Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Beim Nähen bleiben Sorgen außen vor
Umland Sehnde Nachrichten Beim Nähen bleiben Sorgen außen vor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:00 12.11.2015
Von Oliver Kühn
Helia (5) und Schad (9) schauen ihrer Mutter Sabiha beim Zuschneiden des Stoffes für ein Sofakissen zu.
Helia (5) und Schad (9) schauen ihrer Mutter Sabiha beim Zuschneiden des Stoffes für ein Sofakissen zu. Quelle: Kühn
Anzeige
Sehnde

Unter Leute kommen, Deutsch lernen, sich sinnvoll beschäftigen und damit integrieren lautet das Motto.

Von Oliver Kühn

. Raya hört aufmerksam zu, als ihr Erika Hellmich-Dabrunst die Nähmaschine erklärt. Eine elektrische. So etwas gibt es im Libanon kaum, dort wird noch klassisch per Hand genäht. Die 27-Jährige ist vor drei Monaten aus ihrer Heimat geflohen, weil ihr Mann zur Armee sollte. Mit ihrer dreijährigen Tochter Hiba sind sie in Sehnde gelandet - und kurz darauf beim Nähtreff. „Ich habe nichts zu tun und wollte etwas Neuen lernen“, sagt die Englischlehrerin. „Auch Deutsch.“ Das gehe schon ganz gut, denn viele Worte wie etwa „school“ und „Schule“ seien sehr ähnlich. Hier könne sie ihr Erlerntes aus dem Sprachkurs auch praktisch anwenden.

Wieder in Sicherheit zu leben - das war der Hauptgrund für die Flucht. „Dafür danke ich Gott“, sagt die 27-Jährige, während sie am Kleid für ihre Tochter näht. Aber eines ist für sie genauso klar: Wenn der Bürgerkrieg vorbei ist, wollen sie wieder zurück. „Ich habe mein Leben verloren, meinen Job, meine Familie.“

Neun Frauen sind inzwischen beim Nähkurs registriert, aus Afghanistan, Pakistan, Irak und Syrien. Sogar ein Stricktreff hat sich spontan gegründet. „Das klappt schon ganz gut, viele können bereits etwas Deutsch“, resümiert der DRK-Vorsitzende Hans-Jürgen Sommer. Sehnder haben bereits viele Nähmaschinen gespendet, doch damit alle auch an einer eigenen Maschine sitzen können, hat der Verein zur Förderung gemeinnütziger Zwecke in der Stadt Sehnde 600 Euro für Neuanschaffungen zur Verfügung gestellt.

Sechs ehrenamtliche Sehnderinnen unterstützen die Flüchtlingsfrauen. So wie Helle Eggebrecht. „Ich habe 45 Jahre Textilunterricht gegeben und kann hier was vermitteln“, sagt die 73-Jährige. Ähnlich sieht das eine andere Helferin. „Mir macht das Spaß, ich bin Rentnerin und habe Zeit“, sagt die 64-Jährige. Ihren Namen möchte sie allerdings nicht nennen - aus Angst vor Anfeindungen, wie sie sagt. Genäht werden Einkaufsbeutel, Kissenbezüge, Schals oder Kinderröcke. Material ist derzeit genügend vorhanden, Stoffspenden füllen inzwischen ganze Regale im DRK-Haus an der Breiten Straße.

Einige der Teilnehmerinnen leben schon länger in Deutschland und können auch gleich dolmetschen. Sabiha etwa, eine Kurdin aus dem Nordirak, wo die Terrormiliz Isis besonders schlimm gewütet hat. Seit 15 Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Sehnde, ihr Mann betreibt dort eine Änderungsschneiderei. Auch sie würde gern wieder zurückgehen. „Seine Heimat vergisst man nicht“, sagt die 36-Jährige. Aber dort finde man keine Ruhe, ständig herrsche Krieg, die Angst sei ein ständiger Begleiter. Beim Nähen könne sie das alles vergessen, sagt Sabiha. Und beugt sich wieder über den Stoff für neue Sofakissen.

Nachrichten Arbeitsunfall in Sehnde - Mann in Papierpresse eingeklemmt
11.11.2015
Oliver Kühn 11.11.2015
Achim Gückel 11.11.2015