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Umland Seelze Nachrichten Seelze richtet Beratungsstelle ein
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13:35 25.02.2012
Gleichstellungsbeauftragte Gabriela Giesche präsentiert ein Faltblatt, das von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen erste Anlaufstellen präsentiert. Quelle: Tschörner
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Seelze

Bürgermeister Detlef Schallhorn hatte dem Rat die Einrichtung einer Beratungsstelle für die Opfer von häuslicher Gewalt vorgeschlagen. Denn in Seelze gebe es ein größeres Problem mit häuslicher Gewalt.Zwar wurde 2011 mit 169 Anzeigen erstmals ein Rückgang um 13,1 Prozent registriert. Im Vorjahr wies die Statistik aber noch 190 Fälle aus. Die deutlich größere Nachbarstadt Garbsen verzeichnete 205, Wunstorf 68 und Neustadt 100 Fälle. Der Bürgermeister hatte deshalb betont, dass die Stadt das Problem nicht ignorieren könne und sich trotz knapper Kassen kümmern müsse.

„Wir erhoffen uns von der Beratungsstelle weiter rückläufige Zahlen“, sagt Gleichstellungsbeauftragte Gabriela Giesche. Möglicherweise seien die Zahlen bislang auch so hoch, weil die Stadt keine Beratungsstelle hat. Denn grundsätzlich könne sie keine Besonderheiten ausmachen, die die vielen Fälle von häuslicher Gewalt in der Obentrautstadt erklären würden. Giesche betont, dass häusliche Gewalt kein Sozialproblem sei. „Auch in den sogenannten bildungsstärkeren Familien ist es ein Thema.“

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Vielfach spiele Alkohol eine Rolle. Auch Arbeitslosigkeit könne ein Grund sein. Als weitere mögliche Ursache nennt Giesche, dass die Geschlechterrollen heute anders definiert seien. „Wir haben aber auch eine hohe Anzahl an Wiederholungstätern.“ Insbesondere diesen Fällen könne mit der Beratungsstelle begegnet werden. Denn die Frauen kämen allein nicht aus der Gewaltspirale. „Frauen sind außerdem oft so überwältigt, dass ihnen so etwas passiert, dass sie es nicht wahrnehmen.“

Letztlich könne aber niemand sagen, warum die Fallzahlen in Seelze so hoch sind, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Wissenschaftliche Untersuchungen über häusliche Gewalt gebe es für die Stadt nicht. Die Öffentlichkeit wisse aber, dass die Stadt offen mit dem Thema umgehe. Die Polizei sei sensibilisiert (siehe Text unten), die Zusammenarbeit mit der Stadt sehr gut. Mit Vertretern von unter anderem Polizei, Anwaltschaft, Frauenhäusern, der AWO-Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt und der sozialpsychiatrischen Beratungsstelle habe die Stadt zudem einen Runden Tisch „Häusliche Gewalt“ eingerichtet. Ziele sind unter anderem eine bessere Vernetzung sowie ein Erfahrungsaustausch zur Verbesserung von Hilfsangeboten. Giesche hat auch eine Gesprächsrunde zum Thema „Zivilcourage – leicht gesagt und schwer getan?!“ nach Seelze geholt, die am Dienstag, 6. März, um 17.30 Uhr im Raum E 21 des Rathauses beginnt.

Für die Veranstaltung, die die in Hannover laufende Ausstellung „Rosenstraße 76“ über Gewalt in der Familie begleitet, nimmt die Polizeiinspektion Garbsen Anmeldungen unter Telefon (0 51 31) 70 10 sowie nach einer E-Mail an praevention@pi-garbsen.polizei.niedersachsen.de entgegen.

Im Polizeikommissariat Seelze beschäftigt sich ein Sachbearbeiter gezielt mit den Fällen häuslicher Gewalt, sagt Uwe Strozyk, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes (KED). Die Beamten seien sensibilisiert, ebenso wie viele Seelzer. „Nicht jeder Streit eines Ehepaares ist gleich ein Fall“, sagt Strozyk.

Dies schlägt sich auch in der Statistik nieder. So wurde die Polizei im vergangenen Jahr insgesamt 299-mal gerufen – Fälle, wo es Probleme gegeben und irgendwer um Hilfe gebeten hatte. Ein großer Teil war strafrechtlich nicht relevant, die Ermittler leiteten aber für 169 Straftaten ein Verfahren ein. „In der Masse sind es keine schwerwiegenden Straftaten“, sagt der KED-Leiter. Viele Fälle (87 Prozent) bewegten sich im Bereich der Beleidigung, Nötigung oder Körperverletzung. 18 Prozent der Opfer erlitten aber auch Verletzungen – leichte, überwiegend. 52 Männer tauchen als Mehrfachtäter in der Statistik auf. Tragisch sei, dass in 164 Fällen insgesamt 297 Kinder in den betroffenen Haushalten lebten. Besonders betroffen seien die Altersgruppen zwischen 21 und 40 Jahren, die bei den Opfern rund 62 Prozent und bei den Tätern etwa 72 Prozent ausmachten. Bei den über 50-Jährigen seien es dagegen lediglich 6,8 Prozent der Opfer und 9,5 Prozent der Täter.

Inzwischen würden auch vermehrt Männer zu Opfern, auch wenn sie mit 110 (35,5 Prozent) immer noch deutlich in der Unterzahl gegenüber den 200 Frauen (64,5 Prozent) sind. Dass es bei 299 Fällen 310 von Gewalt Betroffene gibt, erklärt sich daraus, dass es elf Mal mehr als nur ein Opfer gab.

Über die Zunahme von männlichen Misshandelten kann Strozyk nur spekulieren. „Es kann sein, dass Männer jetzt öfter um Hilfe bitten.“ Dies sei bei dem früher tabuisierten Thema häusliche Gewalt eher selten der Fall gewesen.

„Wir setzen so niederschwellig wie möglich an, um den Menschen gleich eine Hilfestellung zu geben.“ So verständigten die Beamten auch Kriseninterventionsstellen wie die Beratungsstelle der AWO, erteilten Platzverweise und nähmen Täter in Gewahrsam. Eine eigene Beratungsstelle für Seelze begrüßt Strozyk ausdrücklich, weil die Opfer dann kürzere Wege hätten. „Viele fahren nicht nach Hannover.“ Wenn die Sozialarbeiter vor Ort wären, seien sie auch eher in den Familien.

Thomas Tschörner

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