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Seelze „Beratungsstelle ist ein unverzichtbares Angebot“
Umland Seelze „Beratungsstelle ist ein unverzichtbares Angebot“
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13:02 16.11.2018
"Frauen abholen, wo sie sind": Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Giesche (links) und Sozialarbeiterin Sarah Ogiermann vor der dem Sozialen Haus am Rathausplatz. Quelle: Linda Tonn
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Seelze

 Wenn es um Gewalt geht, kennt Sarah Ogiermann keine Ausreden. „Dass einem die Hand einfach ausrutscht, gibt es nicht“, sagt sie. „Zumal es nicht bei dem einen Mal bleibt.“ Das versucht die Beraterin jeder der Frauen zu vermitteln, die sie in der AWO-Beratungsstelle für Frauen im Sozialen Haus am Rathausplatz aufsuchen. Was in den Räumen gesprochen wird, ist sensibel und vertraulich – trotzdem ist es Ogiermann wichtig, von ihrer Arbeit zu erzählen. Davon, wie sie Frauen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben begleiten möchte.

Seit 2012 gibt es in Seelze diese Anlaufstelle für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. „Ich bin froh, dass sich die Politik dazu durchringen konnte“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Gabriela Giesche. Sie ist vonseiten der Verwaltung für die Beratungsstelle zuständig und weiß, welche Bedeutung das Büro für die Frauen hat. Sowohl Giesche als auch Ogiermann sehen aus ihrer Tätigkeit den hohen Bedarf an Unterstützung. In den vergangenen Jahren nahmen jährlich durchschnittlich 70 bis 80 Frauen das Angebot an. Kostenlos, anonym und vertraulich bekommen sie hier Hilfe und wenn nötig auch Schutz und Informationen über ihre Rechte. Ogiermann arbeitet seit Februar in der Beratungsstelle. Sie nimmt die Frauen in Empfang, lässt sich lange Zeit für das Gespräch und versucht Vertrauen aufzubauen. „Für mich ist es schon ein Erfolg, wenn die Frauen überhaupt kommen“, sagt sie. Denn nach wie vor sei das Thema häusliche Gewalt ein Tabuthema. „Sich beraten zu lassen, ist der erste Schritt.“

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Stadt will Zeichen gegen Gewalt setzen

Anlässlich des Gedenktags gegen Gewalt an Frauen und Mädchen am 25. November ruft die Gleichstellungsbeauftragte Gabriela Giesche zu einer ganz besonderen Aktion auf. Die Stadt Seelze will einem bundesweiten Aufruf der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes nachkommen und eine Fahne mit der Aufschrift „frei leben – ohne Gewalt“ hissen. „Unter der Devise Seelze zeigt Gesicht gegen Gewalt an Frauen und Mädchen wollen wir aus der Vogelperspektive ein Foto mit allen Teilnehmenden machen“, sagt Giesche. Sie lädt alle Seelzer ein, zehn Minuten aufzubringen und mitzumachen. Am Montag, 26. November um 12.30 Uhr und alternativ um 17 Uhr wird die Fahne gehisst – mittags auf dem Rathausplatz, abends im Foyer des Rathauses. Die Aktion der Menschenrechtsorganisation sei ein wichtiges Symbol, sagt Giesche. Das Foto werde auf der Internetseite der Stadt veröffentlicht und als Zeichen der Solidarität an Terre des Femmes geschickt. ton

Wie sie den Frauen weiterhelfe, sei unterschiedlich, erzählt sie. Manche wollten sich erst einmal informieren, manche stünden schon vor der Trennung vom gewalttätigen Partner. „Ich versuche, die Frauen dort abzuholen, wo sie stehen“, sagt die Sozialarbeiterin. Sie will nicht drängen und überreden, sondern unterstützen. In der Regel kommen die Frauen mehrmals. „Es kann sein, dass ich gemeinsam mit der Frau schaue, wo sie eine Wohnung findet, wie sie ihre Kinder schützen kann, wie sie finanziell unabhängig wird“, sagt Ogiermann. Manche Frauen seien aber noch lange nicht soweit, dass sie den Partner verlassen wollen. Auch das sei vollkommen in Ordnung. „Oft muss ich den Betroffenen auch erst einmal für sich klären, in was für einer Situation sie sich befinden“, sagt Ogiermann und erklärt, dass sich Gewalt oft in einer Spirale von Kontrolle, Reue, Verzeihen und erneuter Spannung bewegt. „Unwissenheit und Angst führt oft dazu, dass Frauen in diesen Situationen verharren“, sagt Giesche. Deshalb sei Aufklärung eine wichtige Aufgabe. „Wer einmal Gewalt ausübt, tut es wieder.“ Die Beratungsstelle sei deshalb ein unverzichtbares Angebot.

Die Betroffenen kämen aus allen sozialen Schichten, sagt Giesche. Auch Religion und Alter spielten keine Rolle. Besonders bedenklich sei die psychische Gewalt an Frauen.„Manche Männer reden ihren Frauen ein, dass sie nicht gut genug sind und geben ihnen das Gefühl, nichts richtig machen zu können. Andere halten ihre Frauen in finanzieller Abhängigkeit und lassen sie das immer spüren“, erklärt Ogiermann. „Wir wollen den Frauen die Kraft geben, aus der Beziehungsdynamik zu entkommen“, sagt Giesche. Wenn nötig mit gerichtlicher Hilfe und der Polizei. Natürlich seien auch Männer von häuslicher Gewalt betroffen, so die Gleichstellungsbeauftragte. Das mache etwa 10 Prozent der Fälle aus. Sie finden im Männerbüro eine Anlaufstelle.

Info: Die Beratung für Frauen bei häuslicher Gewalt ist erreichbar unter Telefon (05120) 9895671 und (0179) 4493417. Die Beratung unterliegt der Schweigepflicht, ist parteilich für Frauen und kostenlos. Sie ist auf Wunsch anonym. In Seelze gibt es offene Sprechstunden mittwochs von 15 bis 17 und donnerstags von 10 bis 12 Uhr. Für Garbsen stehen die Mitarbeiterinnen am Montag und Dienstag nach telefonischer Vereinbarung zur Verfügung.

Von Linda Tonn