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Sehnde Bauern protestieren mit Mahnfeuer gegen Agrarpaket
Umland Sehnde

Sehnde: Bauern protestieren mit Mahnfeuer gegen Agarpaket

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18:11 04.12.2019
Mit einem Mahnfeuer haben die Sehnder Landwirte gegen immer neue Auflagen für ihre Betriebe protestiert. Quelle: Oliver Kühn
Sehnde

Mit einem Mahnfeuer haben rund 30 Sehnder Landwirte gegen immer neue Umweltauflagen für ihre Betriebe protestiert. Mit der Aktion an der Kommunalen Entlastungsstraße nahe des Köthenwalder Kreisels wollten sie auf die neue bundesweite Bewegung „Land schafft Verbindung“ und die ihrer Meinung nach unzureichende Beteiligung an politischen Beschlüssen und deren Auswirkungen hinweisen. Die Bewegung kommt nicht vom Bauernverband, sondern direkt von den Landwirten selbst. Zudem stehen in Sehnde immer mehr grüne Kreuze auf Feldern, die vom stillen Protest gegen das Agrarpaket und die verschärfte Düngeverordnung zeugen, bei der viele Bauern um ihre Existenz fürchten.

Land schafft Verbindung: So heißt die neue Bewegung, der sich auch viele Sehnder Landwirte angeschlossen haben. Quelle: Oliver Kühn

Die Landwirte hatten sich übers Wochenende spontan zu der Aktion entschlossen und per Facebook und WhatsApp vernetzt. „Wir Berlinfahrer aus Sehnde wollten auch regional etwas machen“, sagt Mitorganisator Fabian Lehrke in Anspielung auf die Sternfahrt zur Bundeshauptstadt in der vergangenen Woche. Denn der Untertitel der Bewegung lautet „Wir rufen zu Tisch“ – man wolle eben miteinander statt übereinander reden. Damit meinen die Bauern vor allem die Bundesministerinnen für Landwirtschaft und Umwelt, Julia Klöckner (CDU) und Svenja Schulze (SPD). Auch bei der Sternfahrt zur Ministerkonferenz in Hannover im Oktober waren die Sehnder schon dabei.

Landwirte fühlen sich nicht vertreten

Der Frust und die Wut sind groß. „Die Gesetze sind nicht praktikabel“, kritisiert Axel Friehe, Landwirt und Ortsratsmitglied aus Rethmar. Die Bürokratie etwa bei Genehmigungsverfahren zur Lagerung von Gülle sei aufgebläht und kostspielig. „Mit uns wird aber vor neuen Gesetzen nicht geredet, wir fühlen uns deshalb nicht mehr richtig vertreten.“ Immer neue Verordnungen, weniger Einsatz von Düngemittel und mehr Bürokratie setzten der Branche massiv zu. „Wir sollen jetzt 40 Prozent weniger Dünger verwenden, als wir es aus Lehrbüchern gelernt haben, damit können wir die Qualität der Lebensmittel aber nicht halten“, verdeutlicht Friehe. Das betreffe Weizen genauso wie Raps, Kartoffeln und Zuckerrüben.

Und für Nitrat im Grundwasser werde immer nur die Landwirtschaft zur Verantwortung gezogen, meint Alfred Dröse aus Dolgen verärgert. Gleiches gelte für das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, dessen Einsatz in Deutschland die Bundesregierung reduzieren und ab 2024 ganz verbieten will, pflichtet ihm Friehe bei. „In Südamerika wird das überall eingesetzt.“ Doch die damit behandelten Lebensmittel, angebaut auf Flächen, für die vorher oft sogar noch der Regenwald gerodet worden sei, dürften dann doch nach Deutschland importiert werden – diese unterschiedlichen Standards empfinden die Landwirte als große Ungerechtigkeit. Man wolle faire Bedingungen und Preise für seine Produkte. Eine „permanent negative Stimmungsmache“, Diskriminierung und Mobbing von Angehörigen gehörten mittlerweile für viele landwirtschaftliche Betriebe zum Alltag, berichten die Organisatoren.

Bauern: Sind keine Brunnenvergifter

Fabian Lehrke geht noch einen Schritt weiter. „Möglicherweise macht die Politik aus falschen Daten Fakten.“ Damit meint der 34-Jährige die Messbrunnen, in denen die Nitratkonzentration gemessen wird. 84 Prozent der Brunnen hätten „sehr gute Werte“, und selbst bei den schlechteren Brunnen lägen viele noch unter dem zulässigen Grenzwert. Deshalb sollen die Brunnen, so habe es die Bundesregierung entschieden, künftig alle zwei Jahre kontrolliert werden. „Unser Messbrunnen in Höver zeigt aber seit Jahren keine Auffälligkeiten“, unterstreicht Lehrke. Was ihn auch ärgert: In einer Talkshow Anfang des Jahres habe Bundesumweltministerin Svenja Schulze gesagt, dass Deutschland das beste Trinkwasser Europas habe und man dies bedenkenlos aus der Leitung trinken könne. „Wir sind keine Brunnenvergifter“, resümiert Lehrke.

Grüne Kreuze mahnen gegen das Höfesterben

Im Sehnder Stadtgebiet zeugen immer mehr grüne Kreuze vom stillen Protest der Bauern gegen das Agrarpaket und vor allem gegen die Düngemittelverordnung. In Wehmingen an der Landstraße etwa haben Carsten Fricke aus Müllingen, Sören Heineke aus Wehmingen und Fabian Lehrke aus Sehnde solche Kreuze aufgestellt. „Für mich ist das nicht nachvollziehbar“, sagt Heineke. „Wir haben uns schon vor zehn Jahren freiwillig an regelmäßigen Bodenproben beteiligt.“ Dabei sei nichts Negatives festgestellt worden. „Unser Wasser zur Beregnung ist sauberes Trinkwasser.“ Aus der Kanalisation werde auch viel Nitrat ausgewaschen. Zudem gebe es in Sehnde hauptsächlich Ackerbauflächen und wenig Tierhaltung, deshalb sei Nitrat hier ein Problem.

Bei Tonböden etwa brauche man für das Wachstum einfach eine bestimmte Menge Dünger, ergänzt Fricke. Weniger Dünger bedeute weniger Erträge und Qualitätsverlust. „Sonst wird noch mehr Mais angebaut, weil dieser weniger Stickstoff braucht.“ Und aus dem sogenannten Backgetreide wie Weizen könne dann schnell reiner Futterweizen werden, gibt Lehrke zu bedenken.

Schaffe man zudem, wie gefordert, fünf Meter breite Ackerrandstreifen an Gräben, gingen diese Flächen für die Nahrungsmittelproduktion verloren. Doch dafür werde man nicht entschädigt, kritisiert Fricke. „Die Einkommenssituation wird dadurch immer schlechter, die familiengeführte Landwirtschaft ist damit in Gefahr.“ Jedes Jahr verschwänden so bundesweit 100 Hektar für die landwirtschaftliche Produktion. Weil auch die Bürokratie durch stetig neue Auflagen immer mehr ausufere, würden bald viele Nebenbetriebslandwirte aufgeben, weil dies alles zu teuer werde. „Das führt zu einem Höfesterben“, prophezeit Heineke.

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Von Oliver Kühn

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