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Umland Lehrte Nachrichten Ein vehementes Nein zum Aldi-Logistikzentrum
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00:16 21.08.2017
Von Achim Gückel
Das Schützenhaus ist rappelvoll: Rund 200 Bürger hören sich die Argumente gegen die Ansiedlung des Aldi-Logistikzentrums bei Aligse an.
Das Schützenhaus ist rappelvoll: Rund 200 Bürger hören sich die Argumente gegen die Ansiedlung des Aldi-Logistikzentrums bei Aligse an. Quelle: Achim Gückel
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Aligse

Kein Sitzplatz war mehr frei. Sogar vor der Tür drängten sich Bürger, die sich die Argumente der erst vor wenigen Wochen gegründeten "Drei-Dörfer-Initiative gegen die Aldi-Industrieansiedlung" anhören wollten. Deren Sprecherin Doris Rohjans erläuterte zunächst, dass man nun schon mehr als 800 Unterschriften aus Aligse, Röddensen und Kolshorn gegen das Aldi-Logistiklager beisammen habe. Und sie nahm das Fazit des Abends gleich vorweg. Das bis zu 80.000 Quadratmeter große Bauwerk, das Aldi auf der Ackerfläche südwestlich vom Dorf zu bauen beabsichtigt, werde "Auswirkungen auf Generationen" haben. "In der Sache gibt es keinen Kompromiss. Wir sagen Nein", sagte Rohjans.

Die Bürgerinitiative stützt sich in ihren Argumentationen insbesondere auf die Ausarbeitungen von Otto Lüders. Er hatte unter anderem die Gutachten, die Aldi Nord zum Bau des Logistiklagers vorgelegt hatte, kritisch geprüft. Sein Fazit: "Ich gaube, da ist vieles geschönt." Auch Lehrtes Kommunalpolitiker sowie die Stadtverwaltung nahm sich Lüders vor. Diese hätten die Angaben von Aldi bislang ohne ernsthafte Prüfung geglaubt, nicht ausreichend hinterfragt und seien zum Teil "Milchmädchenrechnungen" aufgesessen.

In seinen Ausführungen beleuchtete Lüders insbesondere die zwei Hauptargumente, die in Lehrtes Kommunalpolitik bisher als großes Plus für die Ansiedlung des Aldi-Logistiklagers gelten: Der Erhalt von Arbeitsplätzen sowie die Sicherung von Gewerbesteuereinnahmen. In der Tat sei es aber so, dass Aldi mit dem neuen Logistiklager Arbeitsplätze einsparen wolle, behauptete Lüders. Es gehe darum, ähnliche Zentren in Salzgitter und Rinteln zu schließen und die Arbeiten in Aligse zusammenzufassen. Außerdem sollen Lastwagen effizienter eingesetzt werden: Das wiederum sorge dafür, dass mehr Lastverkehr als von Aldi bisher prognostiziert in das geplante Logistikzentrum rollen werde. Lüders sprach von "realistisch 1800 Fahrzeugbewegeungen am Tag". Aldi hatte in seinem Gutachten etwa ein Viertel davon vorausgesagt.

Lüders, der nach eigenen Angaben beruflich viel mit Investitionsmodellen für mittelständische Betriebe zu tun hat, rechnete auch vor, wie Aldi nach dem Bau des neuen Logistikzentrums die Einnahmen kleinhalten könne. Und zwar mit der Hilfe von Abschreibungen auf die Investitionen für den Neubau, für den der Aligser geschätzte Kosten von 200 Millionen Euro aufrief. "Da bleibt für Gewerbesteuer nichts mehr übrig. Aldi wird so gut wie keinen Pfennig an die Stadt bezahlen", sagte Lüders voraus und schob hinterher, er garantiere, dass er bei seinen Berechnugnen mit realistischen Zahlen gearbeitet habe. Wieso verlange also die Stadt Lehrte nicht, dass Aldi Prognosen zur Gewerbesteuer vorlege.

Der Referent bemängelte außerdem, dass es keine Aussagen dazu gebe, was mit dem Logistikzentrum geschehe, wenn es in vielleicht 30 Jahren nicht mehr gebraucht werde. Dann habe man eine Industireruine vor der Tür. Außerdem sprach er von "vier Jahren ohne Lärmschutz und mit ungalublichen Erdbewegungen" während der Bauphase sowie Lärmspitzen durch den Betrieb des Logistikzentrums und die rangierenden Lastwagen. Letztlich gebe es also kein einziges ernsthaftes Argument, dass für das Aldi-Logistikzentrum spreche, aber sehr viele dagegen meinte Lüders abschließend und erntete dafür donnernden Applaus.

Nun gehe es darum, Druck auf die Entscheider im Rat auszuüben, die möglicherweise mit der Aldi-Thematik bisher zu blauäugig umgegangen seien, waren sich die Besucher der Bürgerversammlung einig. Man müsse versuchen, die "Meinung der Mehrheit umzudrehen", betonte Lüders. Im Falle eines Misserfolgs der Bürgerinitiative kündigte der Rechtsanwalt bereits an, möglicherweise schweres Geschütz aufzufahren - ein Normenkontrollverfahren.

Das sagen die Bürger

Erstmals hatte Aldi seine Pläne für das Logistikzentrum im März 2016 im Ortsrat vorgestellt. Damals blieb der Aufschrei in der Bevölkerung aus. Umso lauter ist er jetzt. Aligses Ortsbürgermeister Frank Seger sagte gleich zu Beginn der Bürgerversammlung, Aldi wolle „ein riesiges Industriegebiet aus der Erde zu stampfen“. Und er sei verpflichtet, Schaden von seinem Dorf abzuwenden. „Dieses Ding passt hier einfach nicht hin“, sagte Seger. Ein anderer Redner bezeichneten die von Aldi vorgelegten Gutachten zu Lärm und Lastverkehr als „Schrott“. Man müsse die Frage stellen, wer da bisher alles in Stadtverwaltung und Politik gepennt habe. Ein weiterer Gast betonte, die Wohnqualität in Aligse werde durch Gewerbeansiedlungen und Verkehr schon seit Jahren schlechter. Man fühle sich mittlerweile nicht mehr wohl im Dorf und es gebe schon solche Aussagen wie diese: „Wenn Aldi kommt, dann ziehe ich hier weg.“

Das sagen Kommunalpolitker

Bei der Bürgerversammlung in Aligse haben sich auch zwei Lehrter Ratsherren zu Wort gemeldet. Ekkehard Bock-Wegener (SDP) betonte, dass es sich bei der Erstellung des Bebauungsplans für das Aldi-Logistikzentrum um ein laufendes Verfahren handele. In der Tat wird über den Bebauungsplan voraussichtlich erst im November endgültig entschieden. Bis dahin reden Ortsrat und Fachausschüsse noch über das Thema. Die Stadtverwaltung muss bis dahin die offiziell vom Otto Lüders eingebrachten Einwendugnen bewerten und zur Beratung aufarbeiten. Christoph Lokotsch (Die Linke) nannte die Argumente der Aldi-Gegner bereits „stichhaltig“ und mutmaßte, dass Stadt und Politik in der Angelegenheit bisher „wohl Einiges versäumt“ hätten. Viele Argumente der Aldi-Gegner verstärkten in ihm den Eindruck, Lehrtes Politik habe mit seinem bisherigen ja zum Logistikzentrum „einen Schritt in die falsche Richtung gemacht“. 

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