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Nachrichten Ursache für Cessna-Absturz in Empelde steht fest
Umland Ronnenberg Nachrichten Ursache für Cessna-Absturz in Empelde steht fest
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21:56 29.04.2010
Von Mathias Klein
Trümmerfeld an der Kalihalde: Der damals 21-jährige Stephan K. stürzte mit einer gestohlenen Cessna ab – und starb in dem Wrack. Quelle: Michael Thomas

„Erst dachten wir, der macht Luftbilder“, sagt Christiane Hein. Einen Kreis nach dem anderen dreht das kleine Flugzeug über ihrem Haus im Ronnenberger Ortsteil Benthe, immer links herum, immer mit gleich bleibendem Motorengeräusch. Die heute 61-Jährige sitzt an jenem sonnigen Vormittag des 1. Mai 2004 mit ihrer Familie im Garten. Unten herrscht ausgelassene Stimmung, von oben brummt der Motor. Christiane Hein wird das irgendwann unheimlich, sie bekommt es mit der Angst zu tun. „Da habe ich meine Enkelkinder rein geschickt. Ich dachte, der stürzt hier ab.“ Zeitgleich holt ihr Ehemann die Videokamera aus dem Haus und filmt das blau-weiße Flugzeug, das über den Dächern kreist. Seine Frau, von Beruf Schneidermeisterin, sollte Recht behalten.

Ein paar Meter weiter Richtung Kaliberg liegt die Kleingartenkolonie „Waldfrieden“. Der sommerliche Feiertag hat viele Benther in ihre Gärten gelockt, zum Entspannen und zum Feiern. In der kleinen Gaststätte der Kolonie spielt ein Orchester Mai-Lieder, bis kurz vor elf Uhr das Motorengeräusch die Musik übertönt.

Rund sieben Stunden zuvor, gegen 4 Uhr, hat die Polizei in Hannover in der Weltausstellungsallee einen BMW gestoppt, der mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs gewesen ist. Am Steuer sitzt Stephan K. Der 21-Jährige hat in einer Diskothek gefeiert. Er muss das Auto stehen lassen, die Polizisten nehmen ihn für eine Blutprobe mit zur Wache. Der junge Mann ist „friedlich, freundlich und kooperativ“, wird im Einsatzprotokoll der Polizei notiert. Die Blutprobe ergibt 1,92 Promille. Die Beamten behalten den Führerschein, auch den Autoschlüssel muss der Mann auf der Wache abgeben.

Zwei Stunden später fällt Stephan K. erneut auf. In einem VW Golf ist er auf der Autobahn 28 zwischen Delmenhorst und Oldenburg unterwegs – in Schlangenlinien. Aber die von anderen Autofahrern alarmierte Polizei kann den Wagen des 21-Jährigen nicht stoppen, sie kommt zu spät.

Stephan K. ist auf dem Weg zum kleinen Flugplatz Oldenburg-Hatten. Dort schlägt er eine Fensterscheibe im Erdgeschoss des Towers ein, nimmt sich aus einem Schlüsselkasten die Schlüssel für den Flugzeughangar sowie für eine viersitzige Cessna 172, die stets vollgetankt darin abgestellt ist. So steht es im Untersuchungsbericht, den die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) jetzt veröffentlicht hat.

Um 7.34 startet die Cessna mit Stephan K. unbemerkt vom Flugplatz Oldenburg-Hatten. Kurz nach dem Start der Maschine mit dem Kennzeichen D-EEJK schaltet der Pilot den Transponder ein, sodass die gesamte Wegstrecke des 3,26 Stunden dauernden Fluges aufgezeichnet wird.

Stephan K. hatte zwei Jahre zuvor seinen Pilotenschein gemacht. Sein großer Traum: Er wollte Berufspilot werden. Bei seinen Fliegerfreunden in Oldenburg-Hatten galt er als guter Pilot, der nie Risiken einging. Der junge Mann verdiente sein Geld als Flugzeugmechaniker in Lemwerder.

Stephan K. steuert die Maschine sofort in Richtung Hannover. „Siebenundreißig Minuten nach dem Start meldet sich der Flugzeugführer auf der Towerfrequenz des Verkehrsflughafens Hannover“, heißt es im Untersuchungsbericht der BFU. Dort erhält Stephan K. die Freigabe für zwei Anflüge auf die Landebahn. Anschließend weist der Towerlotse den Piloten an, nach Süden in Richtung Stadt abzudrehen. Jetzt ist es 8.45 Uhr, das ist der letzte Kontakt, den der Tower mit dem Piloten hat. Auf spätere Aufforderungen, per Funk zu antworten, reagiert der Pilot nicht.

Die Cessna kreist jetzt über den südlichen Stadtteilen von Hannover, die Flughöhe variiert zwischen 150 und 1300 Metern. Besorgte Bürger rufen bei Polizei und Feuerwehr an. Um 10.40 Uhr beobachtet die Besatzung eines Polizeihubschraubers die Cessna, die einen Linkskreis nach dem anderen dreht. Dabei wird die Maschine durch den Wind aus südöstlicher Richtung immer weiter nach Südwesten abgetrieben. Die Piloten des Polizeihubschraubers wundern sich über die Kreise, die die Maschine ohne Steuerbewegung und ohne Veränderung der Fluglage dreht.

Alarmiert von der Flugsicherung starten in Wittmund auch zwei Phantom-F-4-Jagdflugzeuge, mit „unbekanntem Einsatzbefehl“, wie Fritz Kühn von der Flugunfallstelle in seinem Bericht schreibt. Die Abfangjäger können wenig später umdrehen, ihr Auftrag hat sich erledigt.

Gegen 11 Uhr kracht es erst gewaltig, dann sehen Christiane und Werner Hein vom Vorgarten aus, wie eine schwarze Wolke aufsteigt. Werner Hein schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt zum Kaliberg. Als er an der Absturzstelle ankommt, steht das Wrack der Cessna in Flammen. Das Hinterteil der Maschine ist in einem Baum steckengeblieben. Hein und zwei andere Helfer haben noch Hoffnung. „Wir haben geguckt ob der Pilot irgendwo liegt, ob er vielleicht rausgefallen ist.“ Angesichts des Flammenmeers geben sie schnell auf. „Da konnte man nichts mehr machen.“

Irgendwann vor dem Absturz muss Stephan K. den Autopiloten eingeschaltet haben. Linkskreise, damit hält sich das Flugzeug stabil in der Luft. Allerdings besaß der Autopilot keine Höhenautomatik. So sinkt die Cessna nach und nach immer tiefer und fliegt schließlich mit der linken Tragfläche gegen einen Baum am bewaldeten Fuß der Abraumhalde. Beim Aufprall am Hang kommt es zur Explosion.

Sechs Jahre später denken die Heins noch oft an den 1. Mai 2004. Früher waren ihnen die kleine Flugzeuge über den Dächern von Benthe egal. Das ist jetzt anders. „Immer, wenn ich so ein kleines Flugzeug sehe oder höre, habe ich Angst“, sagt Christiane Hein.