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Sehnde Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit: Ausstellung im Rathaus
Umland Sehnde

Sehnde: Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit

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15:06 26.11.2019
Wollen auf häusliche Gewalt und die Missachtung von Frauenrechten aufmerksam machen: Bürgermeister Olaf Kruse (von links), die Gleichstellungsbeauftragte Jennifer Glandorf, Brigitte Mende von der AWO-Frauenberatungsstelle, Mario Mantei vom Polizeikommissariat Lehrte und Thomas Vögel vom Arbeitskreis häusliche Gewalt. Quelle: Oliver Kühn
Sehnde

Viele Frauen sind häuslicher Gewalt ausgesetzt, auch in Sehnde – körperlich wie finanziell, psychisch und verbal. Rund 30-mal musste die Polizei im vergangenen Jahr zu Familien in Sehnde anrücken, um einen handfesten Streit zu schlichten – doch das betraf nur die körperliche Gewalt. Rechnet man die Dunkelziffer auch der anderen Fälle dazu, sind es in Sehnde einige Hundert betroffene Frauen und Männer. Das ist am Tag gegen Gewalt an Frauen bei der Eröffnung der Ausstellung zum 40-jährigen Bestehen der internationalen Frauenrechtskonvention im Sehnder Rathaus deutlich geworden.

„Verbale und nonverbale Übergriffe bei häuslicher Gewalt nehmen auch auf dem Land zu, wir haben hier einen großen Nachholbedarf“, sagte Bürgermeister Olaf Kruse. Das beginne etwa bei Schülern mit Migrationshintergrund gegenüber Lehrerinnen, von denen sie sich nichts sagen lassen wollten. Kruse appelliert deshalb an Schulen, sich die Ausstellung im Foyer an der Nordstraße einmal anzusehen. Auch Sonderführungen außerhalb der Rathausöffnungszeiten seien möglich.

Jede vierte Frau mindestens einmal betroffen

80 bis 85 Prozent der Täter bei häuslicher Gewalt seien Männer, sagte Mario Mantei, Leiter des Kriminalen Ermittlungsdienstes im Polizeikommissariat Lehrte. 30-mal hätten Beamte im vergangenen Jahr in Sehnde einschreiten müssen, Zahlen für dieses Jahr lägen aber noch nicht vor. Doch die Dunkelziffer sei viel höher –wie hoch genau, ist nicht bekannt.

Doch laut Studien sei jede vierte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen, rechnete Brigitte Mende von der AWO-Frauenberatungsstelle für Sehnde, Lehrte, Burgdorf und Uetze vor. Für Sehnde bedeutet dies, dass die Zahlen von häuslicher Gewalt im dreistelligen Bereich liegen. „Leider ja“, bestätigt Sehndes Gleichstellungsbeauftragte Jennifer Glandorf.

Häusliche Gewalt sei ein Mittel zur Machtausübung und Kontrolle, betont Glandorf. Dazu gehörten auch Drohungen, Erniedrigungen, die Zuteilung von Geld sowie soziale Isolation, wenn etwa der Ehemann bestimmt, mit wem sich seine Frau treffen darf. Finanzielle Abhängigkeit und Kinder seien die Hauptgründe, warum Frauen trotz der Gewalt zu Hause blieben, weiß Mende aus vielen Gesprächen mit Betroffenen. „Wenn sie zu uns in die Beratung kommen, ist das deshalb schon eine Erfolgsgeschichte.“ Ab dem nächsten Jahr könne man auch in Sehnde Beratungen anbieten, nachdem die Politik die Mittel erhöht habe.

Gewalt wird oft „vererbt“

Bitter dabei: Gewalt werde oft „vererbt“. Kinder würden oft die Täter-Opfer-Rollen verinnerlichen und verfielen später selbst in diese Muster, meint Mende. Wenn die Mutter geschlagen werde, sei dies für Kinder eine Katastrophe. Sie entwickelten Ängste, die sie womöglich ihr ganzes Leben begleiteten. „Kinder müssen lernen, dass gewalttätiges Verhalten nicht in Ordnung ist“, ergänzt Glandorf. „Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit mehr.“

Kruse appelliert deshalb an Nachbarn, die Augen- oder Ohrenzeugen von solcher Gewalt geworden sind, die Polizei zu rufen – um das Schweigen zu durchbrechen. Dabei könne das sogenannte Gewaltschutzgesetz helfen, das schlagende Partner für 14 Tage der Wohnung verweisen und ein Annäherungsverbot für die täglichen Wege etwa zur Arbeit oder Schule aussprechen könne.

Verletzungen mit Handy dokumentieren

Nach einer Studie der Polizei in Hamburg, so Mende, seien durchschnittlich sieben Polizeieinsätze nötig, bevor betroffene Frauen sich aus dem Teufelskreis lösen könnten oder wollten. Verletzungen wie blaue Flecke und Abschürfungen etwa sollten mit dem Handy dokumentiert werden – als Beweis für spätere Ermittlungen. Thomas Vögel vom Arbeitskreis häusliche Gewalt des Sehnder Präventionsrats erinnerte daran, dass die propagierte gewaltfreie Erziehung in den vergangenen 20 Jahren zwar einiges bewirkt habe und auch die „Anzeigewilligkeit“ gestiegen sei. Doch das Problem sei nach wie vor erheblich.

Das will die Ausstellung deutlich machen. Sie erinnert an die vor 40 Jahren verabschiedete internationale Frauenrechtskonvention CEDAW, die Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women, zu deutsch Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Elf Aufsteller beleuchten dabei verschiedene Themenkomplexe von Bildung über Arbeit bis zu politischer Beteiligung. Um die Aktion zu unterstützen, haben die Gleichstellungsbeauftragten und die Arbeitskreise gegen häusliche Gewalt der vier Kommunen 100.000 Brötchentüten mit dem Aufdruck „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ mit Telefonnummern von Beratungsstellen in Geschäften verteilt.

Die Ausstellung mit zehn Aufstellern im Rathausfoyer, Eingang Nordstraße 19, ist noch bis Dienstag, 3. Dezember, während der Öffnungszeiten zu sehen. Interessierte Schulklassen können Sondertermine mit der Gleichstellungsbeauftragten Jennifer Glandorf unter Telefon (05138) 707224 sowie per E-Mail an Jennifer.Glandorf@sehnde.de vereinbaren.

Ausstellung benennt, was nicht sein darf

CEDAW (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women) ist die wichtigste internationale Frauenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau wurde 1979 verabschiedet und von 163 Staaten unterzeichnet – selbst von Ländern wie Saudi-Arabien, wo Frauenrechte nach westlichen Maßstäben noch immer so gut wie keine Rolle spielen. Die USA allerdings haben die Konvention nicht ratifiziert. Das Abkommen benennt die vielfältigen Formen der Diskriminierung von Frauen – „alles, was nicht sein darf“, wie es Sehndes Bürgermeister Olaf Kruse ausdrückt. Weil aber die Inhalte den meisten Frauen und Männern nicht bekannt seien, hat der Verein Gleichberechtigung und Vernetzung die Ausstellung „Gleichstellung sichtbar machen“ entwickelt, die jetzt im Sehnder Rathausfoyer zu sehen ist.

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Von Oliver Kühn

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