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Neustadt Ist das zeitgemäß? Leser diskutieren über Baumfällungen an der Weißen Düne
Umland Neustadt

Neustadt: Leser diskutieren über Baumfällungen an der Weißen Düne in Mardorf

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14:09 11.11.2020
Nahe dem Spielplatz am Badestrand stehen die Überreste von zwei gefällten Kiefern, deren Wurzeln weit aus dem Boden ragen. Quelle: Kathrin Götze
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Mardorf

Zum Artikel „200 weitere Bäume in Mardorf fallen für den Naturschutz“ erreichten uns mehrere Zuschriften:

Artenschutz hätte es besser getroffen

Mochte die Schlagzeile für so manchen Bürger und so manche Bürgerin auch schmerzlich oder gar widersprüchlich klingen: Will man für bestimmte Lebensraumspezialisten etwas erreichen, so sind die Maßnahmen notwendig und richtig. Insbesondere südexponierte und vegetationsarme Flächen sind in der Landschaft zur Rarität geworden und mit ihnen die Tier- und Pflanzenarten, die darauf angewiesen sind. Nährstoffreiche Böden, wie sie durch Düngung, ungestörte Sukzession und Einträge aus der Luft entstehen, dominieren inzwischen das Landschaftsbild.

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Dadurch schließt sich die Vegetationsdecke, der Boden wird durchwurzelt, beschattet, durchfeuchtet und zunehmend humos. Und dies bedeutet das Aus für alle Sandlaufkäfer, viele Weg- und Grabwespen, Sandbienen, Eidechsen und Co. Ergibt sich wie in Mardorf die Möglichkeit, diesen Verdrängungsprozess zumindest kleinflächig umzukehren, so sollte man dies unbedingt tun. Schwierig dabei ist einzig die Verwendung des Begriffs Naturschutz, weil der Terminus „Natur“ selbst nicht widerspruchsfrei zu definieren ist.

Mit „Artenschutz“ beziehungsweise „Förderung bedrohter Arten“ liegt man hier eindeutig näher am Kern des Vorhabens. Trifft dieses auf Unverständnis einiger Meer-Anlieger, die ihre Privatbäume nun aber nicht fällen dürfen, so muss man noch einmal den Unterschied der Ziele in den Fokus rücken: Es geht eben nicht um die Beseitigung „lästiger Laublieferanten“, sondern um die versuchsweise Wiederherstellung eines vom Aussterben bedrohten Lebensraumes.

Behrend Andreeßen (Diplom-Biologe), Wunstorf

Westlich vom Ausflugslokal Weiße Düne liegen die Fällarbeiten schon länger zurück. Quelle: Kathrin Götze

Naturschutz mit der Motorsäge?

Ein Renaturierungsprojekt hinsichtlich Ansiedlung geschützter Arten unter der Prämisse des Naturschutzes mittels Zerstörung eines Lebensraumes von vielen Tieren mithilfe von Motorsäge und Laubsauger durchzusetzen, ist erschütternd und der Natur unwürdig. Ohnehin scheinen nicht alle indirekt in dieses Projekt zu Involvierenden davon überhaupt Kenntnis genommen haben.

Zweifelsohne ist die Ansiedlung geschützter Arten wichtig geworden in heutiger Zeit, aber nicht um jeden Preis und auch nicht durch Zuhilfenahme der Zerstörung von Lebensraum Pflanze und Tier. Hier wird Vogel, Eichhörnchen, Igel und Insekt, das dort beheimatet ist, vertrieben oder gar getötet. Und das in einer Zeit, wo man doch eigentlich um jede Tierart besorgt sein muss.

Im Zuge des Klimawandels besonders auf die Pflanzen zu achten, die diesem entgegentreten können, ist wichtig. Baumwuchs hat eine besondere Priorität. Ohnehin wird eine Renaturierung zum Erreichen alter Zeiten nicht das Gewünschte bringen. Dazu sind klimatische Veränderungen eher negativen Einflusses.

Auch hinsichtlich der anscheinend relativ uninformierten Bevölkerung ist hier ein Manko auszusprechen. Viele Wochenendhausbesitzer haben sich dort ein kleines Paradies geschaffen, Feriengäste nutzen die baumbestandenen Flächen mit Tieren und Pflanzen. Informiert wurden nur wenige. Die Motorsäge soll dem Naturschutz Genüge tun.

Durch die Zerstörung von Leben Neues zu erschaffen, ist wohl nicht im Sinne von Tier- und Naturschutz. Altes Leben durch neues zu ersetzen zu wollen, ist einfach nur absurd.

Birgit Nink, Steinhude

Nahe dem Surfstrand am Nordufer sind etliche Bäume zum Fällen markiert, darunter diese Birke. Quelle: Kathrin Götze

Auch einzigartige Naturdenkmäler werden zerstört

Diese Zerstörung von 200 kräftigen, großen alten Bäumen durch die Region ist allein deswegen schon ein Skandal weil wir in diesen Zeiten des Klimawandels jeden einzelnen Baum benötigen, um das CO2 zu binden. Das umso mehr, als dabei auch wertvolle, einzigartige Naturdenkmäler zerstört werden, wie die auf Luftwurzeln stehenden Kiefern, bei denen der Baum auf etwa einen Meter hoch aufragenden Wurzeln steht und erst darüber der eigentlich Stamm des Baumes beginnt.

Scheinbar hat selbst die Region immerhin erkannt, dass das wohl etwas ganz Besonderes ist und hat diese Bäume in der Nähe des Spielplatzes in circa einem Meter Höhe absägen lassen. So stehen dann diese Wurzeln, die mit ihrer einzigartigen Reaktion das Absinken des Sandbodens überlebt haben ohne Baum karg in der Landschaft. Ein trauriges Bild.

Weiterhin scheint diese „Naturschutzbehörde“ auch noch nichts davon gehört zu haben, dass die Stürme stärker werden. Diesen Stürmen fallen dann regelmäßig die wenigen verbliebenen Bäume zum Opfer, die als freistehende Solitäre ohne die umgebenden Bäume schutzlos den Gewalten ausgeliefert sind. Das alles um einen Dünencharakter aus den Fünfzigerjahren wiederherzustellen.

Darum mussten auch in der vergangenen Saison Dutzende von Erlen am Wasser weichen, weil sie den „Makel“ hatten, nicht in den Fünfzigerjahren gepflanzt worden zu sein. Später sollen dann hier Zauneidechsen, Schlingnattern, Kreuzkröten und Bienenwölfe sich wohlfühlen.

Ist das nicht sehr naiv, dass sich diese Tiere ansiedeln sollen auf einem teilweise nur 50 Meter breiten Streifen zwischen Hunderten von Badegästen, Surfern und Beachpartys? Will man dann vielleicht auch noch das Baden und Surfen verbieten, den Rad/Wanderweg sperren und die Häuser abreißen, damit die Tiere endlich ungestört sind? Wäre es dann nicht vielleicht klüger gewesen, diese Dünenlandschaften auf den Sandhügeln etwa 400 Meter nördlich am Rande des Moores einzurichten?

Dieser ganze Unsinn hat bisher bereits neben den Schäden an der gewachsenen Natur 240.000 Euro gekostet. Damit hätte man bequem alle Obdachlosen der Region durch den Winter bringen können. Es wird Zeit, diesen Unsinn zu stoppen.

Hans-Georg Tillmann, Mardorf

Ökorassismus? Kriterien sind fragwürdig

Dank selbst geschaffener EU-finanzierter Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen von Frau Papenfuß und ihren Mitarbeitenden wird hier ein Beispiel von „Ökorassismus“ deutlich! Wer entscheidet eigentlich, nach welchen Kriterien welche Art von Vegetation aus welchem Zeitalter schützenswert ist und rücksichtslos wiederhergestellt werden „muss“?

Niemand käme auf die Idee, das größte zusammenhängende Buchen- und Eibenwaldgebiet Norddeutschlands, das dem Feuerholzbedarf der Lüneburger „Salzmafia“ zum Opfer gefallen ist, (die Lüneburger Heide) wieder aufzuforsten! Warum eigentlich nicht? Die bereits „renaturierten“ Dünen-Bereiche sind ein Trauerspiel! Von dem auf schönen Schautafeln Beschriebenen ist so gut wie nichts entstanden. Im Übrigen hatte ich mir von den paar Quadratmetern angepflanzter Heide die botanischen Namen notiert. Herkunft und Ausbreitungsgebiet: südosteuropäische Bergwelt, sonst hätten die Pflanzen auf dem Südhang einer Sanddüne ja auch keine Überlebens-Chance. Was besonders ins Auge fällt, sind die neuen Pionierpflanzen, die das unwirtliche Terrain zu erobern suchen und für lange Zeit durch menschliche Arbeitskraft daran gehindert werden müssen.

Das Ganze zu stoppen wird wohl kaum gelingen, zuviel „wissenschaftlicher Background“ wurde darüber bereits verfasst!

Franz H. Möbius, Mardorf

Von Leserbriefe