Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Neustadt Senioren-WG in Lutter soll weiter wachsen
Umland Neustadt

Neustadt: Senioren-WG in Lutter soll weiter wachsen

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:43 22.12.2019
Carolina Springer (Dritte von rechts) nimmt mit den Bewohnern der Senioren-Wohngemeinschaft am Esstisch Platz. Quelle: Kathrin Götze
Lutter

Ilse macht Ärger. „Das sind alles meine Sachen“, schimpft die 91-Jährige, weist auf Stühle und Bänke, die in der geräumigen Diele des ehemaligen Bauernhofs in Lutter stehen. Die Mitbewohnerinnen, die eben noch friedlich mit ihr am Ofen saßen, flüchten in die Küche. „Setzt euch hier hin“, sagt Carolina Springer freundlich. Zu Ilse, die weiter vor sich her motzt, wird sie resoluter: „Darüber diskutieren wir nicht. Nun beruhige dich wieder.“

In der geräumigen Diele ist der Ofen eingeheizt. Quelle: Kathrin Götze

Wohngemeinschaft ist von Mandelsloh umgezogen

Auf dem früheren Hof Dudenbostel am Bäckerweg hat die examinierte Altenpflegerin Springer vor zwei Jahren ihr Senioren-Wohnprojekt in Betrieb genommen. Zuvor war die WG in Mandelsloh untergebracht – nun kann sie wachsen. Springers Anspruch ist es, dass die betagten Bewohner auch bleiben können, wenn sie schwer pflegebedürftig werden. Die Wohngemeinschaft mit sieben Plätzen gilt rechtlich nicht als Seniorenheim, sondern als eine rein private besondere Wohnform.

Einige der derzeit sieben Bewohner sind dement, bei der Pflege bekommt Springer Unterstützung einer Pflegehelferin. Die Kollegin nimmt den Arbeitsweg aus Rethem im Heidekreis gern in Kauf. „Hier habe ich endlich mal Zeit, mich richtig um die alten Leute zu kümmern“, sagt sie. Zuvor habe sie bei einem mobilen Pflegedienst gearbeitet und bis zu 38 Patienten pro Tag versorgen müssen. „Das war nicht das, was ich mir vorgestellt habe.“

Geruhsames Leben auf dem alten Bauernhof

Da geht es in der WG deutlich gemütlicher zu. Die Bewohner bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit, manche können noch im Haushalt helfen oder Besorgungen selbst erledigen, andere müssen rundum versorgt werden. Zum Essen kommen sie am großen Tisch in der Küche zusammen. Springer kocht Hausmannskost. „Da hat sich noch keiner beschwert“, sagt sie. Im Gegenteil: Oswald und Ingeborg Henschel sind erst kürzlich eingezogen, sie bewohnen gemeinsam ein großzügiges Doppelzimmer mit Aussichtsfenster. „Wir haben das große Los gezogen, als wir Frau Springer kennengelernt haben“, sagt der Ehemann zufrieden. Besonders praktisch für das Paar aus dem Ruhrgebiet, das viele Jahre in Neustadt gelebt hat: Ein paar Häuser weiter wohnt eine Enkeltochter.

Ingeborg und Oswald Henschel sind zufrieden mit dem Leben in der Senioren-Wohngemeinschaft. Quelle: Kathrin Götze

Platz reicht auch für Pferde, Hunde, Katzen und Hühner

Ein echtes Landidyll ist der Hof, auf dem auch Springers Pferde Saika und Murphy leben, außerdem die Hunde Sammy, Ben und Lucky, mehrere Katzen und eine kleine Horde Hühner, die ihren Beitrag zum täglichen Frühstück leisten. Miete, Kochen, Reinigung – all das ist im Wohnpreis von rund 900 Euro enthalten. „Für die Pflegeleistungen zahlt die Kasse, genauso viel wie bei pflegenden Angehörigen auch“, berichtet Springer. Sie wolle keine Reichtümer erwirtschaften, nur sich und den Bewohnern ein angenehmes Leben ermöglichen. Auch für Möbel und Einrichtungsgegenstände der Bewohner reicht der Platz, ebenso wie für ein Pflegebad zu jedem der Zimmer.

Auch Pferde und Hühner leben mit auf dem Hof. Quelle: Kathrin Götze

Betreiberin will Behinderten-Wohngruppen aufbauen

Nun denkt WG-Leiterin Springer an die Zukunft: Auch ihr erwachsener Sohn wohnt auf dem Hof. Er ist Autist, spricht nicht und kann nicht allein leben. Die 59-Jährige macht sich Gedanken, wie seine Zukunft aussehen soll. Das führt zu neuen Plänen: In den Hofgebäuden wäre noch Platz für zwei weitere Wohngruppen, in denen bis zu 16 behinderte Erwachsene unterkommen könnten. „Es gibt doch bestimmt viele Eltern, die nicht wissen, wie es für ihre behinderten Kinder weitergeht, wenn sie sich nicht mehr selbst um sie kümmern können“, sagt Springer. Auch eine Halle für tiergestützte Therapieformen stehe zur Verfügung.

Investoren und Pflegedienstleitung gesucht

Mit ihrem Pflegemodell könne sie deutlich preisgünstiger wirtschaften als etwa Heime, die schon räumlich hohe Auflagen erfüllen müssen, meint Springer. Allerdings müsse sie zunächst auf dem Hof investieren: 2,5 Millionen Euro würden die erforderlichen Umbauten für Wohngruppen auf zwei Etagen verschlingen. „Wir könnten der Gesellschaft aber rund 800.000 Euro Pflegekosten im Jahr ersparen“, rechnet sie vor. Sie hoffe nun auf Spenden oder Hilfe bei den Investitionen.

Carolina Springer will ihr Wohnprojekt in Lutter vergrößern. Die Pläne für zwei Behinderten-Wohngruppen hängen auf dem Hof aus. Quelle: Kathrin Götze

Springer will zudem eine Pflegedienstleitung einstellen. Denn das sei Voraussetzung, um Fördergeld für die neuen Räume zu bekommen. „Eine Interessentin habe ich schon gesprochen, aber die konnte sich nicht vorstellen, mit Behinderten zu arbeiten“, sagt Springer.

Lesen Sie auch

Von Kathrin Götze

Totholz aus Baumkronen soll in ehemaligen Kiesseen die Uferstruktur für Kleinlebewesen verbessern. Der Angelsportverein Neustadt erläutert in der Wedemark jetzt auf Infotafeln, worum es bei dem Großprojekt geht.

25.11.2019

Am Aktionstag gegen Gewalt an Frauen am 25. November hat die Frauenberatungsstelle in Neustadt auf eine hohe Betroffenheit auch im Neustädter Land hingewiesen. 170 Fälle haben die Beraterinnen im vergangenen Jahr behandelt.

25.11.2019

Bei der großen Dienstbesprechung der Regionsfeuerwehr am Wochenende ist auch ein Neustädter befördert worden: Martin Höflich, stellvertretender Brandschutzabschnittsleiter, darf sich jetzt Erster Hauptbrandmeister nennen.

25.11.2019