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Nachrichten Aldi-Pläne: Schwere Vorwürfe im Ortsrat Aligse
Umland Lehrte Nachrichten Aldi-Pläne: Schwere Vorwürfe im Ortsrat Aligse
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00:18 28.10.2017
Von Achim Gückel
Das Thema "Aldi-Logistikzentrum" bringt die Aligser auf die Palme: Nahezu 100 Gäste drängen sich im Saal des Landgasthauses, um der Ortsratssitzung beizuwohnen.
Das Thema "Aldi-Logistikzentrum" bringt die Aligser auf die Palme: Nahezu 100 Gäste drängen sich im Saal des Landgasthauses, um der Ortsratssitzung beizuwohnen. Quelle: Achim Gückel
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Aligse

In Aligse hat sich ganz offensichtlich ein grundsätzliches Misstrauen gegen den Ortsrat, Lehrtes Stadtverwaltung und alle in Sachen Aldi-Logistiklager Handelnden ausgebreitet. "Mir kommt es so vor, als arbeite der Ortsrat hier gegen die Bürger", warf ein Besucher der Sitzung am Dienstag den Dorfpolitikern vor. Man müsse doch nicht "alles tun, um das Dorf kaputt zu machen", sagte ein anderer Gast. Warum der Ortsrat nicht schon längst Nein zum Logistikzentrum gesagt habe, wollte eine Besucherin wissen und warum der Ortsrat eigentlich nie die Bürger selbst gefragt habe, ob sie das Logistikzentrum südlich des Dorfes überhaupt haben wollen. Andere Aligser wollten von den Mandatsträgern nun endlich hören, dass sie gegen Aldi seien. Und als schließlich Andeutungen zu hören waren, die Freizeitpolitiker seien womöglich von Aldi "gekauft", drohte die Sitzung kurzzeitig aus dem Ruder zu laufen.

Gegen diese Unterstellung wehrte sich unter anderem Bodo Wiechmann (SPD) mit deutlichen Worten. Der SPD-Fraktionschef im Rat der Stadt, einer der einflussreichsten Männer in der Lehrter Politik, ist beigeordnetes Mitglied im Ortsrat Aligse. "Ich versuche, hier ruhig zu bleiben, aber das fällt mir zunehmend schwer", sagte er und bat die Besucher, respektvoll mit dem Ortsrat umzugehen. Im Übrigen habe sich die Politik in der Frage nach der Aldi-Ansiedlung noch nicht entschieden. Die Sache werde weiter ernsthaft diskutiert, sobald die Stadtverwaltung die neuen Vorlagen zum Beratungsverfahren vorlege. Das werde in wenigen Wochen sein.

In dieselbe Kerbe schlug auch Martin Schiweck (CDU). Er gab zu, dass der Ortsrat im Frühjahr der Änderung des Flächennutzungsplans grundsätzlich und mit breiter Mehrheit zugestimmt habe. Seither habe es im Verfahren "nichts Neues" gegeben. Man warte nun auf die Bewertungen aus dem Rathaus, um diese neu zu diskutieren. Diese beziehen sich unter anderem auf die Fragen nach Lärmemissionen, Flächenversiegelung, Verkehrsaufkommen und Wasserwirtschaft.

Fotostrecke Lehrte: Aldi-Pläne: Schwere Vorwürfe im Ortsrat

Schiweck und Wiechmann erinnerten die Bürger auch daran, dass das Verfahren zum Aldi-Logistikzentrum schon im Sommer 2016 begonnen und stets transparent geführt worden sei. Bis zur Zustimmung zum F-Plan im Frühjahr habe es aber aus der Bürgerschaft "gar keinen Gegenwind und keinen Widerstand" gegeben. Es habe also keinen Grund für die Politik gegeben, Nein zu sagen.

Vertreter des neu gegründeten Vereins, der sich gegen das Logistikzentrum wendet, stellten indes erneut Fragen nach der Glaubwürdigkeit von Verkehrsgutachten und der vorherigen Prüfung nach alternativen Standorten. Neues gab es zu diesen Themenkomplexen nicht. Wiechmann erinnerte aber daran, dass Aldi mit einem durchschnittlichen Aufkommen von 640.000 Euro im Jahr zu den Top Ten der Lehrter Gewerbesteuerzahler gehöre und etwa 180 Arbeitsplätze in der Stadt halte. Ohne die Einnahmen von Aldi werde Lehrte sehr schnell ein Konsolidierungsprogramm auflegen und an vielen Stellen die Ausgaben kürzen müssen. "Das ist eine Abwägung wert", sagte er.

Fünf Ortsratsmitglieder lehnen Filmaufnahmen ab

Die heftige Auseinandersetzung um das Aldi-Logistikzentrum wird demnächst zum Gegenstand der Berichterstattung im NDR. Am Dienstag hielt sich ein dreiköpfiges Filmteam in dem Dorf auf, um für einen Beitrag in der Magazinsendung „Markt mischt sich ein“ Material zu sammeln. Es baute am Abend seine Ausrüstung auch im Saal des Landgasthauses auf, wo der Ortsrat tagte.

Aus den Originaltönen von den Dorfpolitikern wurde jedoch nichts. Fünf Ortsratsmitglieder hatten zuvor schriftlich verfügt, dass keine Filmaufnahmen von ihnen gemacht werden dürfen. „Wir wollen das nicht“, sagte Martin Schiweck (CDU) kategorisch, und auch Bodo Wiechmann, Fraktionschef der SPD im Rat, machte von seinem Recht auf Selbstbestimmung in Sachen TV-Aufnahmen Gebrauch – ebenso wie drei Vertreter der Stadtverwaltung, die der Sitzung beiwohnten. Hendrik Thiele (CDU) sprach von einem "persönlichen Recht", Filmaufnahmen abzulehnen. Und das sei in jedem Fall zu respektieren.

Einige Besucher der Sitzung sprachen daraufhin von einem „Skandal“ sowie von Heimlichtuerei und Kungelei. Es sei „ganz schlimm, was hier passiert“, sagte einer. Das Filmteam drehte schließlich nur einige Sequenzen mit Besuchern und trollte sich dann. Am Nachmittag hatte es bereits Filmaufnahmen mit den Gegnern des geplanten Logistikzentrums gemacht – und zwar direkt an dem avisierten Baugelände. Rund 70 Menschen aus drei Generationen seien dorthin gekommen, sagt Doris Rohjans von der Bürgerinitiative. Das NDR-Team habe Interviews mit Bürgern geführt und sei dafür auch bei einer Familie zu Hause gewesen.

Auch ein Gespräch mit Lehrtes Bürgermeister Klaus Sidortschuk werden die Fernsehleute noch führen. Einen Termin dafür gibt es aber noch nicht, sagt Stadtsprecherin Nele Domin. Ebenso unklar ist laut Rohjans auch noch der Sendetermin für den Fernsehbeitrag.

Achim Gückel 25.10.2017
Achim Gückel 28.10.2017
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