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Sehnde Der Marathon-Mann verlässt das Rathaus
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Sehnde: Der Marathon-Mann verlässt das Rathaus

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14:50 30.10.2019
Über den Dächern von Sehnde: Carl Jürgen Lehrke kurz vor seiner Wiederwahl im Sommer 2011. Quelle: Insa Catherine Hagemann
Sehnde

Eine Überraschung hat jeweils den Anfang und das Ende von Carl Jürgen Lehrkes Amtszeit bestimmt. Seine Wahl zum zunächst ehrenamtlichen Bürgermeister 2001 war für Außenstehende genauso unerwartet, wie seine Abwahl im Mai dieses Jahres. Dazwischen lagen 18 Jahre ohne große Verwerfungen, nachhallende Fehlentscheidungen oder gar Skandale. Lehrke war ein Mann des Ausgleichs und kein Parteisoldat. Kein streitbarer Politiker wie sein Amtskollege in Burgdorf. Als „Sehnder Jung“ – Landwirt, Feuerwehrmann, fest verwurzelt – war er für die Sehnder Wähler lange eine feste Größe. Jetzt war es offenbar, wie andernorts auch, einfach Zeit für eine Veränderung.

Abschied schmerzte „Sehnder Jung“ auch menschlich

Lehrkes Abwahl kam auch für den Amtsträger selbst unvermutet. Der 62-Jährige hatte nicht mit dem Sieg seines SPD-Herausforderers Olaf Kruse gerechnet und war am Wahlabend sichtlich angeschlagen. Aber er versuchte seine politische Niederlage, die den Langzeitbürgermeister auch menschlich schmerzte, nicht mit Floskeln über mangelnde Wahlbeteiligung oder „wird haben es nicht geschafft die Wähler zu mobilisieren“ schönzureden. Der Wähler hatte entschieden. Auch wenn’s wehtut. Nun zieht Lehrke sich aus der Politik zurück und wird Pensionär, den eigenen Hof soll sein Sohn Fabian übernehmen.

Er habe „einen guten Job“ gemacht, hatte Lehrke noch in der Wahlnacht von sich überzeugt und auch ein bisschen trotzig gesagt. Tatsächlich hat sich Sehnde in diesen fast zwei Dekaden Amtszeit gut entwickelt. Der Bau der Kommunalen Entlastungsstraße – die wirklich so heißt – die Ausprägung des Slogans „Familienstadt Sehnde“ oder die Etablierung des auch in die Region strahlenden Bergfests auf der stillgelegten Kalihalde mit stets mindestens 10.000 Besuchern gehören dazu. Auch die Entflechtung der Wasser- sowie Gas und Stromversorgung mit der Gründung der Stadtwerke Sehnde und der Energieversorgung Sehnde als weitgehend städtische Töchter – und entsprechenden Einnahmen für die Stadt – fielen in seine Amtszeit.

Bevölkerung und Gewerbe wachsen

Die Stadt ist um 2000 Neubürger gewachsen, behutsam um rund 100 Bürger jedes Jahr, so wie es Lehrke und seine Verwaltung sich vorgenommen haben. Allerdings werden immer noch zu wenige Wohnungen gebaut, hatte die Region Hannover in einer Studie zur Wohnraumversorgung festgestellt. Vorbildlich war jedoch die Unterbringung von Flüchtlingen, die ab 2015 an die Stadt überwiesen wurden. Dezentral wurden sie meist in Wohnungen untergebracht, und Sehndes einzige Sammelunterkunft im ehemaligen Hotel Zur Linde in Höver hatte mit Dusche, Kühlschrank und Fernseher in jedem Zimmer tatsächlich Hotelstandard – was weithin Beachtung fand.

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Aber auch Firmen siedeln sich kontinuierlich etwa im Gewerbegebiet am Borsigring an oder erweitern ihre Betriebe an der Gretlade in Höver – und investieren dort Millionen. Das war natürlich nicht nur Lehrkes Verdienst, sondern auch der guten Anbindung an B 65 und A 7 sowie der Zusammenarbeit mit dem Rat geschuldet, mit dem er als erster Sehnder Bürgermeister und Verwaltungschef in Personalunion stets einen breiten Konsens anstrebte. Aber das ist ja auch ein Verdienst.

Das zeigte sich nicht zuletzt bei der Ankündigung des Landes, Wasser aus dem Atomendlager Asse ins stillgelegte Sehnder Bergwerk Friedrichshall einleiten zu wollen. Das macht vielen Bürgern Sorgen, und auch Lehrke äußerte sich öffentlich, dass er damit „unglücklich“ sei – und rang dann Land, Bergbauamt und Bundesgesellschaft für Endlagerung mithilfe des Rats immerhin bessere und gar nicht vorgesehene Kontrollmöglichkeiten ab. Das kommt ihm vielleicht auch einmal als einfacher Bürger zugute.

Bei Politik blieb Faust in der Tasche

Lehrke war stets gerade heraus, kein intellektueller Schönredner, auch kein geschliffener Rhetoriker. Bei seinen ersten Reden sei er noch rot geworden, erinnert sich ein langjähriger Weggefährte. Doch Lehrke wuchs mit seinen Aufgaben, lenkte die Geschäfte bald souverän, war klar in der Aussage, gerne jovial, manchmal begleitet von einem polternden Lachen. Den Landwirt in sich konnte und wollte er auch nicht verleugnen. Bei Anwürfen im Rat stieg ihm schon manchmal die (Zornes-)Röte ins Gesicht, doch die Antwort fiel stets beherrscht aus. Mit der Faust auf den Tisch zu hauen, sei eben nicht seine Art, hat er bekannt – und es sich manchmal doch gewünscht.

Da wundert es kaum, dass „Carl Jürgen“, so sprachen ihn auch viele Ratsmitglieder an, als guter Mensch, fairer Verhandlungspartner, ausgleichender Gesprächspartner und als nicht machtorientiert bezeichnet wird – selbst von seinen politischen Gegnern. Lehrke würde sie wohl Mitbewerber nennen. Das war zwar bei seiner Verabschiedung, wo die Person des Anlasses in (meist) hohen, wenn nicht höchsten Tönen gelobt wird. Aus ihnen klang ehrliche Anerkennung und Respekt. Diesen Status muss man sich erarbeiten, und das hat der heute 62-Jährige durch kontinuierliche Arbeit über 38 Jahre in der Kommunalpolitik getan. Ein Marathon-Mann. Dass die heutige Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, unter seiner Ägide in Sehnde ihre politische Karriere begonnen hat, ist da eher eine Randnotiz.

Misslungene Projekte oder Fehlentscheidungen, die Lehrkes Karriere nachhaltig belasten, gibt es nicht. Kritik vom politischen Gegner und sogar von politischen Weggefährten dagegen schon. Etwa über das schleppende Tempo bei der Erweiterung der Kooperativen Gesamtschule (KGS) und den Neubau der Sporthallen für die abgebrannte Turnhalle Waldstraße. Oder jüngst, dass die Verwaltung den Rat anderthalb Jahre über einen Umbau oder Neubau des Sehnder Feuerwehrhauses diskutieren lässt – mit Entwürfen, die so gar nicht machbar sind.

Aber bei 18 Jahren als Bürgermeister, davon mehr als 14 Jahre hauptberuflich, verwundern der eine oder andere Stolperstein nicht. Und die Sehnder Bürger haben ihm immerhin so lang die Treue gehalten. Anders als am Anfang und Ende war seine Wahl zum Hauptverwaltungsbeamten gegen einen aus Bonn eingeflogenen SPD-Herausforderer 2005 und seine Wiederwahl 2011 gegen den Sehnder Sozialdemokraten Wolfgang Toboldt deshalb keine Überraschung,

Als Feuerwehrmann auch Hand angelegt

Ehrenamt neben dem Hauptjob: Carl Jürgen Lehrke war auch als Feuerwehrmann beim Großbrand der Turnhalle im Juni 2016 dabei – ein schweißtreibender Einsatz. Quelle: Katja Eggers (Archiv)

Dass sich Lehrke so lange gehalten hat, lag sicher auch daran, dass er gut vernetzt war. Als Landwirt, als Kommunalpolitiker und nicht zuletzt in der Feuerwehr. Dies Ehrenamt nahm er buchstäblich wahr. Beim Großbrand der Turnhalle Waldstraße 2016 lief er dieser Zeitung verschwitzt und schwer atmend in voller Montur über den Weg – und hatte sich mitten im Chaos, Stadtoberhaupt hin oder her, natürlich keine Zeit für eine kurze Stellungnahme genommen. Dienst geht vor.

Auch sonst hat Lehrke das Ehrenamt ins Licht der Öffentlichkeit gerückt und ihm damit einen besonderen Stellenwert gegeben. Bürgernähe war ihm wichtig, zum Neujahrsempfang etwa können alle Bürger kommen, ganz ohne Einladung. Das ist nicht überall üblich. Die dortige Ehrung von jeweils drei engagierten Ehrenamtlichen oder Gruppen hat sich sogar die Stadt Burgdorf zum Vorbild genommen. Nicht das Einzige, was über Lehrkes Abschied hinaus Bestand haben wird.

Von Oliver Kühn

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