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Neustadt Vesbecker Schweine liefern Wurst und schöne Erlebnisse
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Neustadt: Vesbecker Schweine liefern Wurst und Erfahrungen

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18:00 29.11.2019
Vesbecks Angler Sattelschweine sind robust. Quelle: Patricia Chadde
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Vesbeck

Vier muntere Schweine, jedes rund 140 Kilogramm schwer, drehen in diesen Tagen auf rund 1000 Quadratmetern ihre Runden. Sie können sich unter mächtigen Eichen tummeln und mit ihren Schnauzen den Boden auf der Suche nach Fressbarem durchwühlen. Die Suhle neben ihrer Hütte wird ebenfalls gerne für ein Schlammbad genutzt. Die Angler Sattelschweine haben also ein richtig schönes Schweineleben.

Vier Schweine machen überraschend viel Arbeit

Im April haben vier Vesbecker die vier männlichen Ferkel gekauft und umsorgen sie seitdem nach allen Regeln der Kunst. Gemüse und Obst, trockenes Brot und Getreide sowie Essensreste aus dem eigenen Haushalt kommen mehrmals täglich in den Futtertrog. Auch ein nahe gelegener Supermarkt überlässt sein nicht mehr ansehnliches, aber unverdorbene Obst und Gemüse den Hobbymästern. Abwechslungsreiches Futter, frisches Wasser, ein großer Auslauf plus Hütte mit Stroh zum Wälzen: Das ist die schöne Schweinewelt, die aber viel Arbeit macht. Einmal pro Monat hat jeder Hobbymäster Dienst und schaut mehrmals täglich nach dem Rechten.

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Kontrolle muss sein: Tierarzt Dr. Hendrik Nienhoff überprüft die Vesbecker Schweinemastanlage genau. Er attestiert der Tierärztin und Halterin Dr. Lydia Fischer ordnungsgemäße Zustände. Quelle: Patricia Chadde

Schutz vor afrikanischer Schweinepest ist wichtig

Lydia Fischer, promovierte Tierärztin, ist die treibende Kraft in dem Quartett und zugleich die Expertin für Tiergesundheit. Zahlreiche Auflagen müssen eingehalten werden. Stall und Auslauf haben den gesetzlichen Anforderungen zu entsprechen und sind besonders zu sichern. „Es darf kein Wildschwein die Möglichkeit bekommen, auf das Gelände einzudringen“, erläutert Fischer. Auf diese Weise soll die Ansteckung mit Seuchen wie der afrikanischen Schweinepest verhindert werden. „Die Infektionskrankheit ist gefürchtet“, sagt die Tierärztin. Die Veterinärbehörde der Region Hannover hat den vierköpfigen Vesbecker Tierbestand im Blick, ebenso die Landwirtschaftskammer. Auch sie kontrolliert die Einhaltung der Auflagen.

Alte Rasse war schon fast verschwunden

Geht morgens die Stallklappe auf, schauen die Rüsseltiere gleich nach, ob es auch etwas zu fressen gibt. Quelle: Patricia Chadde

Die munteren Borstenviecher stammen übrigens aus edler, alter Zucht. Angler-Sattel lautet der Name dieser alten Haustierrasse, von denen Anfang der Neunzigerjahre nur noch wenige Exemplare in Schleswig-Holstein gehalten wurden. Die Zucht war fast vollständig zum Erliegen gekommen. Sie sind sehr robust, schwächeln aber im Vergleich zu Hochleistungsrassen bei der Futterverwertung. Die Tiere sind an ihrem Sattel zu erkennen, der weißen Verfärbung ihres sonst schwarzen Borstenkleides am Rücken.

Die letzten Schweine im Dorf

Nicht allein die Rasse hat in Vesbeck Seltenheitswert. Die Vier sind mittlerweile die einzigen Hausschweine des Ortes. „Das war mal ganz anders“, erinnert sich Einwohner Jürgen Lüers, der fast sein ganzes Landwirtsleben lang selbst Schweine mästete. Noch vor fünf Jahrzehnten hielt jeder Bauer eine meistens sehr übersichtliche Zahl Schweine – teils zur Selbstversorgung, teils zum Verkauf. Später spezialisierten sich erste Betriebe, bauten auch in Vesbeck Ställe für 200 oder 400 Schweine. Doch auch das ist bereits Vergangenheit. Heute gibt es im Dorf nur noch drei Vollerwerbsbetriebe, doch Schweine hält von ihnen keiner mehr.

Jeder der drei Höfe ist spezialisiert: auf Ackerbau und Hähnchenmast, auf Kartoffeln, auf Milchkühe und Biogas. Platz für Schweine gibt es nicht mehr, was den geringen Erlösen für Schweinefleisch geschuldet ist. Nur die Mast in größeren Einheiten der spezialisierten Betriebe kann noch Gewinn bringen. „Unsere Art der Tierhaltung ist wirklich ein teures Vergnügen", sagt Tierärztin Fischer. Wobei die zahlreichen Arbeitsstunden der vier Mäster gar nicht eingerechnet sind.

Dankbarkeit für jeden Bissen Fleisch

Die Suhle ist ein begehrter Aufenthaltsort. Quelle: Patricia Chadde

Jedes Kilogramm im freien Auslauf erzeugtes Schweinefleisch koste ein Vielfaches der eingeschweißten Ware im Discounter. „Ich esse jedes Stück mit Hochachtung vor dem Tier, das sein Leben dafür gelassen hat", sagt die Tierärztin. „Und ich bin dankbar für jeden Bissen“. Die Haltung in heute üblichen Großbeständen verurteilt sie nicht: „Es wird produziert, was die Käufer wünschen.“ Ein wenig mehr Demut, ein Bewusstsein für das Tier, das getötet und gegessen wird, sei aber sicher wünschenswert, meint Fischer.

Schnaps und Taschentuch, wenn das Schwein am Haken hängt

In wenigen Tagen geht es für die Vesbecker Vierbeiner erst zur Lebendbeschau durch einen Tierarzt. Hat er nichts zu beanstanden, werden die Schweine geschlachtet, anschließend folgt die Untersuchung auf Trichinen und andere Krankheitserreger. Dann können die vier Hobbymäster einen Spruch aufsagen, der im Ort eine Jahrhunderte alte Tradition hat. „Wenn das Schwein am Haken hängt, wird erstmal einer eingeschenkt.“ Schlachter, Bauer und Helfer gönnten sich seinerzeit einen Schnaps. Ein Prost auf das Schwein, das sein Leben hinter sich hatte und dessen Fleisch, Fett, Blut und Borsten vollständig verwertet wurden.

In Vesbeck wird möglicherweise auch kurz ein Taschentuch gezückt. Denn die Zeit mit den neugierigen, zahmen Schweinen liefert neben Wurst und Braten auch tierisch schöne Erinnerungen.

Vier Schweine der alten Haustierrasse Angler Sattelschweine leben unter mächtigen Eichen auf einem Freigelände in Vesbeck. Vor dem Winter geht es zum Schlachter.

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Von Patricia Chadde

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