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Sicherheit Wenn die Angst größer ist als die Gefahr
Umland Lehrte Themen Sicherheit Wenn die Angst größer ist als die Gefahr
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14:40 12.04.2013
Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitus (KFN), spricht mit Esther Kathmann über die Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden. Quelle: Archiv (dpa)
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Lehrte

Wir haben unsere Leser in Lehrte und Sehnde kürzlich befragt, welche Gefahren sie in ihrer Nachbarschaft sehen. 71 Prozent fürchten sich vor Einbrüchen. Überrascht Sie das?

Nein, überhaupt nicht. In einer großangelegten Studie beschäftigt sich unser Institut gerade mit diesem Thema. Wir werden das noch weiter intensivieren. Das habe ich gerade mit Boris Pistorius, dem designierten Innenminister Niedersachsens, besprochen. Er will bei dieser Thematik einen Schwerpunkt setzen.
 

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Warum zu diesem Zeitpunkt?

Das Thema ist hochaktuell: Wir haben in Deutschland einen steilen Anstieg der Einbruchszahlen von 2011 zu 2012. Im Widerspruch dazu steht, dass in Deutschland von 100 Einbrüchen im Durchschnitt zurzeit nur zwei aufgeklärt werden. Die Anzahl der eingestellten Verfahren ist erschreckend hoch.

Und wie soll eine wissenschaftliche Studie daran etwas ändern?

Wir schauen uns an, wieso in einigen Gebieten die Polizei nur wenige Fälle aufklärt und in anderen die Quote bei 40 Prozent liegt. Wir wollen untersuchen, woran es lag, wenn Einbrüche scheiterten. Wie waren die Wohnungen zum Beispiel gesichert? Und wir wollen 3000 Einbruchsopfer aus deutschen Großstädten befragen. Das alles sind Werte, aus denen man für die Zukunft lernen kann.

Wieso fürchten sich die Menschen so sehr vor Einbrüchen?

Diese Angst ist doch leicht nachvollziehbar. Das eigene Zuhause ist das Allerheiligste. Der Rückzugsort. Die Einbrecher nehmen den Menschen das Gefühl der Geborgenheit. Die Folgen sind massiv: Viele finden keine Ruhe mehr in ihren eigenen vier Wänden, jedes fünfte Einbruchsopfer zieht um.

Es gibt aber auch die, die aus lauter Angst ihre Wohnung gar nicht mehr verlassen ...

Ja, die gibt es auch. Das sind dann weniger Einbruchsopfer, sondern vielmehr Menschen, die eine übertriebene Furcht entwickelt haben. Ihre Ängste stehen dann in keinem Verhältnis mehr zu den Bedrohungen, die tatsächlich bestehen.

Wen trifft das?

Häufig sind es ältere Menschen, vor allem, wenn sie allein leben. Kontakt zu anderen Menschen hilft, Ängste realistischer einzuschätzen. Gefährdet sind auch die, die viel fernsehen, vor allem Privatsender.

Wie bitte? Wenn ich jeden Abend einen Krimi schaue, habe ich auch mehr Angst?

Im gewissen Sinne schon. Fernsehkonsum hat einen Einfluss darauf, wie Sie Ihre Umgebung einschätzen, für wie wahrscheinlich Sie zum Beispiel einen Überfall halten. Die öffentlich-rechtlichen Sender dämonisieren die Gewalt dabei nicht ganz so massiv wie die Privatsender.

Und das hat tatsächlich Auswirkungen auf mein persönliches Sicherheitsempfinden?

Ja, nicht nur auf Ihres. Zum Beispiel haben die Menschen eine sehr große Angst vor Sexualmorden an Kindern. Anfang der siebziger Jahre waren es fast 20 solcher Morde pro Jahr in Deutschland. Was denken Sie, wie viele es heute sind?

Sie haben mir ja schon verraten, dass mein Fernsehkonsum meine Einschätzung verfälscht. Spontan hätte ich sicher mindestens genauso viel getippt.

Sehen Sie: Die Zahl der Morde ist tatsächlich aber deutlich zurückgegangen. In den vergangenen Jahren waren es pro Jahr etwa vier Fälle. Schaut man sich an, wie viel Sendezeit diesem Thema im Fernsehen gewidmet wird, müsste man davon ausgehen, dass sich die Morde verdoppelt haben.

Also weniger fernsehen ...

Besonders ältere Menschen, die allein leben, sollten ein bisschen weniger fernsehen und stattdessen unter Menschen gehen.

Das ist nicht immer einfach. Nicht jeder ist mobil.

Richtig. Darum ist es auch eine Herausforderung der nächsten Jahre, Wohnformen zu entwickeln, die Isolation vermeiden.

Das KFN – ein Kurzporträt

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) erforscht seit mehr als 30 Jahren als unabhängige Einrichtung Verbrechen. Dort arbeiten vor allem Juristen, Psychologen, Soziologen, Pädagogen und Medienwissenschaftler. Zuletzt war es in den Schlagzeilen, weil die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche bei einer Studie zum Missbrauch durch Geistliche nach anderthalb Jahren scheiterte.