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Seelze 118 Frauen in Seelze wurden 2018 Opfer von häuslicher Gewalt
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Seelze: 118 Frauen in Seelze wurden 2018 Opfer von häuslicher Gewalt

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06:00 03.06.2019
„Gewalt kann Frauen jeden Alters treffen“: Katharina Krüger ist die neue Ansprechpartnerin für Frauen in Seelze. Quelle: AWO Region Hannover
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Seelze

Zunächst führt Annika Meyer eine harmonische Beziehung: Sie lebt mit ihrem Partner zusammen, die beiden verstehen sich bestens, denken über Kinder nach. Doch als Meyer schwanger wird, ändert sich das Verhalten ihres Partners: Er fängt an, sie zu kontrollieren, ihr Dinge zu verbieten, sie zu schlagen. Katharina Krüger kann sich gut an den Fall erinnern: Annika Meyer, die in Wirklichkeit anders heißt, sei eine der ersten Frauen gewesen, die sie in Seelze beraten habe, sagt die 25-Jährige. Krüger ist neue Ansprechpartnerin in der Frauenberatungsstelle der AWO am Rathausplatz. Zunächst hat Krüger nur als Vertretung in Seelze gearbeitet. Jetzt ist sie dauerhaft für die Frauen da. 

„Gewalt kann vielschichtig sein“

Meyer sei kein Einzelfall, sagt die Sozialarbeiterin. „118 Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen mit insgesamt 103 mitbetroffenen Kindern hat es im vergangenen Jahr in Seelze gegeben.“ Dabei sei die Gewalt in 56 Prozent der Fälle vom Partner ausgegangen, zu 32 Prozent vom Ex-Partner und in 12 Prozent der Fälle von Familienmitgliedern. „Unter häuslicher Gewalt wird meist körperliche Gewalt verstanden, aber Gewalt kann vielschichtig sein“, erläutert Krüger. „Gerade psychische Gewalt kann das Leben von Frauen zur Hölle machen.“ Darunter fallen etwa Beleidigungen, Druck, Manipulationen, Verbote, Ausnutzen der finanziellen Abhängigkeit. Die 25-Jährige appelliert an Freunde, Bekannte und Verwandte von Opfern, nicht wegzuschauen: „Zu mir in die Beratung können auch Menschen kommen, die häusliche Gewalt in ihrem Umfeld beobachten und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.“

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Krüger hat Soziale Arbeit in Coburg und Hildesheim studiert, derzeit macht sie nebenbei ihren zweiten Masterabschluss. „Ich lerne einfach gern Neues“, sagt sie. Bereits im Bachelorstudium stand für sie fest, dass sie später Frauen beraten möchte. Damals legte sie ein Praxissemester in Schottland in einer Frauenberatungsstelle mit angeschlossenem Frauenhaus ein. „Dort kam ich gleich mit richtig schweren Fällen von körperlicher Gewalt in Berührung“, sagt die 25-Jährige. Die Beratungen forderten sie immer wieder aufs Neue heraus, weil Frauen mit unterschiedlichen Problemen zu ihr kämen. Erfüllend sei es für sie, wenn sie das Leben dieser Frauen nach deren Wünschen verändern könne.

Mehrere Optionen für die Frauen

Wenn jemand zur Beratung komme, gehe sie die möglichen Optionen durch, erläutert Krüger. So könnten Opfer von Gewalt etwa einen Gewaltschutzantrag stellen, über den in einem Eilverfahren vor Gericht entschieden werde, damit der gewalttätige Mann aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen müsse. Eine weitere Möglichkeit sei der Gang in ein Frauenhaus, um Schutz zu finden. Für diese Variante hat sich letztlich Annika Meyer nach mehreren Beratungen bei der AWO entschieden.

„Jede vierte Frau in Deutschland erlebt Gewalt in einer Beziehung“, sagt Krüger. „Und Gewalt kann Frauen jeden Alters treffen.“ Kürzlich habe eine ältere Frau, die ihren Ehemann pflegt, die AWO-Beratungsstelle aufgesucht, weil sie ständig von ihm beleidigt werde. „Sie will sich aber nicht von ihm trennen, weil sie ihn liebt. Deshalb habe ich mit ihr zusammen Unterstützungsangebote herausgesucht, damit sie entlastet wird. Jede Frau bekommt eine für sie passende Beratung“, sagt Krüger.

Info: Die Beratung für Frauen bei häuslicher Gewalt ist erreichbar unter Telefon (05120) 9895671 und (0179) 4493417. Die Beratung unterliegt der Schweigepflicht, ist parteilich für Frauen und kostenlos. Sie ist auf Wunsch anonym. In Seelze gibt es offene Sprechstunden mittwochs von 15 bis 17 und donnerstags von 10 bis 12 Uhr.

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Von Linda Tonn

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