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Umland Pattensen Nachrichten Senior soll Heimbewohnerin den Arm abgerissen haben
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00:16 28.10.2017
Von Michael Zgoll
Der Angeklagte leidet an Demenz.  Quelle: Heidrich
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Hannover

Er trennte der 88-jährigen Bewohnerin eines Pattenser Pflegeheims einen Arm ab, fügte ihr schwere Kopfverletzungen zu und brachte sie damit zu Tode. Doch ins Gefängnis muss der 76-jährige Täter nicht, denn er ist schwer dement. Das Schwurgericht ordnete gestern an, den Senior in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen. Nach den Worten des Kammervorsitzenden Wolfgang Rosenbusch ist die Tat als Totschlag zu werten, auch wenn der 76-Jährige überhaupt nicht schuldfähig ist. Verteidiger Holger Nitz sprach von einem „tragischen Unfall“.

In einem Pattenser Seniorenheim hat ein 75-Jähriger Bewohner eine 88-jährige Mitbewohnerin attackiert und dabei lebensgefährlich verletzt. Der Mann soll laut Polizei dement sein.

Das Drama ereignete sich am 25. Mai 2017 in einem Heim der Deutschen Seniorenstift Gesellschaft (DSG). Vielleicht, so ein psychiatrischer Gutachter, glaubte der 76-Jährige, dass die Frau in seinem Bett liege. Der zur Tatzeit sehr korpulente Mann habe sich möglicherweise auf sie geworfen und ihren Kopf gegen die Bettkante geschlagen. Ihre beiden Arme waren verletzt, der linke Arm aber wurde derart ausgehebelt – eventuell unter einer Bettplanke hindurch –, dass er abriss und nur noch von Gewebeteilen am Rumpf gehalten wurde. Das Unglück ereignete sich gegen 14.15 Uhr. Trotz einer Not-OP starb die Patientin um 22 Uhr.

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Das Opfer war nach Angaben eines Pflegers die „hilfloseste Patientin im ganzen Wohnbereich“. Sie war selbst dement, ihr waren die Beine amputiert worden und sie konnte nicht mehr sprechen. Was genau an jenem Tag im Mai passierte, weiß niemand; der 76-Jährige konnte sich schon unmittelbar nach dem schrecklichen Ereignis an nichts mehr erinnern. Klar ist nur, dass an den Händen des früheren Bäckermeisters und Taubenzüchters das Blut des Opfers klebte. Kurz zuvor hatte er sich mit einem anderen betagten Heimbewohner gestritten, diesem ins Gesicht geschlagen und ihm leichte Verletzungen zugefügt.

Im Gerichtssaal hockte der weißhaarige alte Herr, der nur noch mühsam gehen kann, ganz friedlich auf der Anklagebank. Seine Tochter (49) saß neben ihm, um ihn notfalls zu beruhigen. „Aufgrund seiner Größe und Kraft war er früher eine Respektsperson, durchaus dominant“, sagte sie. Doch das habe sich mit der demenziellen Erkrankung, die vor fünf Jahren begann, massiv verändert. Mehrere Pfleger sagten aus, dass der 76-Jährige zwar oft umgänglich, manchmal aber auch verbal aggressiv aufgetreten sei – besonders wenn er gewaschen werden sollte. Die Attacke auf die Mitbewohnerin traute ihm aber niemand zu.

Gutachter Ulrich Diekmann erklärte, der Täter sei unberechenbar; die Gefahr, dass sich eine ähnliche Tat wiederhole, sei durchaus gegeben. Das Schwurgericht folgte dieser Einschätzung und verwarf die Idee, den Senior erneut in einem Pflegeheim unterzubringen.     

 

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